Mehr als vier Jahrzehnte leitete François Michelin den weltbekannten Reifenhersteller. Michelin ist ein französischer Mythos, aber inzwischen auch ein Symbol für die Probleme der Industrie. Heute wäre Michelin 100 Jahre geworden.
Noch heute gilt François Michelin für manche als Archetyp des Managers: eng verbunden mit der Geschichte seines Unternehmens und dessen Mitarbeitern, innovativ, risikofreudig und diszipliniert – bis hin zu einem gewissen Autoritarismus.
Er sei „der einzige Chef nach Gott“ bei Michelin, soll der Firmen-Patriarch mal über sich selbst gesagt haben. François Michelins Führungsstil war entschieden top-down. Aber mit großer Wertschätzung für die Mitarbeitenden, betonte er bei einer seiner letzten Hauptversammlungen als Firmenchef.
„Ich habe mich gefragt, warum sich diese Firma so stark entwickeln konnte. Es ist unser Bemühen um die Menschen: denn ohne sie geht nichts“, sagte er. „Menschliche Ressourcen“ gebe es nicht. „Es sind lebende Wesen, die wachsen und miteinander in Verbindung stehen – und genau so wahrgenommen werden wollen“, sagte Michelin, der 2015 starb.
Seit 1959 an der Firmenspitze
Eine Unternehmensphilosophie, die geradezu spirituell wirkt: geprägt vom strengen Arbeitsethos und vom christlichen Glauben François Michelins. 1959 übernahm er das Familienimperium: ein Symbol des industriellen Paternalismus. Am Traditionsstandort Clermont-Ferrand hatten seine Vorgänger Sportvereine gegründet, Arbeitersiedlungen gebaut – und dort sogar eine Kirche errichten lassen.
Pierre-Antoine Donnet ist Autor des Buches Die Michelin-Saga. „Man sagte oft: Man wird bei Michelin geboren, wächst bei Michelin auf und stirbt bei Michelin. Weil es dort alles gab! Das war aber keine reine Menschenliebe: Es ging darum, überall und in ausreichender Zahl Leute zu finden, die bei Michelin arbeiten. Und dafür zu sorgen, dass diese Menschen im Unternehmen bleiben.“ Das sagte Donnet in einer Doku der Wirtschaftszeitung Les Echos.
Der geheimnisvolle „X“-Reifen
Unter François Michelin stieg das Unternehmen vom Provinz-Platzhirsch an die Weltmarktspitze auf. Nicht zuletzt, weil der Boss massiv in Forschung investierte und die Vermarktung des geheimnisvollen X-Reifens vorantrieb, erklärt Autor Pierre-Antoine Donnet. Der X-Reifen war das, was man heute Radialreifen nennt.
„Die Autoreifen von damals fingen in der Kurve immer an zu flattern, das war nicht so toll“, so Donnet. „Der Radialreifen hat innen eine Metallstruktur, die ihn fester macht und für ein Fahrverhalten sorgte, das mit nichts Damaligem vergleichbar war. Das hat Michelin zwölf Jahre lang einen Technologievorsprung gesichert.“
Weltbekannte Werbefigur: das Michelin-Männchen, auch „Bibendum“ genannt – erdacht von François Michelins Großvater Edouard.
Kein Freund der Gewerkschaften
Der Name „X“ sei ein Sinnbild für die Neigung zum Geheimnis, das die Michelins um ihre Firma machten, sagt Donnet. Auch zur Abwehr von Industriespionage.
François Michelin wurde oft als der „verschwiegenste Firmenchef Frankreichs“ bezeichnet – wobei sein Führungsstil auch für Kritik sorgte: Die Kommunikation des Unternehmens beschränkte sich aufs Nötigste. Und auch die Gewerkschaften hielt François Michelin so klein, wie es nur ging.
Krise seit den Achtziger Jahren
Ab den 1980er-Jahren wurde die Firma – Symbol des französischen savoir-faire – auch zum Sinnbild für die Krise der Industrie. Ein Sozialplan folgte auf den anderen, Tausende Mitarbeiter wurden entlassen. Zuletzt kündigte Michelin Ende 2024 an, zwei Werke im Westen des Landes zu schließen. Unter erbittertem Protest der Mitarbeitenden.
Schwierige Zeiten im Welthandel, Konkurrenz aus China, zu hohe Lohnnebenkosten in Frankreich: aus diesen Gründen will das Unternehmen bis 2029 weitere 1.500 Stellen in Frankreich abbauen. Neben der wirtschaftlichen Dimension hat das auch eine symbolische: Michelin galt lange als soziales Vorzeige-Unternehmen mit fairen Löhnen. Ganz im Sinne des „industriellen Paternalismus”, für den Firmenpatriarch François Michelin vier Jahrzehnte lang stand.

