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Reisners Blick auf die Front: „Putin spricht zum ersten Mal von einem Kriegsende“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 11, 2026Keine Kommentare8 Minuten Lesezeit
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Reisners Blick auf die Front„Putin spricht zum ersten Mal von einem Kriegsende“

11.05.2026, 18:11 Uhr Interview: Lea Verstl
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Auf der taktischen Ebene habe die Ukraine mit einer großen Zahl von Drohnen entlang der Front russische Vormärsche stark erschwert oder ganz verhindert, sagt Reisner. (Foto: picture alliance / TASS)

Hinter dem russischen Vorschlag zu Friedensgesprächen könne ein Funken Ernsthaftigkeit stecken, sagt Oberst Markus Reisner. Die Ukraine hindere die Truppen des Kremls jedenfalls noch immer an größeren Vorstößen. Neben Ex-Kanzler Gerhard Schröder werde ein weiterer Deutscher als möglicher Vermittler diskutiert.

ntv.de: Wladimir Putin bringt Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder als möglichen Vermittler für ein Ende der Invasion ins Spiel und fordert zugleich weiterhin die vollständige Kontrolle über die ukrainischen Regionen Donezk und Luhansk. Was will Putin erreichen?

Markus Reisner: Putin spricht zum ersten Mal von einem Kriegsende. Das haben wir in dieser Deutlichkeit so noch nicht gehört. Nachdem Putin Schröder als Verhandlungsführer ins Spiel gebracht hatte, winkte Berlin aber ab. Dass Schröder allein die Rolle des Verhandlungsführers mit Putin ausfülle, sei keine Option, hieß es. Nun wird laut meinen Informationen diskutiert, ob Präsident Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit Schröder ein Verhandlungsduo stellen könnte.

Markus-Reisner-ist-Historiker-und-Rechtswissenschaftler-Oberst-des-Generalstabs-im-Oesterreichischen-Bundesheer-und-Leiter-des-Institutes-fuer-Offiziersgrundausbildung-an-der-Theresianischen-Militaerakademie-Wissenschaftlich-arbeitet-er-u-a-zum-Einsatz-von-Drohnen-in-der-modernen-Kriegsfuehrung-Jeden-Montag-bewertet-er-fuer-ntv-de-die-Lage-an-der-Ukraine-Front
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front. (Foto: privat)

Sind Schröder und Steinmeier denn geeignete Kandidaten?

Wie man an der Berichterstattung erkennen kann, ist das innenpolitisch ein heißes Thema aufgrund der engen Beziehung, die Schröder zu Putin pflegt. Auch Steinmeier geriet in die Kritik aufgrund seiner Nähe zu Russland. Er hielt gemeinsam mit der damaligen Bundesregierung am Bau der Gaspipeline Nord Stream 2 fest. Berlins Position spielte auch eine Rolle beim Abschluss des Minsker Abkommens zur Beendigung des Krieges im Donbas. Das Minsker Abkommen scheiterte damals, weil die von Moskau gesteuerten Separatisten die Vereinbarung systematisch unterliefen und der Westen Verstöße nicht konsequent sanktionierte.

Sie denken also, bei Putins Schröder-Vorschlag handelt es sich um mehr als eine reine Desinformationskampagne?

Das wäre möglich. Aber ich bin da sehr, sehr vorsichtig. Denn wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder vermeintliche Vorstöße der russischen Seite zu Friedensverhandlungen gesehen, die sich aber schlussendlich entweder in Luft zerschlagen haben – oder den Hintergrund hatten, Zeit zu gewinnen. Bemerkenswert finde ich: Putin ist es nicht allein gelungen, die Ukraine von einer Feuerpause zu überzeugen. Dafür musste US-Präsident Donald Trump intervenieren. Trump hat sich zuvor schon an die Schultern geheftet, er sei jener, der Verhandlungen zwischen Wolodymyr Selenskyj und Putin in der Form zumindest informell ermöglichen könne. Nun hat der Waffenstillstand, der heute endet, tatsächlich im Großen und Ganzen gehalten.

Wirklich? Beide Kriegsparteien sprechen davon, in den vergangenen Tagen Opfer von Angriffen geworden zu sein.

