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„Kein normales Mädchen“: Hineingeboren in die Fänge eines Mafia-Clans

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 25, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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„Kein normales Mädchen“Hineingeboren in die Fänge eines Mafia-Clans

24.05.2026, 16:33 Uhr Von Andrea Affaticati, Mailand
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Als Kind hält Giuseppina Pesce ihr Leben für ganz normal. (Foto: Piemme Editori)

Was bedeutet es, in die Mafia hineingeboren zu werden? Wann wird einem überhaupt bewusst, dass man in so einem Umfeld heranwächst? Und kann man sich dem entziehen? Fragen, auf die ein soeben erschienenes Buch Antworten sucht.

„Ich liebte meine Familie. Dass ich mit der Justiz zusammen gearbeitet habe, ist nur der Zukunft meiner drei Kinder geschuldet“, erzählt Giuseppina Pesce in dem soeben in Italien erschienenen Buch „La figlia del Clan. Un cognome da nascondere un destino da riscrivere“, was übersetzt heißt: „Die Tochter des Clans – Ein Name den es zu verstecken gilt, ein Schicksal, das neu geschrieben werden muss“. Das Buch hat sie zusammen mit Danilo Chirico geschrieben.

Giusy, wie er sie nennt, ist die erste Frau der ‚Ndrangheta, der kalabrischen Mafia, die sich entschloss, mit der Justiz zu kooperieren, ‚Collaboratore di giustizia‘ nennt sich das auf Italienisch. Mittlerweile lebt sie seit 15 Jahren unter Personenschutz und mit neuer Identität.

Der Nachname Pesce ist nicht nur in Rosarno, sondern weit über Kalabrien hinaus mehr als ein Begriff. Er steht für den mächtigsten aller Mafia-Clans der Region. Daher waren Giusys Aussagen von besonderer Bedeutung. Sie gab Informationen über die Mitläufer des Clans, darunter Politiker, Staatsanwälte, Polizisten, Geheimdienste, Gefängnispersonal. Anhand ihrer Rekonstruktionen wurden Verstecke aufgedeckt und das Geheimnis der Opfer von Auftragsmorden gelüftet. Ihre Leichen hatte man in der Nacht in namenlosen Friedhofsnischen beigesetzt.

Eine ganz normale Familie

Vor allem haben sich Giusy und der Autor im Buch aber auf die Frage konzentriert, was es bedeutet, in diesem Umfeld auf die Welt zu kommen und aufzuwachsen. Giuseppina Pesce ist 1979 in Rosarno geboren. Dass es sich dabei um eine Hochburg der kalabrischen Mafia handelt, erkennt sie erst viel später. Bis zu ihrem elften Geburtstag lebt sie eine, man könnte fast sagen, unbekümmerte Kindheit. Giovanni Falcone, der Staatsanwalt, der am 23. Mai 1992 von der Mafia ermordet wurde, pflegte zu sagen, „die Mafiosi sind keine Marsmenschen.“ Sie essen, schlafen, haben Familien, gehen ins Restaurant, schauen fern wie alle anderen.

Giusy erinnert sich an einen mehrtägigen Ausflug nach Gardaland, einen Vergnügungspark am Gardasee. Sie und ihre Brüder wollen alles ausprobieren, auch die steile Rutsche. Ihr Vater Salvatore weigert sich zu rutschen, er hatte Angst. Über diese Erinnerung legt sich der Schatten der Verhaftung des Vaters im Februar 1995. Die Mutter und Kinder erfahren aus dem Fernsehen davon. Er wird des Drogenhandels und der Beteiligung an einer Mafiaorganisation beschuldigt. Salvatore Pesce ist bis heute im Gefängnis.

„Vor Gericht fragt man dich, was es bedeutet, in einer Mafiafamilie aufzuwachsen, wann man sich dessen bewusst wird (…) Ich habe keine Antwort darauf. Du kommst da auf die Welt, wächst in sie hinein, ist halt so“, erzählt sie dem Autor.

