Russlands Bevölkerung schrumpft seit Jahren rapide. Deshalb propagiert Putin auch seit Jahren das Kinderkriegen. Russlands Frauen sollen gebären, damit ihm das Volk nicht ausgeht. Ohne Erfolg.
Das Haus haben sie lila gestrichen, auf der Veranda flattert Wäsche an der Leine. Im Garten überall Spielzeug, mittendrin ein Planschbecken. Im Haus herrscht fröhliches Chaos. Acht Kinder haben Olga und Dmitrij Cholkin. Gerade klimpert Fenja auf dem Klavier, Nika rollt Teig aus, Uljascha formt Piroggen. Die kleine Swetlana ist erst ein Jahr alt – und schon Tante. Denn der älteste Sohn, 22, hat gerade seine eigene Familie gegründet, das erste Kind ist da. Eine Großfamilie wie aus dem Bilderbuch, es wird viel gelacht.
Wenn er mit den fünf Kleineren unterwegs sei, sagt Vater Dmitrij Cholkin, werde er manchmal gefragt, ob das alles seine seien? Und ob, sage er dann, aber das seien ja noch gar nicht alle, es gebe noch drei mehr. Meistens komme dann: „Alle aus einer Ehe?“ Das findet er bezeichnend: Eine Großfamilie könne sich niemand mehr vorstellen. Weil die Medien, so erklärt er es, etwas anderes propagierten: „Konsum, Selbstverwirklichung, höchstens ein, zwei Kinder, dafür lieber öfter in den Urlaub“. Das sei die westliche Kultur, und die sei nicht gut für Russland.
„Wenn wir unser Land als christlich-orthodoxes Land erhalten wollen“, sagt auch Olga Cholkina, „dann müssen wir mehr Kinder gebären. Das hat ein bekannter Priester schon vor 20 Jahren gesagt: Jede Frau muss im Durchschnitt acht Kinder bekommen, damit wir auf dem Level bleiben. Das war vor 20 Jahren, jetzt reichen acht schon gar nicht mehr aus.“
Bei Familie Cholkin ist immer was los in der Küche. Großfamilien wie diese wünscht sich Russlands Präsident Putin.
Patriotische Erziehung
Olga ist 45, Dmitrij 47 Jahre alt. Sie haben sich auf der Uni kennengelernt. Die Kinder unterrichten sie zu Hause, das russische Schulsystem erlaubt das. „Wir erziehen sie patriotisch“, sagt Olga Cholkina, „wir achten auch darauf, mit wem sie Umgang haben.“ In der Schule sei das nicht möglich, da könnten sie mit Dingen in Berührung kommen, die nicht gut für sie seien.
Wenn eines der Kinder nach der Spezialoperation frage, erkläre sie das genau so, wie der Präsident es 2022 erklärt habe: Man habe eingreifen müssen, weil „die andere Seite sich nicht an die Verabredungen gehalten habe“. Genauer wird sie nicht. Aber man könne dem Urteil des Präsidenten vertrauen.
Sechs, sieben, acht Kinder als Norm
Die Cholkins sind eine Familie, wie Putin sie sich wünscht: fromm, patriotisch, kinderreich. Sechs, sieben, acht Kinder, das sollte die Norm sein, so hat er es selbst mal formuliert.
Und sie sind eine absolute Ausnahme. Denn Russlands Bevölkerung schrumpft rapide. Zwar sinkt die Geburtenrate in ganz Europa – aber in Russland geht die Kurve steiler nach unten als anderswo. Seit 2014 sank sie um mehr als ein Drittel. Der Staat versucht gegenzusteuern, mit radikalen Maßnahmen: Abtreibungen werden massiv erschwert, Studentinnen bekommen Prämien, wenn sie früh gebären, selbstgewählte Kinderlosigkeit gilt als verbotene Ideologie.