Das ist nichts Neues im historischen Vergleich zu anderen derartigen Feuerpausen. Es hat immer Verletzungen des Waffenstillstands gegeben. Denn es ist schwierig für beide Parteien, ihre Streitkräfte bis auf die unterste Ebene dermaßen zu kontrollieren. Problematisch ist das vor allem in der Übergangsphase – von einem intensiv geführten Konflikt hin zu einem fragilen Waffenstillstand. Das heißt: Es gibt immer ein gewisses Hintergrundrauschen bei solchen Waffenstillständen. Das ist auch hier der Fall. Dass weder die Ukraine noch Russland von massiven Angriffen des jeweiligen Gegners sprechen, ist aber ein gutes Zeichen.

Die unabhängigen russischen Portale Mediazona und Meduza berichten, 352.000 russische Soldaten seien seit Kriegsbeginn gefallen. Der ukrainische Generalstab meldet teils über 1000 gefallene oder verwundete russische Soldaten innerhalb von 24 Stunden. Wie ordnen Sie diese Zahlen ein?

Die Angabe, 352.000 Russen seien gefallen, ist absolut glaubhaft. Eine Mitarbeiterin dieser Portale hat auch vor Kurzem die ukrainischen Zahlen recherchiert – und ist auf eine Zahl von knapp 250.000 gefallene beziehungsweise vermisste ukrainische Soldaten gekommen. Diese Angaben decken sich mit denjenigen der USA, die in den vergangenen Jahren punktgenau waren.

Wie kommt diese Zahl zustande?

Es gibt drei Kategorien von Verlusten im Krieg: die getöteten, die vermissten und die verwundeten Soldaten. Wenn man diese drei Kategorien insgesamt betrachtet, sind die Verluste noch wesentlich höher. Das versuchen die Ukrainer ein bisschen zu verschleiern. Präsident Selenskyj spricht von 55.000 getöteten Soldaten. Das ist nicht falsch. Aber die Zahl der vermissten und somit höchstwahrscheinlich ebenfalls gefallenen Soldaten liegt viel höher – aufgrund des steten Vormarsches der Russen in den vergangenen Jahren.

Die Ukraine trifft Ziele wie eine Ölpumpstation bei Perm, 1500 Kilometer von der Front entfernt. Dafür nutzt sie neue Systeme wie den von ihr entwickelten Marschflugkörper Flamingo. Wie sehr verändert diese Fähigkeit den strategischen Rahmen des Krieges?

Eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme in Kombination mit Rahmenbedingungen machen es möglich, Ziele in Russland zu treffen. Erstens gibt es weitreichende Drohnen, die Kiew mit Unterstützung europäischer Rüstungsunternehmen baut. Zweitens gibt es ukrainische Eigenproduktionen wie das System Flamingo als weitreichender Marschflugkörper. Drittens wird Kiew von Europäern und Amerikanern mit Aufklärungsdaten unterstützt, um russische Ziele zu treffen. Diese drei Fähigkeiten ermöglichen es der Ukraine auch im fünften Kriegsjahr, enormen Druck auf Russland auszuüben.

Woran erkennen sie, wie stark Russland den Druck spürt?

Wir sehen das eindrücklich an der Siegesparade, bei der Moskau aus Furcht vor Drohnenangriffen mit massiven Drohungen reagierte – ein Hinweis darauf, dass Russland keinen lückenlosen Luftabwehrschirm aufbauen kann und ukrainische Systeme diesen immer wieder durchdringen würden. Ein Treffer bei einer so symbolträchtigen Veranstaltung hätte aus russischer Sicht verheerende Folgen gehabt, weil das Narrativ, der Krieg, beziehungsweise die ‚Spezialoperation‘ finde ‚irgendwo anders‘ statt, ins Wanken geraten wäre. Entsprechend brauchte es nach dem Telefonat Putins mit Trump die Intervention der USA, um Kiew von Angriffen abzuhalten.

Es gab Vorfälle mit ukrainischen Drohnen im lettischen Luftraum, die nach ukrainischen Angaben im Zusammenhang mit der russischen elektronischen Kriegsführung stehen. Stürzen ukrainische Drohnen immer wieder in den baltischen Staaten ab, weil Russland einen technologischen Vorsprung hat?

