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Startseite»Nachrichten»Schattenmobilisierung des Kreml: Wie Russland seine Armee auffüllt, ohne es zuzugeben
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Schattenmobilisierung des Kreml: Wie Russland seine Armee auffüllt, ohne es zuzugeben

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 8, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Schattenmobilisierung des KremlWie Russland seine Armee auffüllt, ohne es zuzugeben

07.07.2026, 19:36 Uhr Von Artur Weigandt
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Nachschub für Putins Krieg – das Bild zeigt Werbung in St. Petersburg für einen Vertrag mit der russischen Armee. (Foto: picture alliance / Russian Look)

Russland braucht immer mehr Soldaten, um seine hohen Verluste an der Front in der Ukraine auszugleichen. Eine offene Mobilisierung kommt für Machthaber Putin bislang offenbar nicht infrage. Deshalb findet die Mobilisierung verdeckt statt.

Videos aus russischen Telegram-Kanälen zeigen in den vergangenen Wochen immer wieder ähnliche Bilder: Männer in Zivilkleidung, zusammengepfercht in weißen Kleinbussen. Frauen, die sich vor die Fahrzeuge stellen, um die Abfahrt zu verhindern. Uniformierte, die aufgebrachte Passanten zur Rede stellen. Schauplatz ist die Oblast Pensa, eine Region rund 600 Kilometer südöstlich von Moskau, die in den letzten Wochen zum Symbol für ein Phänomen geworden ist, das Beobachter „Schattenmobilisierung“ nennen.

Nach Angaben mehrerer unabhängiger Medien und Menschenrechtsorganisationen greifen Wehrämter in Pensa unter Beteiligung von Sicherheitskräften systematisch Männer auf – auf offener Straße, in Bussen, bei Verkehrskontrollen – mit dem Ziel, sie zur Unterschrift eines Vertrags mit dem Verteidigungsministerium zu bewegen. Ein Mann aus der Kleinstadt Sursk schildert dem Portal Mediazona: Polizisten hätten ihn unter dem Vorwand einer fehlenden Meldeadresse zum Wehramt gebracht, wo er Formulare für eine vermeintliche „Datenerfassung“ unterschrieb – tatsächlich einen Militärvertrag. Noch am selben Tag wurde er nach Rostow-am-Don gebracht, kurz darauf an die Front in der Ukraine, wo er verletzt wurde.

Ein zweiter Fall aus der Stadt Nischni Lomow verlief ähnlich: Der Betroffene wurde laut seiner Lebensgefährtin über Rostow in die ukrainische, von Russland besetzte Stadt Mariupol gebracht. Trotz Epilepsie-Diagnose besteht er dort den medizinischen Test.

Solche „Razzien“ fänden in Pensa inzwischen alle paar Tage statt, sagt die exilrussische Organisation „Idite Lesom“, die Russen bei der Flucht vor dem Kriegsdienst hilft. Sie spricht von Dutzenden dokumentierten Fällen allein aus dieser Region. Betroffen seien häufig Menschen mit Schulden oder Vorstrafen. Die Behörden weisen die Vorwürfe zurück und erklären, der Plan zur Anwerbung von Vertragssoldaten werde ausschließlich über Freiwillige erfüllt.

Verdeckte Mobilisierung

Auffällig ist die wiederkehrende Rolle von Rostow-am-Don als Zwischenstation. Schon während der Teilmobilisierung 2022 diente die Stadt als Sammel- und Ausbildungspunkt, und auch jetzt werden Betroffene aus Pensa offenbar dorthin gebracht, bevor sie weiter an die Front geschickt werden. Das spricht eher für ein eingespieltes, regionsübergreifendes Verfahren als für lokale Einzelfälle. Der Begriff „Busifizierung“, ursprünglich in der Ukraine geprägt, wird inzwischen auch auf diese russischen Vorfälle angewendet.

Dass der Kreml bislang auf eine offizielle Mobilisierung verzichtet, hat politische Gründe: Als Putin im September 2022 eine Teilmobilisierung anordnete, flohen Hunderttausende Männer, die Bilder an den Grenzen wurden zum Sinnbild innenpolitischer Sprengkraft. Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) ordnet die aktuellen Entwicklungen deshalb als „verdeckte Mobilisierung“ ein: Der Kreml gleiche Verluste aus, ohne eine neue Massenmobilmachung auszurufen. Nötig ist dies, weil die Zahl neu rekrutierter Soldaten im Januar 2026 laut ISW erstmals unter die Verlustzahlen fiel. Zusätzlich verpflichtet ein Dekret in der Region Rjasan vom März größere Unternehmen, Mitarbeiter für Militärverträge zu benennen – wodurch sich Unmut eher gegen Arbeitgeber und Regionalbehörden richtet als gegen die Regierung in Moskau.

