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Startseite»Politik»Organisierte Kriminalität – Tonnenweise Kokain aus Westafrika
Politik

Organisierte Kriminalität – Tonnenweise Kokain aus Westafrika

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 3, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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exklusiv

Stand: 03.06.2026 • 11:55 Uhr

Der deutsche Zoll hat eine Rekordmenge Kokain im JadeWeserPort in Wilhelmshaven beschlagnahmt. Der Fund wirft ein Schlaglicht auf die wachsende Bedeutung von Sierra Leone für den globalen Kokainhandel, wie NDR-Recherchen zeigen.

Von Antonius Kempmann, Mandy Sarti, Benedikt Strunz, NDR

Es ist ein Fall, den Drogenfahnder weltweit mit großem Interesse verfolgen dürften. Anfang Februar macht ein 160-Meter Containerschiff am Terminal des JadeWeserPort fest. Das Schiff kommt aus Sierra Leone und soll in dem niedersächsischen Hafen verschiedene Güter abliefern, darunter auch einen grauen Container, der in Wilhelmshaven nur umgeladen werden soll.

Laut Frachtpapieren enthält er Kakaobohnen, sein eigentlicher Zielhafen ist Barcelona in Spanien. Doch den Zöllnern kommt die Lieferung verdächtig vor. Die anschließende Kontrolle führt zu einem Rekordfund: In der Ladung stellen die Beamten 400 Pakete sicher, die fest mit schwarzem Plastik umwickelt sind. Sie enthalten je 20 Blöcke Kokain. Insgesamt sind es acht Tonnen der Droge. Es ist eine der größten Einzelsicherstellungen, die in Deutschland jemals gemacht wurde.

Tino Igelmann, Leiter des Zollkriminalamtes, sprach von einem schweren Schlag gegen die Organisierte Drogenkriminalität. Er dankte der Staatsanwaltschaft Aurich, die einer raschen Vernichtung der Drogen zugestimmt hatte. Das sei wichtig gewesen, um zu verhindern, dass die Drogenbande versuche, wieder in Besitz der Drogen zu kommen.

Europa größter Kokainabsatzmarkt der Welt

Der Fall ist in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. In den vergangenen Jahren hat sich Europa zum größten Kokainabsatzmarkt der Welt entwickelt. Immer größere Mengen strömen Jahr für Jahr aus Lateinamerika nach Frankreich, Spanien, Belgien, Deutschland und in die Niederlande.

Doch im Zuge der Kokainwelle haben europäische Häfen ihre Sicherheitsmaßnahmen massiv erhöht. In Häfen wie Rotterdam, Hamburg und Antwerpen sind die Kokainfunde seither deutlich zurückgegangen. Der aktuelle Fund im vergleichsweise kleinen JadeWeserPort scheint nun einen Trend zu bestätigen, vor dem Ermittler seit geraumer Zeit warnen: Künftig könnten kleinere Häfen und Binnenhäfen in den Fokus der Drogenbanden geraten. In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder spektakuläre Drogenfunde in kleinen Häfen in Frankreich, aber auch in Deutschland gegeben.

Der Acht-Tonnen-Fund verdeutlicht aber noch etwas anderes. Denn die Drogen, die nun Niedersachsen sichergestellt wurden, gelangten in Sierra Leone an Bord des Schiffes. Positionsdaten, die das Containerschiff automatisiert aussendet und die der NDR ausgewertet hat, zeigen, dass das Schiff den Hafen von Freetown Ende Januar verlässt und dann eine Route nordwärts entlang der afrikanischen Westküste wählt. Rund zwei Wochen später erreicht das Schiff die Helgoländer Bucht und legt schließlich am JadeWeserPort an.

