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Realität oder verzerrtes Bild?: Warum True Crime viele Menschen so fasziniert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 9, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Realität oder verzerrtes Bild?Warum True Crime viele Menschen so fasziniert

Ein nachgestellter Tatort ist in der Ausstellung zu wahren Verbrechen in Köln zu sehen. (Foto: Linus Harwig/-/dpa)

Ein Genre mit Millionenpublikum: True Crime boomt und bekommt jetzt sogar eine Ausstellung gewidmet. Hinter echten Fällen stehen aber auch echte Betroffene und ein verzerrtes Bild von Kriminalität.

Ob Podcast, Doku, Netflix-Serie oder Bühnenshow: Die Faszination für wahre Verbrechen spiegelt sich in einer Vielzahl von True-Crime-Formaten wider. In Köln wird dem Genre über reale Kriminalfälle nun sogar eine ganze Ausstellung über Mehrfachmörder gewidmet: „Serienkiller – Die True Crime Ausstellung“ (Start am gestrigen Freitag).

Mit teils sehr blutigen und expliziten Kulissen sowie Virtual-Reality-Elementen kommen Krimi-Fans in der Kölner Ausstellung den Geschichten von Tätern scheinbar so nah wie nie. Was vielen als neuer Trend mit derzeitigem Höhepunkt vorkommt, hat jedoch bei genauerem Hinsehen eine lange Tradition. 

„Wenn von einem True-Crime-Hype die Rede ist, muss ich so ein bisschen schmunzeln – das hat es eigentlich immer schon gegeben“, sagt Philipp Fleiter vom Podcast „Verbrechen von nebenan“. „Die Leute sind im Mittelalter auf den Marktplatz gelaufen, um sich Hinrichtungen anzusehen, ‚Aktenzeichen XY‘ läuft seit gefühlt 100 Jahren, also diese Faszination für Verbrechen, die gab es immer schon.“

Als er 2019 seinen True-Crime-Podcast mit Fällen aus seiner Heimatregion startete, war das im deutschsprachigen Raum aber trotzdem noch ein Novum. Dahinter steckte vor allem auch die eigene Faszination für „dunkle Themen“.

Spannung wie in der Achterbahn

Dass die vermeintlich böse Seite der menschlichen Psyche nicht nur die Macher von True-Crime-Formaten selbst reizt, zeigt das große – vor allem weibliche – Publikum, das ihnen zuhört und zuschaut. Vor allem Podcasts als Plattformen hätten in den vergangenen Jahren für einen Boom des Genres gesorgt, stellt Gina Rosa Wollinger, Buchautorin („True Criminology“) und Professorin an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW, fest. „Wir holen uns sehr freiwillig Krimis ins Wohnzimmer.“

Neben wahren Verbrechen sind es schließlich auch fiktionale Geschichten, für die sich Millionen Menschen in Deutschland in Form von Büchern, Filmen oder Serien alltäglich begeistern. „Ich schaue mir eine andere Welt an, während ich selbst gemütlich in meinem Bettchen liege oder auf dem Sofa sitze“, erklärt Fleiter sich das Phänomen.

Wie in einer Achterbahn gehe man an seine Grenzen – weiß aber, dass einem dabei eigentlich nichts passieren kann. Der Realitätsbezug mache noch einmal einen besonderen Reiz aus. „True Crime erfährt eine besondere Faszination, weil es halt wirklich passiert ist“, sagt Wollinger.

Ausgewählte Fälle folgen einem Muster

Aber bilden die erzählten True-Crime-Fälle auch die kriminalistische Realität ab? „Eigentlich gar nicht“, sagt Wollinger. Schwere Verbrechen kämen im True Crime viel häufiger vor als in Wirklichkeit. Die meisten Formate geben sich nicht mit den alltäglichen Straftaten wie Diebstahl, Einbruch oder Sachbeschädigung ab, die laut den Fallzahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik in Deutschland deutlich häufiger verbrochen werden als der für das Genre typische Mord.

Oft wird durch die überproportionale Darstellung dieser Taten nicht nur ihre tatsächliche Häufigkeit überschätzt. Auch die Vorstellungen über die Art und Weise sowie die Täter-Opfer-Beziehungen verzerren sich. Glaube man den gewonnenen Eindrücken aus vielen True-Crime-Formaten seien die meisten Verbrechen das Ergebnis eines ausgeklügelten Plans mit mysteriösen Hintergründen und fremden Tätern, die plötzlich aus dem Gebüsch springen.

„In der Realität ist es aber so, dass der Krimi im sozialen Nahraum stattfindet“, erklärt Wollinger. Häufig stammen Täter aus dem engen Umfeld. Auch die Auswahl der präsentierten Opfer in vielen True-Crime-Formaten folge einem Muster, das nicht der Realität entspreche. „Die Opfer sind oft jung und weiblich, was viel aussagt“, meint Wollinger. Sie vermutet, dass ein bestimmter Opfer-Typ mehr Aufmerksamkeit errege. Deswegen kämen auch oft Kinder als Opfer im True Crime vor.

Worüber und wie True Crime berichtet, hat dementsprechend Auswirkungen auf die gesellschaftliche Wahrnehmung von Sicherheit und Straftaten. Das weiß auch Fleiter: „Es ist eine riesengroße Verantwortung, der man sich immer bewusst sein muss. Dementsprechend kann ich die Kritik an dem Genre gut nachvollziehen“, sagt der Podcaster. Ihm sei es wichtig, deutlich zu machen, dass seine erzählten Fälle nur einen Ausschnitt der Realität zeigten.

„Die Grenze des Zumutbaren wird oft überschritten“

Spannungsbögen, Plot-Twists, Cliffhanger – damit das Publikum dranbleibt, finden im True-Crime-Genre die gängigen Stilmittel der Unterhaltungsbranche ihre Anwendung. „Diese Formate sollen Menschenmassen anziehen“, sagt Maria Schnelle vom Weißen Ring NRW. Dabei rücken vor allem die Täter in den Mittelpunkt: Wer hat es getan? Wie kommt man dem Täter auf die Schliche? Und vor allem: Was hat ihn zu der Tat getrieben? Fragen wie, an wen man sich als betroffene Person wenden könne oder wie Taten verarbeitet werden können, rücken meistens in den Hintergrund.

Für die Opfer sei das oft unerträglich. „Die Grenze des Zumutbaren wird oft überschritten“, sagt Schnelle. Geschädigte und Angehörige würden oft nicht mal gefragt oder darüber informiert, dass eine sie betreffende Tat Thema in einem True-Crime-Format wird. Stolpern sie irgendwo zufällig über ihren Fall, könne das traumatisierend wirken, meint auch die Soziologin Wollinger.

Manche Betroffene empfinden es allerdings als Empowerment, ihre Geschichte selbst in die Öffentlichkeit zu tragen. Immer wieder komme es vor, dass Menschen auf Formate wie „Verbrechen von nebenan“ zukommen, weil sie aktiv von dem Erlebten erzählen wollen. „Es ist etwas, das sehr viel Fingerspitzengefühl erfordert“, sagt Fleiter. „Man darf nie vergessen, dass es keine fiktionalen Geschichten sind, sondern ganz viele Schicksale dahinterstehen.“

Quelle: ntv.de, Celine Frohnapfel, dpa

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