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Sarah Engels entfacht kein Feuer: Den ESC-Frieden kann nur „Bangaranga“ retten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 17, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Sarah Engels entfacht kein FeuerDen ESC-Frieden kann nur „Bangaranga“ retten

17.05.2026, 06:36 Uhr Von Volker Probst, Wien
Siegerin-Dara-aus-Bulgarien-mit-dem-Titel-Bangaranga-jubelt-mit-der-Trophaee-im-Finale-des-70-Eurovision-Song-Contest-ESC-in-der-Wiener-Stadthalle
Sie kann es selbst kaum fassen: Dara aus Bulgarien gewinnt mit „Bangaranga“ den ESC. (Foto: picture alliance/dpa)

Die Überraschung ist perfekt: Dara aus Bulgarien gewinnt mit „Bangaranga“ den Eurovision Song Contest. Das geht nicht nur in Ordnung, sondern bewahrt die Show auch vor einem Fiasko. Sarah Engels bleibt indes ein Debakel so oder so nicht erspart.

Ein bisschen hatten wir Bulgarien ja auf dem Zettel. Die Top-Favoritin auf den Sieg des diesjährigen Eurovision Song Contests (ESC) war Dara mit ihrem „Bangaranga“ zwar nicht. Dennoch ließ sie am Ende so heiß gehandelte Acts wie Søren Torpegaard Lund mit „Før vi går hjem“ aus Dänemark (Platz 7), Linda Lampenius & Pete Parkkonen mit „Liekinheitin“ aus Finnland (Platz 6) oder die Australierin Delta Goodrem mit „Eclipse“ (Platz 4) weit hinter sich.

Und zwar wirklich weit. Mit insgesamt 516 Punkten verbuchte die Bulgarin in der Endabrechnung zum Beispiel mehr als doppelt so viele Zähler wie der siebtplatzierte Däne (243 Punkte). Dabei gelang Dara ein Kunststück, das zuletzt 2017 dem Portugiesen Salvador Sobral geglückt war: Sie landete sowohl im Jury- als auch im Publikums-Voting ganz vorne. Ihr Sieg geht somit nicht nur in Ordnung, er ist hochverdient.

Das Wort „Bangaranga“ soll dem Jamaikanischen entlehnt sein und so viel wie Lärm oder Aufruhr bedeuten. Übersetzt wird der Titel frei als „Unruhestifterin“. Im Text klingt das so: „Bangaranga, I’m the bangarang. Blinding lights, welcome to the riot“ („Unruhestifterin, ich bin die Unruhestifterin. Blendende Lichter, willkommen beim Aufstand“).

Kurz vorm Aufstand

Wäre es nicht so bitter, dann könnte man beinahe unken, dass Worte wie diese der perfekte Soundtrack zum ESC-Abend in der Wiener Stadthalle waren. Denn tatsächlich wirkte es inmitten des dramatischen Showdowns so, als stünde ein Aufstand des Saalpublikums unmittelbar bevor. Der Grund: die Punktevergabe für Israel.

Dabei war es rund um den Auftritt des israelischen Sängers Noam Bettan noch friedlich geblieben. Buhrufe oder propalästinensische Zwischenrufe wie noch im Halbfinale blieben aus, als er mit seinem Lied „Michelle“ die Bühne betrat. Die Zuschauerinnen und Zuschauer würdigten seinen Auftritt mit begeistertem, wenn auch nicht überbordendem Applaus. Angemessen, könnte man sagen – angesichts dessen, dass sein Beitrag sowohl bei den Buchmachern als auch bei vielen Fans, Beobachterinnen und Beobachtern wohl irgendwo im Mittelfeld rangierte. Wirklich hervorgestochen ist er im äußerst bunten, diversen und musikalisch teilweise durchaus hochwertigen Wettbewerb in diesem Jahr nicht.

Im Jury-Voting spiegelte sich das mit 123 Punkten und dem achten Platz auch einigermaßen wider. Dann jedoch katapultierten 220 Punkte der Zuschauerinnen und Zuschauer – die drittbeste Publikums-Wertung nach Bulgarien (312 Publikums-Punkte) und der am Ende drittplatzierten Rumänin Alexandra Căpitănescu mit „Choke Me“ (232 Publikums-Punkte) – den israelischen Sänger auf einmal ganz nach vorne. In diesem Moment drohte die Stimmung in der Wiener Stadthalle tatsächlich drastisch zu kippen. Nun waren sie da, die Buhrufe und lauten Unmutsbekundungen. Und hätte Noam Bettan wirklich das Rennen gemacht, wäre es womöglich auch noch zu Becherwürfen und Schlimmerem gekommen, so aufgeheizt war die Stimmung.

