Diese WM können nicht alle genießen: LGBTQ+-Fans müssen in den USA aufgrund von Donald Trumps gefährlich diskriminierender Politik zittern. Die FIFA bietet keinen Schutz, viele bleiben Zuhause. Ein Katarer erlebt einen „schlechten Film“.
Die XXL-WM in den USA, Kanada und Mexiko hat begonnen – doch nicht alle können daran teilhaben. Skandale um Visa, geblockte Einreisen und stundenlange Verhöre an der Grenze oder der Iran-Krieg überschatten den Start des Turniers. Weniger Beachtung erhält eine andere Menschenrechtsthematik: Das Fehlen von Maßnahmen, die LGBTQ+-Fans vor Diskriminierung schützen und sie so von der WM ausgrenzen.
Vor dem Hintergrund der sich immer weiter intensivierenden verbalen Angriffe der US-Regierung auf LGBTQ+-Personen und der diskriminierenden Politik in Donald Trumps zweiter Amtszeit fühlen sich etliche Menschen in den Vereinigten Staaten zunehmend unsicher. Die WM, die die FIFA als die „inklusivste aller Zeiten“ proklamiert, können sie nur an ausgewählten Orten wirklich genießen.
Das Klima ist rauer geworden in den USA. Schon bei der Klub-WM im vergangenen Sommer wurde eines der Spiele wegen homophober Gesänge rund um das Stadion in Atlanta unterbrochen.
Aus dem homophoben Katar zu Donald Trump
„LGBTQ+-Menschen werden derzeit in den USA entmenschlicht“, sagt Nas Mohamed zu ntv.de. Er ist die erste Queer-Person aus Katar, die sich öffentlich geoutet hat. 2015 flüchtete er aus seiner Heimat nach San Francisco und beantragte politisches Asyl. Während die WM 2022 in Katar stattfand, machte Mohamed seine Homosexualität öffentlich und gründete die Alwan Foundation, die weltweit erste Stiftung, die sich für LGTBQ+-Rechte in den Golfstaaten einsetzt.
Die derzeitige Atmosphäre in Bezug auf queere Menschen in den Staaten erlebt Mohamed außerhalb seiner „sicheren Hochburg“ San Francisco als „spaltend“. Es gehe vielen Menschen nicht darum, „Leben zu retten, sondern darum, die Spaltung aus politischen Gründen voranzutreiben“. Das hänge vor allem mit dem US-Präsidenten zusammen: „Es fühlt sich wie ein schlechter Film an, dass ich aus dem homophoben Katar geflüchtet bin und dann ausgerechnet Donald Trump mein erster Präsident in den USA wurde.“
Schon in Trumps erster Amtszeit fuhr seine Regierung eine Kampagne, die darauf abzielte, den Schutz für LGBTQ+-Personen im Land zu schwächen. Sie verbannte in Regierungsbehörden den Begriff „Transgender“ praktisch aus dem Sprachgebrauch, höhlte den Schutz für transgeschlechtliche Menschen, vor allem Schülerinnen und Schüler, immer weiter aus und schränkte den Zugang zu geschlechtsbejahender medizinischer Versorgung massiv ein.
Diskriminierung in den USA, Verfolgung in Katar
Seit er das Präsidentenamt vor anderthalb Jahren erneut übernahm, fährt Trump mit seiner diskriminierenden Politik immer rapider und extremer fort und führt eine rigide Geschlechterpolitik. Bereits am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit erließ der US-Präsident zahlreiche Durchführungsverordnungen, die LGBTQ+-Gesundheitsprogramme, -initiativen oder -maßnahmen schwächten. Etliche weitere gegen die ohnehin schon geschwächte Minderheit folgten.
Nas Mohamed weiß, wie sich diskriminierende Politik von ganz oben anfühlt. Er selbst wurde in Katar „zutiefst verletzt von autoritärer Unterdrückung“. Nach seinem Coming-Out, so erzählt er, „teilten Hunderte Katarer mir gegenüber ihr Coming-Out mit. Das war das erste Mal, dass ich die Muster der Verfolgung im Emirat wirklich erkannte. Und ich erfuhr von staatlich geförderter Misshandlung, körperlich und psychisch.“
Katars erste öffentlich bekannte Trans-Frau, die laut Mohammed im Emirat von den staatlichen Behörden körperlich misshandelt wurde, konnte der Aktivist jüngst nach San Francisco retten. Nachdem er sah, wie Katar 2022 mit Sportswashing-PR versuchte, diese Gewalt und Unterdrückung zu verschleiern, erlebt er nun in den USA die zweite Amtszeit mit Trumps aggressiver Anti-LGBTQ+-Politik – und eine erneute Instrumentalisierung der WM von staatlicher Seite.
