Nato flext für TrumpGood Cop, Bad Cop und Fremdschäm-Cop

Wie demonstriert die Nato Stärke nach außen, wenn das wichtigste Mitglied unberechenbar ist? Das ist die zentrale Herausforderung für den Gipfel in Ankara, aber keineswegs die einzige.
Sie sind verdammt zum Erfolg, die Staats- und Regierungschefs der 32 Nato-Mitglieder, die sich in diesen Stunden in Ankara treffen. Eine Wirtschaftsunion oder ein Fußballverband kann sich auch mal eine Kontroverse leisten, bis hin zum Richtungsstreit – das ist schließlich Ausweis vitaler Debattenkultur. Für ein Verteidigungsbündnis ist Debatte toxisch. Denn Punkt 1 auf der Agenda einer Verteidigungsallianz ist die Abschreckung des Gegners. Wird dieses Ziel nicht erreicht, kann man sich den Rest beinahe sparen.
Wie aber könnte die Nato mit dem Treffen in Ankara ein kraftvolles Signal in Richtung Kreml senden, falls der mächtigste Partner aus der Reihe der 32 Unwillen oder gar Ablehnung äußert? Ohne Zustimmung von US-Präsident Donald Trump wäre das nahezu unmöglich. Dazu klaffen noch immer zu viele Lücken in der Wehrhaftigkeit der europäischen Nato-Partner. Das wissen sie selbst, das weiß auch Russlands Präsident Wladimir Putin. Mögen inhaltliche Fragen in 48 Stunden Ankara noch so dringend und relevant sein, bevor die erörtert werden können, ist eine andere entscheidend: Wird Trump an Bord sein oder nicht?
Einer bleibt hart, einer zeigt Gefühl
Bewährte Ermittlerteams von CSI:Miami bis Tatort Köln wenden bei Ermittlungen mit einem schwierigen Gegenüber die Good Cop/Bad Cop-Strategie an. Ein Ermittler gibt sich hart und baut Druck auf, der andere zeigt kumpelhaft Verständnis. Im Umgang mit Donald Trump sind die Europäer in diese Taktik eher ungewollt hineingeschlittert, haben sie um eine neue Rolle erweitert und müssen in Ankara das Beste draus machen.
Spaniens Regierungschef Pedro Sanchez verweigerte der US-Luftwaffe während des Irankriegs die Nutzung spanischer Stützpunkte für die Logistik. Auch mag er das Verteidigungsbudget nicht – wie auf dem letzten Gipfel 2025 beschlossen – auf 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung anheben. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kritisiert Trumps „imperiale Ambitionen“. (Bad Cop)
Bundeskanzler Friedrich Merz oder auch sein polnischer Amtskollege Donald Tusk steigern die Verteidigungsausgaben ihrer Staatshaushalte deutlich und vermeiden offene Kritik an Trump, selbst bei US-Kampfeinsätzen, die stark im Verdacht stehen, gegen das Völkerrecht zu verstoßen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan versteht sich sehr gut mit Trump und lud ihn persönlich nach Ankara ein. (Good Cop)
In der dritten Rolle tritt Nato-Generalsekretär Mark Rutte auf, der den Präsidenten regelmäßig im Oval Office umgarnt und sich nicht scheut, ihn auch mal „Daddy“ zu nennen. Erlaubt ist, was Trump gefällt, auch wenn es die Aufgabe der eigenen Würde erfordert. (Fremdschäm-Cop)
Damage Control heißt die Devise – Schadensbegrenzung, denn zuletzt äußerte sich Trump in erster Linie kritisch mit Blick auf die Nato und ihre Existenzberechtigung. Während des Iran-Kriegs beschwerte er sich mehrfach und auch jetzt in der Türkei, die Nato helfe ihm nicht, und schon seit der ersten Amtszeit ist der Präsident überzeugt, die USA würden von der Allianz übervorteilt.
Geht man gedanklich ein paar Monate zurück, landet man bei Trumps Drohung, Grönland und damit Territorium des Nato-Partners Dänemark militärisch zu besetzen. Man erinnert Amerikas Stop jeglicher Ukraine-Hilfe und den roten Teppich für Russlands Präsident Wladimir Putin in Alaska. Nebst dem Eindruck, der gastgebende US-Präsident stehe womöglich mehr auf Seiten des Aggressors als auf Seiten des Angegriffenen.
