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Massenhafte Abzocke bei Augenoperationen | tagesschau.de

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 6, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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exklusiv

Stand: 06.05.2026 • 06:04 Uhr

Viele Augenärzte kassieren nach NDR-Recherchen von ihren Patienten bei Grauer-Star-OPs viel Geld für angebliche „Premiumlinsen“, die eigentlich die Kassen bezahlen. Außerdem bewerben sie fragwürdige Laser-Operationen.

Von Brid Roesner, Anne Ruprecht und Christian Baars, NDR

„Mit dieser Dreistigkeit habe ich absolut nicht gerecht“, sagt Petra Schneider (Name geändert). Sie hatte einen Grauen Star, eine Erkrankung, die irgendwann fast jeden betrifft. Im Lauf des Lebens trüben sich die Augenlinsen ein, die Sicht wird milchig. Um wieder gut sehen zu können, wird die natürliche Linse durch eine künstliche ersetzt. Rund eine Million solcher Eingriffe führen Ärzte pro Jahr in Deutschland durch. Es ist die häufigste OP.

Und es gibt eine Besonderheit: Patienten haben eine Wahl. Sie können sich für eine Standardlinse entscheiden, die die Krankenkasse übernimmt, oder für eine sogenannte „Premiumlinse“. Sie müssen dann nur den Preisunterschied selbst zahlen. Standard sind sogenannte Monofokallinsen, mit denen man entweder in der Nähe oder in der Ferne scharf sehen kann. „Premiumlinsen“ gibt es in unterschiedlichen Arten. Manche funktionieren ähnlich wie eine Gleitsichtbrille.

„Premiumlinsen“ für knapp 1.000 Euro

NDR-Recherchen zeigen, dass viele Augenärzte bestimmte Monofokallinsen als „Premiumprodukte“ anbieten und dafür Hunderte Euro von den Patienten verlangen – für Linsen, die eigentlich komplett von der Krankenkasse übernommen werden. Petra Schneider wollte „die beste Behandlung“ für ihr Auge. In der Praxis wurden ihr zwei Bilder gezeigt: eins scharf, das andere unscharf. „Natürlich wollte ich scharf sehen“, sagt sie. Sie entschied sich für die angebotenen „Premiumlinsen“ für knapp 1.000 Euro.

„Bei uns in der Klinik hätte sie nicht einen Cent gezahlt“, sagt Erik Chankiewitz, Chefarzt der Augenklinik im Städtischen Klinikum Braunschweig. Die „Premiumlinsen“, die Schneider bekam, würden sie standardmäßig einsetzen, ohne Zuzahlung. Es handelte es sich um sogenannte asphärische Monofokallinsen. Sphärisch bedeutet kugelförmig. Im Gegensatz dazu sind asphärische Linsen etwas anders gewölbt. Patienten können dadurch besser sehen.

International gelten asphärische Linsen als medizinischer Standard. Sphärische werden kaum noch verwendet. In Deutschland kämen sie „als einem der wenigen Länder international“ überhaupt noch zum Einsatz, schreibt ein Hersteller dem NDR. Auch die meisten Universitätskliniken in Deutschland bestätigen auf Anfrage, dass sie standardmäßig asphärische Linsen verwenden, ohne dass die Patienten dafür zahlen müssen.

Viele andere Praxen und OP-Zentren bieten dagegen nur sphärische Linsen als Kassenleistung an und vermarkten asphärische als „Premiumlinsen“, oft zu Preisen von mehr als 500 Euro pro Auge.

Überprüfung schwierig

Kaum ein Patient kann überprüfen, ob diese Zuzahlungen gerechtfertigt sind. Denn die Preise für die Linsen werden geheim gehalten. Hersteller verhandeln sie individuell mit Ärzten und Kliniken. Der NDR hat mehrere große Firmen, Kliniken und Praxen angefragt. Keiner will oder darf konkrete Beträge nennen. Der Verband der Augenchirurgen (BDOC) teilte mit: „Preise und Preisdifferenzen lassen sich nicht präzise ermitteln“, da es viele Anbieter und unterschiedlichste Linsen gäbe.

Nach NDR-Recherchen gibt es jedoch kaum Preisunterschiede zwischen sphärischen und asphärischen Monofokallinsen. Das zeigen etwa Daten aus anderen Ländern wie Belgien und der Slowakei. Auch in Deutschland sind beide Linsenarten ähnlich günstig zu bekommen. Ein Insider berichtet dem NDR, dass gute asphärische Linsen meist weniger als 80 Euro kosten würden – deutlich weniger als das, was Krankenkassen als Pauschalbetrag erstatten. OP-Zentren machen also offenbar mit jeder Linse Gewinn. Vom Patienten zusätzlich Geld zu nehmen, sei „ein richtiger Missbrauch“, sagt der Insider.