Trump lebt Kulturkrieg an LGBTQ+ aus
Trumps aktuelle Maßnahmen gehen mit transfeindlicher Rhetorik und Falschinformationen einher, oft mit dem Ziel, Transgender-Personen zu entmenschlichen, sie zum Sündenbock zu machen und sie als gesellschaftliche Bedrohung darzustellen. Im Sport verfolgt der Republikaner schon länger eine aggressive Anti-Trans-Kampagne, die „Männer aus dem Frauensport fernhalten“ soll.
„Man sieht gut, wie sich Trumps Kulturkrieg bei der WM abspielt“, erläutert Minky Worden, Direktorin im Bereich Globale Initiativen von Human Rights Watch, einen Monat vor dem WM-Start im Interview mit ntv.de. „Etwa bei den fehlenden Menschenrechtsmaßnahmen der Ausrichterstädte. Sie sollten eigentlich den Schutz von Minderheiten und schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen, einschließlich LGBTQ+-Personen, gewährleisten.“ Damals hatte aber von den lediglich vier veröffentlichten Aktionsplänen in den USA nur der von Atlanta LGBTQ+-Rechte erwähnt.
Queer Football Fanclubs (QFF), ein Netzwerk von LGBTI+-Fangruppen, von denen die meisten in Deutschland ansässig sind, gab vor der WM bekannt, dass es seinen Mitgliedern davon abrate, in die USA zu reisen, da dort „ernsthafte Bedenken“ hinsichtlich der Behandlung von Minderheiten bestünden. Die englische LGBTQ+-Fangruppe „Three Lions Pride“, die bekannteste queere Fangruppe einer Nationalmannschaft weltweit, hatte zuvor angekündigt, aufgrund fehlender Schutzmaßnahmen und anderer Bedenken nicht zum Turnier zu fahren.
Die englische Fangruppe erklärte ihre Entscheidung damit, dass vor allem ihre transsexuellen Mitglieder in den USA „einem hohen Risiko von Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt“ seien. Transmenschen sind Personen, die sich dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde, nicht zugehörig fühlen.
„Wahnwitzige Homophobie“ in Schwulenhochburg
Mohamed kann die Gruppen, die aus Angst nicht in die USA einreisen wollen, zwar verstehen, sagt aber auch: „Man muss dorthin gehen, wo Veränderungen notwendig sind, sonst wird sich die Kluft nur weiter vergrößern. Erst wenn du direkt vor jemandem stehst, wirst du von ihm vermenschlicht.“
Als er herausfand, dass das erste WM-Spiel Katars gegen die Schweiz am Samstag (21 Uhr/MagentaTV und ZDF und im Liveticker auf ntv.de) ausgerechnet in seiner neuen Heimat stattfindet, durchlebte er viele Emotionen. „Ich spürte den Schmerz, die Trauer, die Angst und die Besorgnis, dass dieser so mächtige Staat hierherkommt. Und auch die Tatsache, dass die US-Regierung uns nicht unterstützt“, erzählt Mohamed. Dann muss er jedoch lachen. „Katars tödliche und völlig wahnwitzige Homophobie hält Einzug in San Francisco, diesem radikalen Leuchtturm der Schwulenrechte. Und dazu noch im Pride-Monat. Das ist absurd.“
Zwar baute die Organisation Pride House United 2026 in allen WM-Städten in den USA, Kanada und Mexiko Orte für LGBTQ+-Besucher und Verbündete auf, an denen sie die Spiele verfolgen und Gemeinschaft finden können. Aber eigentlich sollte die FIFA die Sicherheit aller Fans garantieren. Präsident Gianni Infantino hüllt sich lieber in leere PR-Floskeln, lediglich Jill Ellis, FIFA-Fußballchefin und ehemalige Trainerin der US-Frauen-Nationalmannschaft, kritisierte hier und da die Anti-LGBTQ+-Gesetzgebung in den USA.
Tanzparty statt Katar-Spiel
„Die Art und Weise, wie sich die FIFA von jeglicher Form von Engagement gegen Diskriminierung von LGBTQ+-Personen distanziert hat, ist besonders besorgniserregend, wenn man bedenkt, dass dies eine Annäherung an die Trump-Regierung darstellt“, sagte Ronan Evain, Geschäftsführer von Football Supporters Europe, Anfang Juni bei einer von Sport & Rights Alliance organisierten Medienrunde. „Derzeit hat die FIFA sehr wenig bis gar keinen Einfluss auf die Trump-Regierung. Und der fehlende Schutz für LGBTQ+-Fans ist ein klares Beispiel dafür“, so Evain.
Nas Mohamed hat auf das WM-Spiel seiner alten, autoritären Heimat Katar in San Francisco keine Lust: „Wir veranstalten zeitgleich lieber eine riesige schwule Tanzparty.“ Woanders in den USA gibt es für LGBTQ+-Menschen derzeit aber kaum etwas zu feiern. Weil von der FIFA zu wenig Schutz kam, gaben Menschenrechtsorganisationen Notfallpläne für mögliche diskriminierende Übergriffe während der WM heraus.
Verwendete Quelle: ntv.de