Mythos Heldenmutter wiederbelebt
Selbst den sowjetischen Heldenmutter-Orden hat Putin wiederbelebt, für Frauen mit zehn und mehr Kindern. Erst Anfang Juni übertrug das Staatsfernsehen wieder eine der Zeremonien. Im prächtigen Katharinen-Saal konnte man aufgeregte Eltern mit ihren herausgeputzten Kindern sehen, nach und nach wurden die Mütter feierlich auf die Bühne gerufen, wo ihnen Putin persönlich den Orden anheftete.
Auch Sima Karkusowa aus der Region Ossetien war dabei, sie hat 15 Kinder geboren, und alle kamen mit ihr nach vorn zum Gruppenbild mit dem Präsidenten. Karkusowa sprach dann für alle ins Mikrofon: „Verehrter Wladimir Wladimirowitsch, danke, dass Sie diese Tradition wieder aufnehmen. Möge Gott Sie mit Segen überschütten, mit Kraft, Gesundheit und Weisheit.“
Schwer zugängliche Daten
Russlands Volk zu erhalten und zu vergrößern, sieht Putin seit Jahren als seine historische Mission. Doch das Volk schrumpft, mit jedem Jahr seiner Amtszeit. Wie stark es schrumpft, ist neuerdings geheim, seit Anfang 2025 veröffentlicht die Statistikbehörde nur noch wenige Daten zur Bevölkerungsentwicklung.
Das liegt auch am Krieg: Wer etwa Zahlen getöteter Soldaten nennt, bekommt Probleme. Wie der Demograf Aleksej Rakscha, ein führender Experte, der selbst früher bei der Statistikbehörde beschäftigt war: Ihn hat man zum sogenannten Ausländischen Agenten erklärt, faktisch ein Arbeitsverbot.
„Absolut alle Zahlen sind jetzt geheim, alles“, sagt er. „Wie viele Todesfälle, wie viele Geburten, Eheschließungen, Scheidungen – alles unter Verschluss. Veröffentlicht wird nur die Geburtenrate, also wie viele Kinder eine Frau im Durchschnitt bekommt, in jeder Region. Die Quote wird genannt, weil sie ganz offiziell eine der Messlatten für die Bewertung der Gouverneure ist: Wenn eine Region schlechte Ergebnisse hat, kann der Gouverneur entlassen werden.“
Einer der älteren Söhne der Cholkins wird demnächst eingezogen. Mutter Olga nimmt es gelassen und sagt, wenn er sich im Anschluss für einen Vertrag bei der Armee entscheide, sei es eben so.
„Der Krieg beschleunigt die Entwicklung“
Russlands Geburtenrate liegt bei 1,34, also bei etwas mehr als einem Kind pro Frau. Das ist im generell geburtenschwachen Europa ein Mittelwert. Aber mit jedem Jahr, das Russlands Krieg gegen die Ukraine andauert, werden weniger Kinder geboren. Ohnehin übersteigt die Zahl der Todesfälle seit Jahren die der Geburten. Menschen in Russland sterben statistisch gesehen früher als anderswo in Europa.
Das sei auch vor dem Krieg schon so gewesen, sagt der Demograf Rakscha, aber der Krieg habe die Entwicklung beschleunigt. Russland verliere seiner Berechnung nach mittlerweile jedes Jahr sieben- bis achthunderttausend Menschen. Aus Putins Sicht, so Rakscha, sei das eine Katastrophe.
Dass der Krieg eine Rolle spielt, wird nirgendwo thematisiert. Aber: Zukunftsangst verträgt sich nicht mit Kinderwunsch. Die Cholkins können das nachvollziehen, auch wenn sie selbst anders denken. Wenn man an das ewige Leben glaube, sagt Olga Cholkina, dann habe man keine Zukunftsangst. Es sei dann genau andersherum: Je mehr Kinder, desto besser. Denn in der Ewigkeit sei man dann ja wieder als Familie zusammen.
Einer der älteren Söhne wird demnächst eingezogen. Sie versuche, darüber nicht nachzudenken, sagt Olga. Rekruten müssten ja nicht an die Front. Wenn er sich nach dem Wehrdienst doch dafür entscheide, einen Vertrag bei der Armee zu unterschreiben, dann sei das eben so.
