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Reisners Blick auf die Front: „Mit KI erleben wir einen Evolutionsschritt im Krieg“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 8, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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Reisners Blick auf die Front„Mit KI erleben wir einen Evolutionsschritt im Krieg“

08.06.2026, 19:57 Uhr Von Frauke Niemeyer
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KI-Software macht ukrainische Drohnen wesentlich resistenter gegen russische Flugabwehr. (Foto: Getty Images)

Wie schafft es die Ukraine, die Russen an der Front in Schach zu halten und weit entfernt davon russische Infrastruktur für Erdölexport zu treffen? Mit KI, sagt Oberst Reisner, und erklärt ntv.de, warum im Krieg nun eine neue Phase beginnt.

ntv.de: Herr Reisner, beim Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg stiegen mächtige Rauchwolken über der Stadt auf. Dort, wo Wladimir Putin vor internationalen Gästen russische Wirtschaftskraft inszenieren wollte, haben die Ukrainer russische Abwehrschwäche vorgeführt. Wie konnte das gelingen?

Markus Reisner: Wenn zu viele anfliegende Langstreckendrohnen gleichzeitig auftauchen, dann überfordern sie das regional vorhandene Fliegerabwehrdispositiv der Russen. Man hat dann Schwierigkeiten zu entscheiden, welche Ziele abzuschießen sind und ob überhaupt alle abgeschossen werden können. Der entscheidende Unterschied zu den vergangenen Jahren: Die Ukraine schafft es inzwischen mit Unterstützung der Europäischen Union, eine kritische Masse an Drohnen zu erzeugen, die nun täglich eingesetzt werden können. Und das auch in gezielten Luftkampagnen wie letzte Woche, als mehr als 1200 Drohnen über mehrere Tage Richtung Sankt Petersburg geflogen sind. Zwischen 70 und 90 Prozent werden die Russen abgeschossen haben, aber diejenigen, die durchkommen, treffen ihre Ziele.

Spielt Künstliche Intelligenz dabei schon eine Rolle?

Eine ganz erhebliche, und zwar auf beiden Seiten. Schauen wir uns zunächst die Ukraine an: Auf der operativen Ebene, also am Frontgürtel, sehen wir seit einigen Wochen, dass ukrainische Mittelstreckendrohnen dank KI in der Lage sind, Störsysteme der Russen im elektromagnetischen Spektrum zu überwinden. Sie erkennen zudem Ziele selbständig und stürzen sich auf sie. Diese Fähigkeit und der Angriff hunderter Drohnen setzen die Logistik der Russen zur Versorgung ihrer Truppen im Süden und in Richtung der Halbinsel Krim inzwischen enorm unter Druck.

Das heißt also, das Jammen, also Stören gegnerischer Drohnen mittels Störsender, hat nun weniger Bedeutung? Darin waren die Russen ja mal ziemlich versiert.

Korrekt. 2022 hatten die Russen diese Mittel noch kaum im Einsatz, aber ab 2023 führten sie viele Systeme der elektronischen Kampfführung an die Front. Das hat der Ukraine ihren Drohneneinsatz unglaublich erschwert. Auf taktischer Ebene entstand dieses Katz-und-Maus-Spiel, woraufhin man dann schließlich vor einem Jahr auf beiden Seiten Drohnen mit Glasfaser-Drähten einführte, um den Störern zu entgehen. Glasfaser ist jetzt vor allem auf taktischer Ebene im Einsatz. Die künstliche Intelligenz wendet hingegen das Blatt auf operativer Ebene erneut, und zwar zugunsten der Ukraine.

War das vorhersehbar?

In der Expertenszene wurde in den letzten Jahren in sechs bis zwölf Monatszyklen immer wieder darüber diskutiert, was wohl der nächste große Entwicklungsschritt in diesem Krieg sein würde. Die weitläufige Meinung, und das war auch meine, sah als nächsten Schritt einen Moment, in welchem Künstliche Intelligenz die Drohne voll autonom steuern würde, also ohne menschliches Zutun. Es gibt keine Verbindung mehr,also kein Up- und Downlink. . Die Drohne bzw. ihre Steuersoftware wird vom Menschen programmiert, sie erhält einen Auftrag, fliegt in einen definierten Raum, und ab einem bestimmten Zeitpunkt führt sie ihren Auftrag selbständig durch. Das sehen wir nun, wenn die Ukraine versucht, die russische Versorgung auf die Krim und im Süden des Landes zu unterbrechen. Hier machen vollautonome Drohnen Jagd auf russische Versorgungs-LKW.

