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Startseite»Politik»Krieg in der Ukraine: „Ich warne vor Überschwänglichkeit“
Politik

Krieg in der Ukraine: „Ich warne vor Überschwänglichkeit“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 6, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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interview

Stand: 06.05.2026 • 05:24 Uhr

Die Ukraine habe seine Drohnen-Fähigkeiten deutlich verbessert, sagt Militärexperte Franz-Stefan Gady im Interview. Doch er warnt davor, in zu großen Optimismus zu verfallen.

tagesschau.de: Herr Gady, wir steuern auf Tage der selbsterklärten Waffenruhe in der Ukraine zu. Nach Ihrer Einschätzung: Wo liegt gerade der Kern des Kampfgeschehens, in welcher Region oder entlang welcher Achse?

Franz-Stefan Gady: Der Schwerpunkt der Kampfhandlungen liegt nach wie vor im Osten der Ukraine, im Donbass. Die Hauptstoßrichtung der russischen Angriffe ist weiterhin in der südlichen Region von Donezk. Es geht hier darum, die sogenannten Ankerstädte, also Slowjansk und Kramatorsk, einzukesseln und von dort weiter gen Westen vorzustoßen.

Das Interessante ist aber auch gleichzeitig, dass wir in den letzten Wochen beobachten konnten, dass die russischen Streitkräfte sich neu gruppieren und dass die russischen Angriffsanstrengungen nach wie vor nicht den durchschlagenden Erfolg erzielt haben, den womöglich die russische militärische Führung erwartet hätte.

„Hier sind die Russen ins Hintertreffen geraten“

tagesschau.de: Worauf führen Sie das zurück?

Gady: Der erste große Punkt ist, dass die Ukrainer eine teilweise Überlegenheit bis Parität in der unbemannten Kriegsführung erlangt haben. Hier geht es vor allem um unbemannte Drohnen, aber auch unbemannte Systeme am Boden. Die Ukrainer können mittlerweile eine wichtige sogenannte Fähigkeitslücke schließen. Sie können effektiver als in der Vergangenheit Ziele ab ungefähr dem Kilometer 30 hinter der Frontlinie bis Kilometer 200 treffen, also russische Verfügungsräume, russische Nachschubwege, russische Truppenkonzentrationen in der Tiefe des Raums mit ukrainischen Drohnen angreifen. Hier hatten sie bis vor kurzem ein Defizit, hier sind die Russen ins Hintertreffen geraten.

Und aus diesem Grund haben die Russen im Moment nicht diese offensive Fähigkeit, weil sie ihre Truppen nicht in dem Ausmaß für Angriffe konzentrieren können, wie vielleicht noch in den vergangenen Monaten oder im vergangenen Jahr.

Der zweite große Punkt ist, dass die russischen Verluste relativ hoch sind und dass die Russen nicht in dem Ausmaß Ersatzmannschaften rekrutieren können. Wir sind mittlerweile im vierten Monat, wo nach unseren Einschätzungen die Verluste an der Front die eigentlichen russischen Rekrutierungszahlen übertreffen. Und das zeigt sich auch an der Frontlinie, wo die Russen immer wieder versuchen, Truppen zu verschieben, umzugruppieren.

Es werden sicher noch größere offensive Anstrengungen auf russischer Seite kommen. Aber im Moment werden sie zurückgeschlagen. Die Front ist derzeit für die ukrainische Seite relativ stabil.

Franz-Stefan Gady

Zur Person

Franz-Stefan Gady ist unabhängiger Analyst, Militärberater und Autor. Er berät Regierungen und Streitkräfte in Europa und den Vereinigten Staaten in Fragen der Strukturreform und der Zukunft der Kriegsführung. Feldforschungen und Beratungstätigkeiten führten ihn mehrmals in die Ukraine, nach Afghanistan und in den Irak, wo er die ukrainischen Streitkräfte, die afghanische Armee, sowie NATO-Truppen und kurdische Milizen bei verschiedenen Einsätzen begleitete. Er ist auch Reserveoffizier. Ende Mai erscheint von ihm „Überfall – Wenn der Krieg zu uns kommt“.

Ermüdet, aber mit ungebrochenem Kampfeswillen

tagesschau.de: Wirkt sich das auch auf die Moral bei den Truppen aus?

Gady: Die ukrainischen Streitkräfte sind ermüdet, das ist ganz klar. Aber der Kampfeswille ist nach wie vor ungebrochen. Gleichzeitig hat auch die ukrainische Seite selbstverständlich Verluste erlitten, es gibt nach wie vor ein Personaldefizit, die ukrainischen Truppen sind weiter zu lange an der Frontlinie und können wegen des Personalmangels nicht rotiert werden.

Dazu kommt auch, dass es in diesem neuen Kriegsbild sehr schwierig ist, sich überhaupt zu bewegen. Der Kampf ist überwiegend ein Kampf zwischen unbemannten Systemen, also Drohnen, die versuchen, gegnerische Soldaten aufzuspüren und dann zu bekämpfen. Es wird überwiegend in kleineren Gruppen gekämpft, es gibt nicht die großen Gefechte, die Hunderte oder Tausende von Soldaten auf beiden Seiten involvieren. Und auch diese Art des Kampfes ist stark im Rückgang. Angriffe mit gepanzerten Fahrzeugen fanden in den letzten Wochen und Monaten statt, waren aber relativ erfolglos – auf beiden Seiten.