Zentraler Umschlagplatz

Sierra Leone gerät zunehmend in den Fokus der Ermittler. Das westafrikanische Land hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Umschlagplatz im transatlantischen Kokainhandel entwickelt. Die Drogen werden mit Schiffen aus Lateinamerika nach Westafrika geschmuggelt und von dort aus weiter nach Europa verbracht. Erst Anfang Mai wurde ein Schiff aus Sierra Leone von der spanischen Polizei vor der Küste der Westsahara gestoppt. An Bord fanden die Beamten mehr als 30 Tonnen Kokain.

Niederländische Ermittler bringen die zunehmenden Kokainlieferungen aus Westafrika mit einem Mann in Verbindung, der den Spitznamen „Bolle Jos“ trägt („Pummliger Jos“). Jos Leijdekkers gilt als einer der meistgesuchten Kriminellen Europas. In den Niederlanden wurde Leijdekkers 2024 in Abwesenheit wegen des Schmuggels von knapp sieben Tonnen Kokain und der Anordnung eines Mordes zu 24 Jahren Haft und später noch einmal zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Auch in Belgien wurde der 34-Jährige zu einer langjährigen Haftstrafe wegen Drogenhandels verurteilt. In den vergangenen Jahren sind immer wieder Hinweise aufgetaucht, die Leijdekkers in Sierra Leone zeigen. Auf einem auf Facebook veröffentlichten Bild aus dem Jahr 2025 ist Leijdekkers neben der Tochter von Sierra Leones Präsidenten Julius Maada Bio bei einem Gottesdienst zu sehen. Auch kursiert das Gerücht, die beiden seien ein Paar.

Europäische Behörden nicht gut genug vernetzt?

Die Opposition in Sierra Leone wirft der Regierung seither vor, den niederländischen Drogenbaron zu schützen. Die weist den Vorwurf von sich. Ob die acht Tonnen, die im JadeWeserPort beschlagnahmt wurden, etwas mit Leijdekkers zu tun haben, ist bisher unklar.

Auf einer Pressekonferenz in Köln wollte die Leiterin der Zollfahndung Hannover, Monika Dennhardt, dazu nichts sagen. Die Ermittlungen würden in Spanien geführt. Sie lobte die internationale Zusammenarbeit zwischen den Zollfahndern in Niedersachsen und ihren spanischen Kollegen. Es sei so gelungen, „die internationalen Lieferstrukturen aufzuhellen“ und mehrere Täter festzunehmen.

Insidern zufolge sind europäische Sicherheitsbehörden bisher nicht sonderlich gut in Westafrika vernetzt. Im Gegensatz zu Lateinamerika. Auch beim BKA sieht man die zunehmende Bedeutung von Sierra Leone/Westafrika als Drehkreuz für den Drogenschmuggel mit Sorge. „Die Täter nutzen die defizitäre Überwachungssituation vor und an den westafrikanischen Küstengebieten“, sagt Hans-Joachim Leon, Leiter der Rauschgiftbekämpfung im BKA. An den Küsten Westafrikas werde in großen Mengen Kokain angelandet, gesammelt und dann weiter transportiert Richtung Europa.

Schwierige Suche nach den Hinterleuten

Ob die Ermittler im Fall der acht Tonnen an die Hinterleute kommen, ist fraglich. Einen Ermittlungserfolg gibt es allerdings bereits: Die Zollfahndung Hannover begnügte sich nicht damit, die Drogen lediglich abzuschöpfen. Sie füllte den Container anschließend mit einer Tarnladung und ließ ihn weiter zu seinem Zielhafen Barcelona laufen und nahm Kontakt zu den Kollegen in Spanien auf. Dort angekommen, passierte lange Zeit nichts.

Irgendwann jedoch meldete sich eine Firma, die die Ware übernehmen wollte. Der spanische Zoll konnte so Anfang Mai zwei Männer in Andalusien festnehmen, die mit der Import-Firma in Verbindung stehen. Die Männer sind nach NDR-Informationen spanische Staatsbürger. Einer der Männer ist Ermittlern bereits in der Vergangenheit im Zusammenhang mit einem anderen Kokaintransport aufgefallen.

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