Russen und Ukrainer versuchen derzeit, sich mit strategischen Luftangriffen gegenseitig unter Druck zu setzen. Jahrelang hatte dabei Russland die Oberhand, jetzt kann die Ukraine deutlich besser mithalten und einen Teil dieser Schläge erwidern. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel: Sobald eine Seite durch neue Technologien einen Vorsprung hat, kann sie schnell und massenhaft Ziele angreifen. Das funktioniert, bis die andere Seite nachzieht und wieder eine gewisse Symmetrie herstellt – mit dem anschließenden Ziel, die Errungenschaften erneut in einen asymmetrischen Vorteil zu verwandeln. Hinter dieser Luftkampagne stehen technische Faktoren, die man von außen kaum sieht: präzise Aufklärung, zuverlässige Navigation und Systeme, die trotz massiver Funkstörungen ihr Ziel finden.

Wie ist der Absturz der ukrainischen Drohne vor diesem Hintergrund zu bewerten?

Russland hat seine Fähigkeiten kontinuierlich ausgebaut, etwa mit Relaissendern und Signal-Verstärkern in Belarus, die als eine Art Funkkette dienen. Das System erleichtert es russischen Drohnen, weit in die Ukraine vorzudringen, denn die Steuerungssignale werden verstärkt, weitergereicht – und sind damit schwerer zu stören. Die Ukraine versucht, solche Drohnen mit Störmaßnahmen oder Luftabwehr zu stoppen. Dabei können unbemannte Flugkörper vom Kurs abkommen und in Nachbarstaaten abstürzen – wie zuletzt mutmaßlich ukrainische Drohnen in den baltischen Ländern. Solche Vorfälle schlachtet Russland propagandistisch aus. Der Kreml behauptet, die baltischen Staaten und Polen würden ihren Luftraum gezielt für ukrainische Drohnen öffnen und damit Angriffe auf russische Ziele, etwa im Raum St. Petersburg, erst möglich machen.

Mit Blick auf die taktische Ebene: Die Ukraine sagt, sie habe die russische Frühjahrsoffensive an mehreren Abschnitten durch massiven Drohneneinsatz gestoppt, etwa bei Kostjantyniwka. Wie groß ist dieser Erfolg aus Ihrer Sicht tatsächlich?

Auf der taktischen Ebene hat die Ukraine mit einer großen Zahl von Drohnen entlang der Front russische Vormärsche stark erschwert oder ganz verhindert. Dadurch hat die russische Frühjahrsoffensive operativ nur wenig Raum gewonnen. Als Reaktion versucht Moskau, den Druck auf andere Frontabschnitte zu verlagern. Der Kreml verlegt Kräfte vor allem in die Regionen Charkiw und Sumy, aber auch in den Süden bei Saporischschja. Die Ukraine hat damit das Momentum, das Russland üblicherweise im Frühjahr aufbaut, deutlich abgeschwächt.

Wie nachhaltig ist das?

In den kommenden Wochen wird sich zeigen, ob es den Russen trotzdem gelingt, an einzelnen Stellen weiter vorzurücken. Insgesamt sehen wir von der taktischen bis zur operativen Ebene eine Pattsituation: Keine Seite hat bislang eine überzeugende Idee, wie sie die Lage nachhaltig zu ihren Gunsten verändern kann. Jeder, der sich im gläsernen Gefechtsfeld exponiert, läuft Gefahr, in dieser von Zehntausenden Drohnen dominierten Todeszone hohe Verluste zu erleiden.

Das heißt: Die Ukraine könnte es trotz personeller Unterlegenheit und anderer Nachteile gegenüber Russland geschafft haben, Putin in eine Lage zu bringen, in der er über Verhandlungen nachdenken muss?

Das wäre die positive Lesart. Im Grunde stehen sich zwei Narrative gegenüber: Aus ukrainischer Sicht hat man durch den massiven Einsatz von Drohnen und Robotik einen Weg gefunden, den russischen Abnutzungskrieg zu kontern und eigene Personaldefizite teilweise zu kompensieren. Das russische Narrativ lautet: Man hält an den Kriegszielen fest, und kämpft bis zum Sieg. Man sieht aber auch in Russland, wie sehr der operative Fortschritt hinter den Erwartungen bleib – was durchaus zu einem gewissen Nachdenken führen kann, und aus meiner Sicht ist dies bereits der Fall.

Mit Markus Reisner sprach Lea Verstl

Quelle: ntv.de

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