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„Lähmendes Entsetzen“: Als Uli Hoeneß gegen Assauer den Kampf um den lieben Gott gewann

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 16, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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„Lähmendes Entsetzen“Als Uli Hoeneß gegen Assauer den Kampf um den lieben Gott gewann

16.05.2026, 11:01 Uhr Von Ben Redelings
Manager-Rudi-Assauer-Schalke-entzieht-sich-nach-den-verfruehten-Meisterschaftstraeumen-den-Troestungsversuchen-der-Fans
Rudi Assauer war fassungslos. (Foto: imago/Sven Simon)

Vor 25 Jahren spielt sich vor Millionen Fußballfans eines der legendärsten Spektakel der Bundesliga-Geschichte ab. Damals werden die berühmten „Meister der Herzen“ geboren. Dafür, dass die Schalker hauchdünn den Bayern im Titelrennen unterlegen, ist nur einer verantwortlich, glauben Hoeneß und Assauer damals.

„Es wäre geil, wenn ich Schalke zum Meister machen könnte!“ Die Worte von HSV-Keeper Mathias Schober wenige Tage vor dem Finale der Saison 2000/01 hatten in den Ohren der Schalker so wohlig verheißungsvoll geklungen – und dann sollte ausgerechnet er, der vor der Spielzeit von den Königsblauen nach Hamburg ausgeliehen worden war, seinen ehemaligen Teamkollegen den großen Traum von der Meisterschaft klauen.

Andreas Möller hat in seinem Buch „15 Sekunden Wembley“ die Szenen auf Schalke, nachdem Mathias Schober im Strafraum einen vermeintlichen Rückpass eines Mitspielers mit der Hand aufgenommen hatte, so geschildert: „‚Nein, nein, das darf doch nicht wahr sein‘, jammerte Olli Reck und verkroch sich unter dem Tisch. ‚Ich kann es nicht sehen, warum kann der Schiri nicht einfach abpfeifen!‘ Ich antwortete: ‚Olli, der haut den Ball in die Mauer, du wirst sehen.‘ Nervenzerfetzende Sekunden und Totenstille in der Trainerkabine. Der Münchener Stefan Effenberg tickte den Ball an, und Patrick Andersson knallte die Kugel an allen Hamburger Spielern vorbei ins Tor. Bayern München hatte den Ausgleich geschossen, und das Spiel war beendet. Damit war alles vorbei.“

Die Saison hatte damals bereits mit einem Paukenschlag begonnen: Andreas Möller war von Borussia Dortmund zum Reviernachbarn FC Schalke 04 gewechselt. Ein Transfer, der weit über das gewöhnliche Maß hinaus für Furore gesorgt hatte. BVB-Manager Michael Meier meinte im Sommer 2000 mit einem verschmitzten Lächeln: „Möller hat mit seinem Berater bei uns um mehr Geld gepokert, gleichzeitig gesagt, er stünde bei einem anderen Klub im Wort. Dann hat er offenbart, dass er nach Schalke gehen will. Wir haben ihm nicht gesagt, dass er bekloppt ist. Aber gedacht haben wir es schon.“

Assauer: „Sonst könnte ich den Laden schließen“

Meiers Worte waren damals der allgemeine Bundesliga-Tenor. Natürlich war sich auch S04-Manager Rudi Assauer sehr genau bewusst, was er da tat: „Ich gehe keinen einfachen Weg, ich weiß, dass viele Fans sagen: ‚Nun holt der diese Heulsuse.‘ Aber ich mache keine Fanbefragung, bevor ich jemanden verpflichte. Sonst könnte ich den Laden schließen.“ Der ehemalige Nationalspieler Möller selbst nahm die Sache erstaunlich gelassen. Er versuchte sich bei seiner Vorstellung sogar an einem Scherz: „Mein Lieblingswort heißt ab sofort Attacke.“

Und genau so spielte er dann auch. Möllers gute bis überragende Leistungen und der hervorragende Start der gesamten Mannschaft in die Saison halfen dem Klub sehr. Schalke spielte groß auf und gewann bereits bis zur Winterpause dreimal auswärts mit 4:0 (Berlin, Rostock, Dortmund). Während Assauer dies alles nur als „Momentaufnahme“ gewertet wissen wollte, schrieben die Zeitungen die kommende Meisterschaft bereits herbei. Doch der Schalke-Manager schüttelte nur den Kopf und meinte: „Wir reden erst vom Titel, wenn wir als Meister feststehen.“

Und sein Understatement schien berechtigt: Am 31. Spieltag spielte Schalke nur 1:1 in Bochum. An Stürmer Ebbe Sand nagte das enttäuschende Unentschieden (!) hörbar: „Ich weiß nicht, woran das liegt. Wir gewinnen locker gegen die starken Mannschaften, und dann verlieren wir beim Tabellenletzten.“ Nach dem 33. Spieltag – Bayern gewann 2:1 gegen Lautern, Schalke verlor 0:1 in Stuttgart – waren die Münchner den Königsblauen drei Punkte voraus, hatten aber ein um drei Treffer schlechteres Torverhältnis. So kam es zum legendären Finale am letzten Spieltag. Schalke traf zu Hause auf die um den Klassenerhalt kämpfende Spielvereinigung Unterhaching, und Bayern musste in Hamburg antreten.