Prunk, Fleisch und einfache Sprache
Das Zerstörungspotential in Ankara wird als entsprechend hoch eingeschätzt, und ob ein harmonisches Familienfoto zum Abschluss gelingt, scheint bis zum Termin mit dem Fotografen eine offene Frage. Was kann den US-Präsidenten bei Laune halten?
Ein möglichst prunkvolles Ambiente, ein möglichst fleischlastiges Dinner und eine möglichst kurze, in einfacher Sprache gehaltene Agenda? Gelingt das über die 24 Stunden, die Trump am Gipfel teilnimmt, so ist das wichtigste Ziel aus Sicht der übrigen Nato-Staaten erreicht: Ankara, Mittwochabend, die Frisur sitzt.
Der Fremdschäm-Cop hat zudem vorgearbeitet. Erst kürzlich wurde er im Weißen Haus vorstellig, im Gepäck eine große Tafel mit Balkendiagramm in Gold gehalten und „The Trump Trillion“ – „Die Trump Billion“ überschrieben. Dort zeigte Rutte dem Präsidenten schon mal vorab, wie sehr sich die Bündnispartner bemühen: Die Verteidigungsausgaben in Europa steigen deutlich, Fähigkeitslücken werden geschlossen, viel Geld kommt dabei amerikanischer Rüstungsindustrie zugute – und das alles verdanken die Europäer ihm, Donald Trump, so Ruttes Botschaft.
Falls all das funktioniert, falls Trump sich in Ankara in geplanter Weise umgarnen lässt, und Putin sich womöglich im Kreml von den Gipfel-Bildern beeindrucken lässt, dann allerdings müssen die Europäer sich gemeinsam mit Kanada dringend den problematischen inhaltlichen Fragen widmen, für die sie auch selbst verantwortlich sind.
Seien es Expertenschätzungen, dass Nato-Staaten wie Albanien, Tschechien und die Slowakei bislang nicht einmal die ehemalige Nato-Benchmark von zwei Prozent der Wirtschaftsleistung für Verteidigung erfüllen. Seien es fehlende Strategien der potenteren Mitgliedstaaten, wie sie bis 2035 auf fünf Prozent des BIP für Verteidigung kommen wollen. Seien es die Schwierigkeiten der EU-Staaten, gemeinsame Rüstungsprojekte nicht nur anzuschieben, sondern auch erfolgreich zu Ende zu bringen.
Zum Glück mag Trump keine Details
Auf dem Weg zum eigens gesteckten Ziel, künftig 40 Prozent der beschafften Rüstungsgüter gemeinsam einzukaufen, haben sie noch nicht die Wegmarke von 20 Prozent erreicht. Ein gemeinsam zu entwickelnder Kampfjet von Deutschland, Frankreich und Spanien, Teil des Prestigeprojektes FCAS, flog erst jüngst krachend gegen die Wand.
Sobald es ins Detail geht, kochen die europäischen Nato-Partner insgesamt noch immer auf nicht allzu großer Flamme. In diesem Fall könnte es von Vorteil sein, dass der US-Präsident am Durchdringen von Details grundsätzlich kaum Interesse zeigt.
Das Abschluss-Kommuniqué, dessen Entwurf bereits steht, sollte ein kraftvolles Bekenntnis zur Beistandsklausel der Nato enthalten sowie die 140 Milliarden zugesagter Hilfe für die Ukraine in den kommenden zwei Jahren. Wohlgemerkt: Das wäre kein zusätzliches Geld, sondern stammt in Teilen aus einem EU-Darlehen sowie aus einer Zusage einzelner Nato-Staaten, die schon 2024 in Washington gemacht wurde.
Neu daran wäre, dass es als Bekenntnis der Nato als Allianz zur Ukraine käme, mit guter finanzieller Unterlegung. Das ergäbe durchaus eine kraftvolle Botschaft an Putin. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, schließlich beweist die ukrainische Armee derzeit mit ihren weitreichenden Angriffen gegen russische Raffinerien und Waffenfabriken, wie schnell sie eigene deep strike capabilities entwickelt hat – also Fähigkeiten für tiefe Schläge auf gegnerischem Gebiet. Zwar mit europäischer Unterstützung und Zusammenarbeit, doch auf eigenem Knowhow und direktem Feedback aus der Truppe basierend. Der Erfolg der Ukrainer könnte Donald Trump animieren, auf dieser Welle mitzusurfen und die offizielle Nato-Unterstützung zu akzeptieren. Trump mag schließlich keine Verlierer – das wissen auch die Cops aus Europa.