Tief verinnerlichte Opfererzählung

Schon als Kind wird sie erzogen, Teil des Clans zu sein. Sie wächst in der Überzeugung auf, selbst Opfer zu sein, Polizei und Richter sind die Peiniger. Wann immer jemand verhaftet wurde, hieß es: „Die haben es auf uns abgesehen.“

Sie ist elf Jahre alt, als sie zum ersten Mal mit einem Mord konfrontiert wird. Onkel Pasquale Ferraro, erst 18 Jahre alt, wird während eines Überfalls erschossen. „In dem Moment wurde mir bewusst, kein normales Mädchen zu sein.“

Obwohl sie sich aus den Schicksalsfängen der Pesce befreit hat, verteidigt sie ihren Vater, dem sie als Kind besonders zugetan war, weiter. „Es wurde alles Mögliche über ihn gesagt. Wahr ist aber, dass er, genauso wie ich, in einem Umfeld lebte, zu dem er genau genommen gar nicht passte.“ Sogar ihr Entschluss, mit der Justiz zusammenzuarbeiten, sieht sie irgendwie auch als „das Ergebnis seiner Erziehung, der Werte, die er mir vermittelt hat“.

Die Frauen müssen gehorchen und basta!

Mit 15 wird Giusy zum ersten Mal Mutter. Es ist ein Mädchen, Chiara. Später kommen Leo und dann Maria Sole hinzu. Ihr Mann Rocco Palia, 21 Jahre alt, ist kein Mafioso, dafür kokainsüchtig und gewalttätig. Das entdeckt sie aber erst nach der Flucht mit ihm. Wegen Drogenhandels ist auch er immer wieder im Gefängnis. Für sie sind diese Zeiten eine Verschnaufpause – auch von seinen Schlägen.

Giusys Schicksal ähnelt dem vieler anderer Frauen von Mafiosi. Es ist ist ein Leben im Dienst des Clans. Will heißen, denn wenn die Männer im Gefängnis sind, kommen die Frauen ins Spiel. „Wir haben für das Überleben des Clans und die Einnahmen gesorgt“, gibt sie vor Gericht zu Protokoll.

Die Frauen mussten gehorchen und basta! Auf dem Friedhof von Rosarno steht ein Grabstein, der sie schon als Kind neugierig gemacht hat. Das Foto zeigt eine dreiköpfige Familie. Erst Jahre später erfährt Giusy deren Geschichte: Die Frau hatte einen Liebhaber und wurde von ihrem Vater erwischt. Der Mafia-Kodex sieht vor, dass der Ehemann die Frau tötet und so die Ehre der Familie wiederherstellt. Dieser weigerte sich jedoch, weswegen auch er ermordet wurde.

Die ‚Ndrangheta sind wir

7. Januar 2010. In Rosarno findet wieder eine Hetzjagd auf Schwarze Landarbeiter statt. Dieses Mal wird geschossen. Im Fernsehen heißt es, die Orangen aus Kalabrien seien in Blut getränkt. Hinter der Ausbeutung der Arbeiter stehe die ‚Ndrangheta. Giusys Sohn Leo fragt, was die ‚Ndrangheta denn sei und sein Vater antwortet: „Das ist die Familie deiner Mutter, die Pesce, das sind wir. Wenn du groß bist, wirst du’s verstehen.“ In diesem Moment schwört sich Giusy, mit ihren Kindern weg von Rosarno, weg von Kalabrien zu gehen. Sie will nicht, dass auch sie in die Fänge der Familie geraten. Nur wohin – ohne Geld, ohne Unterstützung?

Rückblickend ist ihre Verhaftung am 28. April 2010 Giusys Rettung und die ihrer Kinder. Es ist fast noch Nacht, als die Razzia stattfindet. Dieses Mal werden nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen verhaftet. Auch Giusys Mutter, Schwester und sie selbst werden weggebracht. Während der Fahrt nach Reggio Calabria wird Giusy der Haftbefehl übergeben. Sie blättert ihn durch. Die Liste der Pesce Verhafteten geht ins Unendliche. In diesem Moment wird ihr erst so richtig klar, dass die Pesce eine kriminelle Organisation sind. Giusy wird angeklagt, „als Vermittlerin zwischen ihrem Vater und der Außenwelt gedient zu haben“.

Im Gefängnis fällt sie in eine tiefe Depression, wird magersüchtig, versucht sich das Leben zu nehmen. Die Verzweiflung, ihre Kinder nicht sehen zu können, die Angst, auch sie könnten eines Tages mit demselben Schicksal bestraft werden, gibt ihr schließlich die Kraft, die Familienbande zu durchbrechen. Es ist der 14. Oktober 2010, als die Zusammenarbeit mit der Staatsanwältin Alessandra Cerretti beginnt. Es ist ein mühsamer Weg. Es kommt zu einem Rückfall, aber dann geht sie doch weiter. Sie dreht sich nicht mehr um.

Quelle: ntv.de

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