Seit Ende Juni kommt ein weiterer, größerer Unsicherheitsfaktor hinzu: Berichten der Portale Meduza, iStories und Verstka zufolge wird innerhalb der Armee auf mehreren Ebenen offen über eine neue Rekrutierungswelle diskutiert. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen, doch ein Mitarbeiter einer Rekrutierungsbehörde berichtete iStories von laufenden Vorbereitungen für Maßnahmen, die offiziell nie als Mobilmachung bezeichnet werden sollen. Als möglicher Zeitpunkt kursiert der Oktober, nach den Duma-Wahlen.

Frauen werden per Telefon unter Druck gesetzt

Hintergrund ist derselbe Engpass: Dem Russland-Experten Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik zufolge wurden im ersten Quartal 2026 nur noch rund 800 neue Verträge täglich abgeschlossen, der niedrigste Wert seit drei Jahren. Bemerkenswert ist vor allem, dass solche Gerüchte überhaupt aus dem Machtapparat nach außen dringen – ein Indiz, dass Putins Versprechen gegen eine Generalmobilmachung ins Wanken gerät. Das Mobilisierungsdekret von September 2022 wurde bis heute formal nicht aufgehoben.

Neu hinzugekommen ist eine bislang wenig beachtete Zielgruppe: Frauen. Laut dem ukrainischen Portal Obozrevatel und der exilrussischen Nachrichtenseite Verstka erhalten zunehmend auch Frauen Anrufe mit Vertragsangeboten, von Callcentern oder als Freiwilligenorganisationen getarnten Nummern. Ein Fall aus Kaliningrad, den eine Betroffene auf Instagram schilderte, zeigt, wie weit das reicht: Sie sei vom Wehramt angerufen worden mit dem Hinweis, man habe gesehen, dass ihr Kind einen Kindergartenplatz erhalten habe – im Gegenzug biete man ihr einen Vertrag über mehrere Millionen Rubel an. Als sie unter Verweis auf ihr Kind ablehnte, sei ihr entgegnet worden, der Staat werde sich darum kümmern. Sie ist weder wehrpflichtig noch Medizinerin, sondern Fleischverarbeitungstechnologin; weitere Nutzerinnen berichteten von ähnlichen Anrufen.

Recherchen von Verstka zeigen ein geschäftsmäßig organisiertes System dahinter. Private Agenturen mit Verträgen zu einzelnen Wehrämtern beschäftigen eigene „Manager“, oft Frauen, teils in Elternzeit, die über Telegram und VKontakte – eine Art russisches Facebook – werben und Anrufe entgegennehmen. Behörden, etwa in der Region Stawropol, bestätigten offiziell, dass solche Anrufe derzeit laufen. Anders als bei den Razzien in Pensa handelt es sich nicht um Zwang, sondern um ein aggressives Vertriebssystem, in dem Vermittler pro Abschluss bezahlt werden. Im Fokus stehen vor allem Frauen unter 45 ohne Kinder sowie medizinisches Personal. Dass auch fachfremde Frauen angesprochen werden, deutet auf eine Ausweitung der Zielgruppe hin.

2022 soll sich nicht wiederholen

Neben den vergleichsweise gut dokumentierten Fällen aus Pensa gibt es zunehmend auch Stimmen, die von ähnlichen Vorfällen in anderen Regionen berichten. Diese lassen sich derzeit jedoch nicht seriös einordnen: Es handelt sich um vereinzelte, nicht unabhängig verifizierte Aussagen – ohne die Dokumentation durch mehrere Medien, Menschenrechtsorganisationen und geprüfte Videos, wie sie für Pensa vorliegt. Auffällig ist allerdings, dass solche Berichte in den letzten Wochen offenbar häufiger auftauchen. Ob dahinter eine tatsächliche Ausweitung der Praxis oder nur wachsende Aufmerksamkeit für ein länger bestehendes Phänomen steht, lässt sich aus der aktuellen Quellenlage nicht beantworten.

Was in Pensa geschieht, folgt also einem erkennbaren Muster: Männer werden unter Druck oder Täuschung zur „freiwilligen“ Unterschrift eines Vertrags gebracht und über Rostow an die Front geschickt. Frauen werden zunehmend per Callcenter umworben, und im Hintergrund verdichten sich Gerüchte über eine Mobilisierung nach den Wahlen – all das, ohne dass der Kreml eine neue offizielle Mobilisierungswelle verkünden müsste. Ob sich dieses Muster über einzelne Regionen hinaus ausweitet, bleibt offen. Sicher ist nur: Je länger der Krieg dauert und je knapper die personellen Ressourcen werden, desto größer dürfte der Druck auf den Kreml werden, die Armee aufzufüllen, ohne an die Bilder von 2022 zu erinnern.

Quelle: ntv.de

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