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Politik

Nachruf auf den Maler Georg Baselitz

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerApril 30, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Nachruf

Stand: 30.04.2026 • 19:27 Uhr

Georg Baselitz galt als einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart. Er war ein Megastar der Kunstszene. Gemeinsam mit Malern wie Gerhard Richter, Anselm Kiefer und Sigmar Polke gehörte er in der Bundesrepublik zu den großen Nachkriegsmalern. Aufgewachsen war er bei Kamenz, später wanderte er aus der DDR aus. Prägend waren seine zerrissenen und auf dem Kopf stehenden Bilder. Wie seine Galerie am Donnerstag mitteilte, starb Baselitz nun im Alter von 88 Jahren.

Von Ulrike Thielmann, MDR Kulturdesk

Für seine auf dem Kopf stehenden Motive war er weltberühmt. Motive, die er gern im großen Format, oft mit den Fingern ausführte. Georg Baselitz provozierte gern, konfrontierte die Betrachter durch die Kopfstände mit seiner Botschaft.

Kurator Martin Schwander analysierte Baselitz‘ Kunst in der „Fondation Beyeler“ in Basel anlässlich der großen Retrospektive 2018 zum 80. Geburtstag des Künstlers folgendermaßen: „Es ist die Intensität der Bilder, die nie nachgelassen hat“, so Schwander. „Er ist ein Künstler, der innerlich getrieben ist, der sehr unruhig ist, der sich immer wieder neu herausfordert“, so der Kunstexperte weiter.

Auf dem Kopf stehende Gestalten sind eine Art Markenzeichen im Schaffen von Georg Baselitz.

Günter Kern, Georg Baselitz‘ Bruder, betonte einmal, dass der Künstler „natürlich auch einen Gag erreicht habe, damit, dass viele Leute denken, er malt sie und stellt sie danach auf den Kopf. Das ist nicht der Fall“, betont Günter Kern. „Er malt sie kopfstehend. Das wird oft verwechselt!“

Malereistudium bei Walter Womacka

Baselitz wurde 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz in der Oberlausitz geboren, als zweites von vier Geschwistern. Günter Kern und die große Schwester Rosemarie haben Kamenz in der Oberlausitz nie verlassen. Der jüngste Bruder Andreas lebt in Dresden.

Als Kind wollte Georg Baselitz Förster werden, die Landschaft seiner Kindheit malte er oft. 1956 begann Baselitz an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Malerei zu studieren, unter anderem bei Walter Womacka, dem malenden Vorzeigebeispiel des „Sozialistischen Realismus“.

Georg Baselitz malte bis ins hohe Alter – neben seinen zahlreichen Ausstellungen.

Ausreise aus der DDR und Profilierung

Wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ wurde Georg Baselitz der Schule verwiesen. Daraufhin setzte er in Westberlin sein Studium fort. Die Liebe zum Jazz sollte Baselitz begleiten. Auch im Westen eckte er an: 1963 mit dem Bild „Die große Nacht im Eimer“. Es zeigte einen masturbierenden Knaben und wurde das Skandalbild der jungen BRD.

Götz Adriani, Kurator und Gründungsdirektor der Kunsthalle Tübingen, betont: „Baselitz hat in dieser Ausstellung auf die Spitze getrieben, was Baudelaire im 19. Jahrhundert in die Kunst eingeführt hat: die Ästhetik des Hässlichen und des Obszönen, indem er einen onanierenden Homunculus dargestellt hat. Oder einen jungen Mann mit erigiertem Glied“. Der Kurator erzählt weiter, dass Baselitz zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

Eine seiner unzähligen Ausstellungen: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) präsentierten zu Baselitz‘ 85. Geburtstag einige seiner Werke im Albertinum.

Vom Skandalkünstler zum Kunststar

„Künstler und Skandale, das gehört einfach zusammen“, sagte Georg Baselitz später. „Ich erinnere mich, dass die meisten mit einem Skandal angefangen haben. Ich war gar nicht unglücklich über diese Situation, ich war nur unglücklich über das finanzielle Ausbleiben danach.“ Denn trotz Skandal war die Ausstellung kein großer Erfolg, wie auch Adriani berichtet.

Das sollte sich ändern, nachdem Baselitz seine Bilder konsequent auf den Kopf drehte. Ab Mitte der 70er-Jahre wurde der Künstler dadurch weltberühmt, da hatte er schon Bildmotive in Streifen zergliedert und neu zusammengesetzt – seine sogenannten „Frakturbilder“. Auch Skulpturen schuf der Künstler.

Mit seiner eigenwilligen Art, seine Bilder auf dem Kopf zu präsentieren, zog Baselitz Aufmerksamkeit auf sich.

Brandstifter im deutsch-deutschen Bilderstreit

In Baselitz‘ Werk gibt es verschiedene Schaffensperioden: Zum Beispiel die sogenannten „Russenbilder“, in denen er Bilder des Sozialistischen Realismus verfremdete. Ihnen war in den 90er-Jahren der deutsch-deutsche Bilderstreit vorausgegangen, an dem Baselitz kräftig mitzündelte, indem er bereits 1990 verkündete, „Staatskünstler“ wie Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer seien nicht nur „Jubelmaler“, sondern auch „Arschlöcher“.

Überhaupt, so Baselitz, waren „jene Künstler aus der DDR, die malen konnten, in den Westen gegangen oder mussten das Land verlassen.“ Sammler zahlen indessen heute Millionen für die Bilder des Künstlers, der mehrere Jahrzehnte Schloss Derneburg bei Hildesheim bewohnte und zuletzt ein Haus am Ammersee. Dort lieferte er sich mit der Gemeinde einen Streit um einen Maschendrahtzaun, und auch die Steuerfahndung hatte ihn zeitweise auf dem Radar.

Eine seiner letzten Ausstellungen, die noch bis September 2026 zu sehen ist: „Avanti!“ in Florenz.

Baselitz getrieben bis zum Schluss

Anlässlich einer Schau 1998 in Chemnitz antwortete der Maler in einem Gespräch bei MDR KULTUR auf die Frage, warum seine Bilder so teuer seien: „Die Bilder, von denen Sie sprechen, sind sehr alt“. „Ein so genanntes Heldenbild von 1965 und alle diese Heldenbilder kosten eben sehr viel Geld. Und ich habe die nicht. Ich kann sie mir nicht leisten. Das ist eben so eine Sache, wenn ein Markt existiert, dass sie so sein muss! Es gibt Bilder, die viel billiger sind. Aber nicht von mir.“

Auch im Alter malte Georg Baselitz neben seinen vielen Ausstellungen – was die Kunstwelt höchst erfreulich fand. Zeitlebens war der Künstler ein Getriebener. Anlässlich einer Ausstellung äußerte Baselitz einmal: „Wenn jeder sagt: ‚Du kannst zufrieden sein. Du bist der Beste‘ – glauben Sie dem nie! Ich glaube sowas nie. Dieser Druck, das kann ich Ihnen versichern, nimmt nicht ab. Er nimmt nicht ab in Zufriedenheit.“ Nun ist Georg Baselitz von uns gegangen.

Quelle: AFP, MDR KULTUR (Ulrike Thielmann)

Redaktionelle Bearbeitung: tsa, hki, gw

Mitteldeutscher Rundfunk

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