Im Moment ist es immer eine Mischung aus einer Kriegsführung, die aus Drohnen besteht und der Infanterie, die versucht, in den gegnerischen Raum einzusickern. Und hier gibt es eben diese wachsende und expandierende Grauzone, wo es keine klare Frontlinie gibt, sondern viel mehr kleinere Stellungen, die verstreut sind und wo beide Seiten versuchen, den Gegner aufzuklären und zu bekämpfen.

„Jeder Vorteil währt nur sehr kurz“

tagesschau.de: Wie schätzen Sie die Adaptionsfähigkeit bei der Kriegsführung mit Drohnen auf der russischen Seite ein? Für wie lange kann man vermuten, falls das überhaupt möglich ist, wird dieser Vorteil der Ukraine halten?

Gady: Ich warne hier vor einer neuen Überschwänglichkeit, die auch medial gerade verbreitet wird. Man kann diesen Krieg wirklich nur ein paar Wochen oder Monate voraussehen. Und was die Vergangenheit gezeigt hat, ist, dass jeder militärisch-taktische Vorteil oder technische Vorteil nur sehr kurz währt.

Ich glaube, die russische Seite wird in den kommenden Monaten eine Lösung finden, um die ukrainische Überlegenheit in der Drohnenkriegsführung auch in der Tiefe durch eine effektivere Integrierung von Luftverteidigungssystemen zu parieren. Deshalb warne ich davor, die gesamte taktische Lage, was den Fortlauf des Krieges betrifft, zu überinterpretieren.

„Glaube nicht, dass Trump die Ukraine verlieren will“

tagesschau.de: Die USA betonen immer wieder, sie hätten die unmittelbare oder direkte Unterstützung der Ukraine eingestellt. Das wird von Teilen der Regierung als großer Erfolg dargestellt. Wie wirkt sich das inzwischen nach Ihrer Wahrnehmung auf den Kriegsverlauf aus?

Gady: Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor, was die militärische Komponente betrifft, der wichtigste Partner der Ukraine. Die US-Amerikaner unterstützen die Ukraine auch auf der militärischen Ebene sehr stark, vor allem im Bereich der Gefechtsfeldaufklärung, aber auch in der Koordinierung der Militärhilfe.

Die generelle Abhängigkeit der Ukraine wurde stark reduziert und auch die Europäer machen inzwischen mehr. Die Ukrainer sind realistischer geworden, was sie von den Vereinigten Staaten erwarten können – wobei man hier klar unterscheiden muss zwischen der ukrainischen politischen und der militärischen Führung. Die militärische Führung hat hier teilweise ein viel nüchterneres Bild als die politische Führung, was die weitere Unterstützung der USA betrifft.

Meines Erachtens besteht nicht die Gefahr, dass die US-amerikanische Militärhilfe komplett eingestellt wird. Ich nehme auch nicht an, dass Präsident Donald Trump die Ukraine in seiner Amtszeit verlieren will. In dieser Hinsicht glaube ich, dass die militärische Hilfe, so wie sie jetzt ist, weitergehen wird, wobei die Europäer hier immer einen größeren Teil übernehmen werden und gleichzeitig die Abhängigkeit der ukrainischen Seite von der amerikanischen Militärhilfe reduziert wird. Allerdings kann diese in Schlüsselkategorien wie zum Beispiel im Bereich der Luftverteidigungsmunition nicht wirklich ersetzt werden.

„Russland glaubt immer noch, am längeren Hebel zu sitzen“

tagesschau.de: Nun ist es der Ukraine ja gelungen, in den vergangenen Wochen auch die russische Infrastruktur hinter den Linien, wie sie eingangs geschildert haben, anzugreifen. Wirkt sich das Ihrer Einschätzung nach in irgendeiner Weise auf die russische Verhandlungsbereitschaft oder auf die russische Haltung zum Krieg aus?

Gady: Ich glaube, es ist ganz klar, dass Russland nach wie vor glaubt, in diesem Krieg am längeren Hebel zu sitzen und dass die Abnutzungsstrategie, die es seit Mitte 2022 versucht, umzusetzen, letztendlich noch zum Erfolg führen wird. Im Moment sieht es so aus, dass die russischen Verluste sehr hoch sind, der Geländegewinn minimal ist und dass früher oder später vielleicht ein Einlenken auf der politischen Ebene kommt, dass dieser Krieg möglicherweise militärisch bald keinen Sinn mehr machen wird.

Aber die russische Minimalforderung ist nach wie vor die Kontrolle des restlichen Donbass, und hier werden die Russen in den kommenden Monaten mit Sicherheit militärische Fortschritte erzielen. Die Frage ist nur, wie groß diese militärischen Fortschritte sein werden und wie kostspielig. Ich glaube nicht, dass wir im Moment aus der jetzigen Situation ableiten können, dass Russland gewillt ist, schnell Frieden zu schließen.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de.

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Dr. Heinrich Krämer
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