Und wie greift die KI auf der strategischen Ebene ein, also etwa bei Angriffen wie der Kampagne auf Sankt Petersburg?

Die Ukrainer setzen inzwischen im großen Stil auf Anbieter wie zum Beispiel das US-Unternehmen Palantir. Deren Software Maven und Prisma machen es möglich, Angriffe sehr gezielt durchzuführen. Das beginnt bereits in der Vorbereitungsphase eines Angriffes, also bei der Zielaufklärung. Die KI analysiert Satellitenaufnahmen und identifiziert potenzielle Angriffsziele. Sie erkennt all diese kleinen Unterschiede und Bewegungen, die Stationierung eines Flugabwehrsystems zum Beispiel. Die KI markiert seinen Fund und schlägt es dann als ein Ziel vor, das der Mensch anklickt und damit einer Drohne dieses Ziel zuweist.

Aber nicht alles, was nach einem scharfen Abwehrsystem aussieht, ist auch eins.

Genau diesen Unterschied erkennt die KI. Nehmen wir als Beispiel Flugabwehrgeschütze auf Hochhäusern in Moskau. Wenn man diese dort sieht, hat man noch keine Gewissheit: Ist es ein echtes System oder ein Mockup, also eine Attrappe? Man schickt dann die ersten Drohnen los. Um diese zu erkennen und abzuschießen, müssen die Abwehrsysteme kurz ihren Radar einschalten und damit die einfliegende Drohne erfassen. Dieses kurze Einschaltsignal erkennt die ukrainische KI über die als Lockvogel agierende Drohne. Die einfliegende Drohne kann zudem anschließend entweder sofort auf das System angesetzt werden. Sie stürzt sich darauf und macht so den Weg für einen nachfolgenden Drohnenschwarm frei. Oder sie kann ausweichen und außerhalb des Radius des Abwehrsystems vorbeifliegen. So entstehen Routen, entlang derer nachfolgende Drohnen fliegen können, um die erkannte russische Abwehr zu umgehen.

Aber diese Drohne, die das Flugabwehrsystem angreift, kann die nicht auch vom System selbst abgewehrt werden?

Das ist durchaus möglich. Wenn es aber nicht nur eine Drohne ist, sondern zehn gleichzeitig, dann wird auch hier das einzelne Flugabwehrsystem übersättigt und lässt anfliegende Drohnen durch. Diese Fähigkeit, die russische Fliegerabwehr mittels KI zu umgehen oder aber gezielt anzugreifen, hat in den letzten Wochen so enorm zugenommen, dass der Ukrainekrieg eine neue technologische Phase beschreitet. Eine Phase, in der KI ein maßgebliches Werkzeug im Angriffs- und Verteidigungssystem der Ukraine ist, um sich gegen die angreifenden Russen zu wehren. Auch, indem die KI erkennt, welche der angreifenden russischen Drohnen, Marschflugkörper und Raketen eine wirkliche Bedrohung darstellen. Anhand der Flugbahn jedes Flugkörpers berechnet sie, ob er in einem Ziel einschlagen würde oder im freien Gelände herunterkommen. Nur die wirklich bedrohlichen Raketen sollen so abgeschossen werden, was Munition spart. Das ist nicht einfach, denn auch die Russen greifen oft mit mehreren Wirkmitteln ein Ziel an.

Lässt sich einschätzen, wieviel Zeit der Ukraine noch bleibt, bis die Russen aufschließen? Die werden ja mit Hochdruck an einer eigenen KI-Lösung arbeiten.

