Bei Starkregen fließt Wasser aus Wäldern oft ungehindert über Gräben oder Wege ab. Das sorgt waldabwärts für Überflutungen – und das Wasser fehlt den Bäumen. Wie aber kann es in den Wäldern gehalten werden?
Ein Spaziergang bergab durch den Grötzinger Bergwald bei Karlsruhe. Links vom Weg fällt plötzlich eine kleine Mulde auf. Unscheinbar, aber wichtig. Denn bei Starkregen würde das Wasser sonst den Berg ungehindert herabschießen, die unten gelegene Straße überfluten und dabei jede Menge Schlamm und Waldboden mitreißen. Das würde nicht nur zu beträchtliche Schäden führen, sondern das Wasser würde dann auch den Bäumen fehlen.
Und genau da hilft die kleine Mulde am Waldweg. Bei dieser sogenannten Versickerungsmulde sorgt ein Zufluss vom Weg dafür, dass sich in ihr überschüssiges Wasser sammelt und dann langsam im Boden versickert. Gefördert werden die Maßnahmen von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA).
Große Wirkung, wenig Kosten
Simon Keller arbeitet dort in der Abteilung Boden und Umwelt. Solche Versickerungsgruben, sagt er, könnten eine Menge bewirken und kosteten nicht viel: „Das Teuerste ist, die Maschine hier hinzukriegen. Die Baggerstunde kostet 100 bis 120 Euro. Damit ist man meistens schon sehr weit bei so einer kleinen Mulde.“
Häufig können diese Mulden bei Arbeiten entlang des Waldweges direkt mit ausgebaggert werden. Da sie nur ein paar Meter Durchmesser haben, sind die Eingriffe in die Natur und den Boden relativ gering.
Früher war Wasser im Wald unerwünscht
Dass Wasser im Wald bleiben sollte, ist eine eher jüngere Erkenntnis. Als die heutigen Wälder angelegt wurden, war das ganz anders. Rohre und Gräben sollten vor allem in flachen Wäldern dafür sorgen, dass das Wasser möglichst schnell wieder herausfließt. Damals sei man überzeugt gewesen, erzählt Simon Keller, dass es nur die Wege kaputt mache. „Also musste es schnell weg. Das war damals auch gut, da gab es genügend Wasser, regelmäßige Niederschläge. Aber heute hat es sich halt verändert.“
Heute gibt es durch die Erderwärmung lange Trockenphasen, die mit dafür sorgen, dass immer mehr Bäume absterben. Deshalb das Umdenken: Das Wasser soll durch viele kleine Maßnahmen, eben Mulden oder auch Gräben, in der Nähe der Wege im Wald gehalten werden, versickern und dadurch den umliegenden Bäumen zur Verfügung stehen. Denn ein Quadratmeter Waldboden kann bis zu 200 Liter Wasser speichern – das kommt auch dem Grundwasserspiegel zugute.
Wichtige Biotope für die Artenvielfalt
Ist eine Mulde kurze Zeit nach dem Regen wieder leer, zeigt das, dass die Versickerung gut funktioniert. Damit möglichst viele Bäume Wasser bekommen, dürfen die Abstände zwischen den einzelnen Mulden nicht zu groß sein. Je nach Gefälle dürfen es auch nur mal zwischen zehn und zwanzig Metern sein.
Die Mulden im Grötzinger Bergwald sind erst vier Monate alt, und trotzdem wachsen an den Rändern schon die ersten Pflanzen. Schon bald werden sie zu echten Biotopen werden, die zahlreichen Pflanzen, Insekten und Tierarten Lebensraum bieten.
Rigolen nehmen das Tempo raus
Eine andere, nicht ganz so günstige Möglichkeit, Wasser im Wald zu halten, sind Rigolen, mit großen Steinen und Schotter gefüllte Gräben, sagt Heike Puhlmann, Leiterin der Abteilung Boden und Umwelt bei der FVA. Durch Rigolen werden zum Beispiel Rohre unter Wegen ersetzt: „Die bremsen das Wasser sehr gut ab und sind überall dort sinnvoll, wo das Wasser nicht anderweitig versickern kann. Also sind sie ein sinnvolles Mittel, wo Versickerungsgräben, Versickerungsmulden nicht oder nicht ausreichend funktionieren.“
Rigolen nehmen das Fließtempo heraus und geben dem Wasser ebenfalls die Gelegenheit, in den Boden zu sickern. Wasser, das dann dem Wald zur Verfügung steht und die Bäume gesund hält. Das kann dem Waldsterben entgegenwirken, und zudem können nur gesunde Bäume CO2 speichern, sagt Heike Puhlmann: „Also unsere große Hoffnung ist natürlich, dass wir damit auch durch die Erhaltung der Waldvitalität, durch geringere Absterbe-Erscheinung auch was für die CO2-Senkenfunktionen unserer Wälder tun können.“
Als Senken bezeichnet man Systeme, die mehr CO2 speichern können als sie aufnehmen. Dazu gehören Moore, Ozeane und eben auch Wälder. Und nur, wenn es ihnen gut geht, können sie ihre wichtige Funktion im Kampf gegen den Klimawandel dauerhaft behalten.
