Marktbericht
Scheinbar gelassen reagiert die Londoner Börse auf den Rücktritt des Premiers Keir Starmer. Am Devisen- und Anleihenmarkt hat die Dauerkrise auf der Insel aber bereits tiefe Spuren hinterlassen.
Der Rücktritt des britischen Premiers Keir Starmer lenkt die Blicke auf die Londoner Finanzmärkte. Starmers Ankündigung löste am Vormittag kaum weitere Reaktionen aus – allerdings kam der Schritt für die Märkte nicht mehr überraschend.
So hatte das britische Pfund, das sich heute kaum verändert zeigte, seit Zuspitzung der Führungsdiskussion in der Labour-Partei im Februar bereits rund drei Prozent gegenüber dem Dollar eingebüßt.
Auch der Londoner Aktienmarkt reagierte gelassen. Der Leitindex FTSE blieb zunächst fast unverändert und zog dann leicht an. „Das kommt nicht überraschend. Der Markt wird nun auf mögliche politische Änderungen unter dem neuen Regierungschef achten“, sagte Lee Hardman, Analyst bei der MUFG Bank. Starmers Nachfolge soll bis September geklärt sein. Der neue Premierminister wird der Siebte seit dem Brexit-Referendum vor zehn Jahren sein.
In den vergangenen sechs Monaten hatte der sogenannte „Footsie“ kaum schlechter als etwa der amerikanische S&P 500 abgeschnitten. Das liegt auch daran, dass die britischen Unternehmen ähnlich wie die deutschen den größten Teil ihrer Umsätze nicht auf dem heimischen Markt erzielen.
Krisensignale vom Anleihenmarkt
Deutlich problematischer ist dagegen die Lage am Anleihemarkt. Die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen verharrte heute mit 4,84 Prozent nahe ihrer Höchststände aus dem Jahr 2008. Damit hat Großbritannien schon seit geraumer Zeit die höchsten Kreditkosten aller G7-Industriestaaten. Das spiegelt das Misstrauen der Finanzmärkte in die Wirtschaftspolitik auf der Insel wider.
Umso unzufriedener sind die Marktteilnehmer mit der fehlenden Klarheit, wer auf Starmer folgen wird – und mit welcher Wirtschaftspolitik.
Welche Politik verfolgt der nächste Premier?
Als möglicher Nachfolger gilt Starmers parteiinterner Rivale Andy Burnham. Dieser hat seine Pläne für die Außen-, Wirtschafts- und Verteidigungspolitik noch nicht konkretisiert. Immerhin gebe es Berichte, wonach Burnham mit angesehenen Ökonomen zusammenarbeite, sagte MUFG-Analyst Hardman. Das könne die Abwärtsrisiken für das Pfund und die Staatsanleihen kurzfristig begrenzen.
In ihren knapp zwei Jahren an der Macht ist es der Labour-Regierung, die im Wahlkampf mit einem jährlichen Wachstum von 2,5 Prozent geworben hatte, bisher nicht gelungen, die wirtschaftliche Stagnation zu überwinden. Nach einem Wachstum von immerhin 1,3 Prozent im Jahr 2025 sehen Wirtschaftsinstitute für dieses Jahr ein Plus von maximal 1,1 Prozent voraus.
Fast genau zehn Jahre nach dem Brexit-Votum der Briten ist klar, dass der Austritt aus der EU die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs nicht vorangebracht hat. Beispielsweise sind die deutschen Ausfuhren nach Großbritannien zwischen 2016 und 2025 um rund sieben Prozent gesunken. Angesichts der anhaltenden Wirtschaftskrise war innerhalb der Labour-Partei zuletzt auch wieder über eine Rückkehr in die EU diskutiert worden.
In den landesweiten Umfragen hat allerdings seit Februar 2025 die Partei Reform UK des Brexit-Befürworters Nigel Farage die Führung. Die nächsten Unterhauswahlen stehen spätestens 2029 an.
DAX knapp unter 25.000
Am deutschen Aktienmarkt bleiben die Verhandlungen zur Beendigung des Iran-Krieges kursbestimmend. Die Lage im Libanon bleibt eine Belastung, allerdings deuten die jüngsten Nachrichten auf eine Annäherung zwischen den USA und dem Iran hin. Das reicht aber nicht, um den DAX über der Marke von 25.000 Punkten zu halten. Am frühen Nachmittag notiert der deutsche Leitindex kaum verändert bei 24.992 Punkten.