„Am liebsten die Zigarre gefressen“

Aus dieser Situation heraus entwickelte sich schließlich das dramatische Finale. Die Königsblauen konnten in der Schlussviertelstunde den eigenen 5:3-Sieg über Unterhaching klarmachen – und mussten dann allerdings warten. Denn ohne einen Sieg des HSV wäre es nichts mit der Meisterschaft geworden. Umso grenzenloser war der Jubel im Parkstadion, als Sergej Barbarez in der Schlussminute das 1:0 für die Hamburger erzielte.

Was dann passierte, schilderte der damalige Schalker Thorsten Legat in seinem Buch einmal so: „In meiner Nähe stand Rudi Assauer, der mit brennender Zigarre auf die erlösende Nachricht wartete. ‚In Hamburg wird noch gespielt‘, hieß es immer wieder, bis ein Fernsehreporter vermeldete: ‚Schluss in Hamburg, der HSV hat gewonnen!‘ Unglaubliche Szenen spielten sich ab. Huub und wir Spieler lagen uns in den Armen, Assauer schrie nur: ‚Ja, ja, ja, ja!‘ Ich glaube, er hätte vor Begeisterung am liebsten seine Zigarre gefressen, während die Spieler und Huub Stevens mit den Fans tanzten. Eine blau-weiße Orgie, die dann so abrupt stoppte wie ein Auto bei einem Crashtest.“

Am Radio-Mikrofon musste sich der bekennende Schalke-Sympathisant Manni Breuckmann hörbar zusammenreißen. Seine Emotionen transportierten die Stimmung im Parkstadion aber vielleicht auch deshalb auf eine gespenstische und so treffende Art und Weise zu den Hörern nach Hause wie kaum ein anderes Zeitdokument: „Also, es ist ganz furchtbar, was sich hier in den letzten Minuten auf Schalke abgespielt hat. Das kann man mit dürren Worten nur sehr, sehr schwer beschreiben. Ich glaube, der Begriff lähmendes Entsetzen ist viel zu niedrig gegriffen.“

Viele Tränen, wenig Worte

Was dann kam, ist heute Geschichte. Die Boulevardpresse schrieb am nächsten Morgen: „Kopf hoch, Schalke! 17. Titel für die Super-Bayern – aber ihr seid Meister der Herzen. Fußball kann so grausam sein. So grausam und schön.“ Das geflügelte Wort vom „Meister der Herzen“ war geboren. Doch am Vorabend war davon im Parkstadion noch nichts zu spüren gewesen.

Andreas Möllers Gedanken über diese denkwürdigen Minuten hat er in seinem Buch niedergeschrieben: „Die Fans warteten auf die Mannschaft und wollten uns nochmal sehen. Mehr schlecht als recht versuchten wir uns gegenseitig mit dem Stolz auf das Erreichte zu trösten. Ich realisierte immer mehr, welch‘ gewaltiger Traum für uns alle geplatzt war. Ein Sponsor auf der Tribüne sagte mir noch im Vorbeigehen: ‚Andy, wenn ihr heute Meister geworden wärt, man hätte euch in Bronze gegossen.‘ Seit diesem Tag gilt unser Schalke-Team von damals als ‚Meister der Herzen‘. Diese tolle Mannschaft, die niemand auf der Rechnung hatte, die aber in jener Saison über sich hinauswuchs, hätte Geschichte schreiben können.“

Es wurde viel geweint und wenig gesprochen an diesem Tag. Doch der schwer angeschlagene Rudi Assauer („Immer wieder läuft das 1:1 der Münchner im Fernsehen. Ich hätte die Kiste kaputttreten können. Stattdessen heule ich wie ein Schlosshund“) sagte dennoch mit tränenerstickter Stimme noch einen legendären Satz: „Wenn es einen Fußballgott gibt, ist er ungerecht. Der ist für mich gestorben.“ Einige Kilometer weiter nördlich meinte Uli Hoeneß nach dem Spiel in Hamburg fast zeitgleich: „Der liebe Gott ist mit uns!“ An diesem denkwürdigen 19. Mai 2001 hatten sie wohl beide recht.

Quelle: ntv.de

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