Tatsächlich dürfen Mediziner nur mit ihrer ärztlichen Leistung Geld verdienen, nicht mit dem Verkauf von Implantaten. Womöglich taucht deshalb in den meisten Abrechnungen kein konkreter Aufpreis für die Linse auf. Klinken rechnen stattdessen nur Pauschalen ab oder führen Mehraufwände oder zusätzliche Untersuchungen an, die angeblich nötig seien.

„Kein extra Aufwand in der Praxis notwendig“

„Für eine asphärische Linse ist kein extra Aufwand in der Praxis notwendig“, sagt jedoch Erik Chankiewitz vom Städtischen Klinikum Braunschweig. Mehrere Chefärzte von Unikliniken bestätigen das. Die nötigen Untersuchungen und der Aufwand bei der OP seien exakt gleich, sagt etwa Thomas Reinhard vom Uniklinikum Freiburg, egal ob sphärisch oder asphärisch.

Wenn ein Patient darüber getäuscht werde, dass eine medizinische Leistung nötig sei, dann handele es sich um einen Abrechnungsbetrug, sagt der Medizinrechtler Andreas Spickhoff von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Wenn das wiederholt passiere, sei man im Bereich des gewerbsmäßigen Betrugs. Der NDR hat mehrere große Augenarztketten angeschrieben, aber keine konkreten Antworten auf die Frage bekommen, wie die Mehrkosten zu begründen seien.

Die Klinik, in der Petra Schneider operiert wurde, gehört zur größten Augenarztkette Deutschlands mit mehreren OP-Zentren und Hunderten Standorten. Auf Anfrage des NDR will sie sich nicht äußern.

Angebliche Mehraufwände, teure Laserunterstützung

Doch es geht nicht nur um hohe Aufpreise für Standardlinsen. Auch bei einigen „echten“ Premiumlinsen zeigen sich fragwürdige Praktiken – wie bei Christine Kondschak. Sie hat sich im Augenzentrum Eckert operieren lassen, einer Augenarztkette in Süddeutschland. Sie wählte eine Sonderlinse, mit der sie in unterschiedlichen Entfernungen scharf sehen kann. Die Abrechnung führte Mehrkosten von knapp 500 Euro für die Linse an, was angemessen erscheint. Allerdings verlangte die Klinik darüber hinaus rund 1.700 Euro für angebliche Mehraufwände – zusätzlich zu den rund 1.000 Euro, die Krankenkassen für die gesamte OP zahlen.

Der Medizinrechtler Spickhoff bewertet die Abrechnung als „sittenwidrig“, da die angeblichen Mehraufwände extrem hoch berechnet wurden. „Das ist die gehobene Form der Unanständigkeit, wenn man das mal juristisch übersetzen möchte“, so Spickhoff. Das Augenzentrum Eckert bestreitet auf Anfrage den Vorwurf. Dessen Anwalt verweist auf eine Honorarvereinbarung, die die Patientin unterschrieben habe. Sie hätte ja auch die OP „in einer anderen Augenarztpraxis (zu den dortigen Konditionen)“ durchführen lassen können.

Unanständig ist aus Sicht vieler Uni-Mediziner auch, dass viele OP-Zentren zusätzlich eine teure Laserunterstützung bei dem Eingriff anbieten – für über 1.000 Euro pro Auge. Dabei ist der Nutzen für die Patienten zweifelhaft. Die Anbieter verweisen auf Untersuchungen, die einen Vorteil zeigen sollen. Doch wenn man unabhängige Studien anschaue „bringt der Laser für den Patienten wahrscheinlich nichts“, sagt Prof. Thomas Reinhard, Chefarzt am Universitätsklinikum Freiburg.

Der Bundesverband der Augenärzte sieht indes kein systemisches Problem. Grundsätzlich halte er es für richtig, individuelle Mehrleistungen nach eigenem Wunsch selbst zu tragen, „statt dafür alle Beitragszahler zu belasten.“ Falls einzelne das ausnutzten, „empfehlen wir das Verhalten zu hinterfragen und zu verfolgen, statt die Regelung als Ganzes in Frage zu stellen.“

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