Alles mit rechten Dingen?

Dass Daras „Bangaranga“ letztlich doch noch vorbeizog, bewahrte den ESC-Frieden gerade noch haarscharf und die Show vor einem kompletten Fiasko mit unabsehbaren Folgen. Wie hätte es sich für Bettan angefühlt, wenn sein erneuter Vortrag von „Michelle“ vom lärmenden Protest erstickt worden wäre? Wie hätte die Würde der Veranstaltung noch irgendwie gewahrt werden können, wäre der jubelnde Sieger beim Empfang der Trophäe beschimpft und niedergebrüllt worden? Auch wenn es so weit nicht gekommen ist – der Schaden ist längst da. Und er ist nun noch einmal um einiges größer als er es ohnehin schon durch die anhaltende Diskussion um Israels Teilnahme und den diesjährigen ESC-Boykott von fünf Ländern war.

Dies jedoch nicht nur, weil es einem wirklich mulmig wird, wenn ein israelischer Künstler auf offener Bühne derart feindselig attackiert wird. Sondern auch, weil die Fragen nach der Authentizität der Abstimmung an die den ESC veranstaltende Europäische Rundfunkunion (EBU) jetzt mit Sicherheit noch lauter werden.

Geht wirklich alles mit rechten Dingen zu, nachdem Israel nun das dritte Jahr in Folge beim Publikums-Voting überragend abgeschnitten hat? In den vergangenen beiden Jahren mochte man das eventuell noch mit der Empathie nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und den starken musikalischen Beiträgen des Landes erklären. Aber diesmal? Seit jeher grundsätzlich im Beliebtheitsranking gesetzt ist Israel jedenfalls nicht – 2022 flog das Land noch im Halbfinale raus.

Deutschland wird Drittletzter

Laut einer Recherche der „New York Times“ griff schon im vergangenen Jahr eine „wohlorganisierte Kampagne der Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu“ Israel beim ESC unter die Arme. Die Suche nach möglichen Hinweisen auf eine konzertierte Einflussnahme auf das Abstimmungsergebnis dürfte jetzt erst recht weitergehen. Von allen möglichen Verschwörungserzählungen, auf die man sich gefasst machen muss, mal ganz zu schweigen.

Apropos Verschwörung: Dass sich auch diesmal beim ESC alle gegen Deutschland „verschwören“ würden, stand ja eigentlich schon im Vorfeld fest. Sarah Engels hat es leider nicht geschafft, die schlechten Prognosen für ihren Auftritt mit dem Song „Fire“ Lügen zu strafen. All ihr Körpereinsatz, ihr gewagter Sprung in die Arme ihrer Tänzerinnen und das Flammenmeer, das sie auf der Bühne abfackelte, haben ihr summa summarum nicht mehr als zwölf Jury-Punkte gebracht – jeweils zwei aus Bulgarien und Belgien sowie je vier aus Portugal und Italien. Vom Publikum hieß es dagegen: zero points. So landete sie vor Schlusslicht Großbritannien (1 Punkt) und Gastgeber Österreich (6 Punkte) auf dem 23. beziehungsweise drittletzten Platz.

Schuld an dem Debakel sind also unter anderem mal wieder die Nachbarn. Denn während etwa die Jurys von Griechenland und Zypern auch diesmal keine Scham kannten, sich gegenseitig zwölf Punkte zuzuschanzen, zeigten sich Österreich oder die Schweiz gegenüber Deutschland nicht so gönnerhaft. Allerdings war hierzulande ebenfalls niemand bereit, den „Tanzschein“ des österreichischen Sängers Cosmó in zählbarer Form zu vergüten – die Schweiz indes war bereits im Halbfinale rausgeflogen.

In dieser Hinsicht also alles beim Alten. Sarah Engels braucht sich nicht zu grämen. Auch wenn „Fire“ beim ESC nicht gezündet hat, geht ihre Karriere weiter – demnächst etwa beim Musical „Moulin Rouge“. Beim Song Contest hingegen wird es wohl nicht so schnell ein Zurück zum Business as usual geben. Bulgarien freut sich zu Recht über seinen allerersten Sieg bei der Veranstaltung. Ob auch die Ausrichtung des Events im kommenden Jahr die helle Freude wird, muss dann aber doch mit einem dicken Fragezeichen versehen werden.

Quelle: ntv.de

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