Ja, das ist die spannende Frage. Wir erleben hier einen Evolutionsschritt im Krieg, durch die Zusammenarbeit mit Palantir hat die Ukraine momentan die Überhand. Bislang hat die Gegenseite immer etwa sechs bis zwölf Monate gebraucht, um sich an einen vergleichbaren technologischen Vorsprung anzupassen und wieder aufzuschließen. Gehen wir daher einmal auf eine höhere Perspektive und blicken aus der Distanz auf die Situation. Versuchen wir so Muster und Trends zu erkennen

Nur zu.  

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Falls die Russen nicht schnell eine Antwort auf die ukrainische KI finden, wird es ihnen auch in der Sommeroffensive schwerfallen, Fortschritte zu machen. Im Gegenteil man wird auf operativer Ebene in die Defensive gedrängt werden. Zudem wird die russische Wirtschaft unter den strategischen Angriffen leiden, wenn die Ukraine weiterhin so massive Attacken gegen Anlagen der Erdölindustrie in Russland fliegt. Putin weiß also, er hat nur noch begrenzt Zeit, vielleicht ein halbes Jahr. Den Ukrainern geht es aber ähnlich.

Ihnen stünde sonst der nächste Kriegswinter bevor?

Die Russen werden spätestens im Winter wieder beginnen, die kritische Infrastruktur der Ukraine anzugreifen. Sie haben eine konstante Produktionsrate ballistischer Raketen von bis zu 130 Stück im Monat. Hinzu kommen Drohnen und Marschflugkörper. Alleine dieses Jahr planen die Russen den Bau von 130.000 Geran-2 Drohnen. Letztes Jahr waren es 70.000. Den Ukrainern würden also die nächsten Luftangriffswellen im Herbst und Winter bevorstehen, wieder ohne genügend Fliegerabwehrsysteme und -raketen. Also besteht auch hier nur ein begrenztes Zeitfenster. Beide Seiten setzen daher inzwischen Signale, dass der Krieg Ende des Jahres eingefroren sein sollte oder vielleicht sogar endet. Wladimir Putin hat das für die russische Seite mehrfach gesagt, Aussagen von Wolodymyr Selenskyj deuten auch für die Ukraine auch in diese Richtung. Warum? Weil beide wissen: Ihnen läuft die Zeit davon. 

Gehen Sie davon aus, dass US-Präsident Donald Trump in den Geschäftsverbindungen zwischen Palantir und den Ukrainern eine Rolle spielt?

Wenn Sie genau hinschauen, lässt sich an so trivialen Dingen wie dem Bau des neuen Ballsaals für das Weiße Haus ermessen, wie eng die Verbindungen zwischen der US-Regierung und privaten Investoren derzeit sind. Diese spenden großzügig für den neuen Bau und erhalten Zuschläge für staatliche Aufträge – siehe Lockheed Martin aus der Rüstungsindustrie oder eben ein Unternehmen wie Palantir. Ich spekuliere jetzt: Es könnte sein, dass ein ungeduldiger Trump den sogenannten Tech-Bros signalisiert hat, jetzt seid ihr dran. Probiert mal aus, was ihr könnt. Mir erscheint das sehr realistisch. Elon Musk und er sind ja zum Beispiel wieder gute Freunde. Und man weiß, dass Alex Karp, der CEO von Palantir, und Trump dieselben sicherheitspolitischen Interessen teilen.

Und die Ukrainer wiederum werden vermutlich auch schon an eigenen Systemen basteln, um Palantir langfristig wieder zu ersetzen, oder?

Ohne Zweifel. Palantir wird es nicht zulassen, dass die Ukraine selbst maßgeblich Softwareveränderungen vornimmt. Aber Palantir lernt natürlich selbst von dem, was die Ukraine tut. Der KI-Hersteller kann aus den Vorgängen auf dem realen Schlachtfeld in der Ukraine lernen, auch als Spielfeld für eine mögliche zukünftige Konfrontation mit China. Man kann jetzt Dinge testen, die später in den US-Streitkräften als bewährt eingeführt werden, und die USA können China zeigen, wozu sie in der Lage sind. In der Hoffnung, dass es sie abschreckt und wir nicht einen Krieg um Taiwan erleben.

Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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