WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli ist froh, dass die Saison bald rum ist, denn Max Verstappen dominiert mit Red Bull zuletzt wie zu besten Zeiten. Der Niederländer erklärt seine Wiederauferstehung – und bekommt ein riesiges Lob von seinem Technikchef.
Als Louis van Gaal im Jahr 2009 seinen Dienst als Trainer des FC Bayern München an der Säbener Straße antrat, beschrieb er sich, unbescheiden wie es nur ein Tulpengeneral sein kann, wie folgt: „Arrogant, dominant, arbeitsam, ehrlich, innovativ – aber auch warm und familiär.“ Eine Typisierung, die womöglich auch auf seinen Landsmann Max Verstappen zutrifft.
Dem viermaligen Weltmeister eilt – wie jedem Fahrer seines Kalibers – der Ruf der Arroganz hinaus. Dominant ist Verstappen auf den Strecken dieser Welt zweifellos, sobald er das richtige Material unterm Hintern hat. Dass der Holländer ehrlich ist, steht ebenfalls außer Frage, dazu hat er im Laufe der Jahre, speziell via Funkverkehr, zu viele Klartext-Botschaften in die Welt gesetzt. Und darf man den Leuten bei Red Bull glauben (warum auch nicht?), dann ist Verstappen auch noch ein fleißiger, gewissenhafter Arbeiter, der die nötige Innovationskraft besitzt, um sich selbst neu zu er- und den Erfolg zu finden.
Max Verstappen ist wieder da. Wieder der Alte, der Kannibale und Dominator. Bei den jüngsten Rennen in Malaysia und Singapur fuhr er dem Feld davon wie in seinen Weltmeister-Jahren. „Verstappen ist der beste Fahrer nach wie vor in dem Sport. Und sobald er ein Auto hat, das ihm halbwegs die Möglichkeit gibt zu gewinnen und zu dominieren, dann macht er das auch, und das ist ein Phänomen“, schwärmte Nico Rosberg bei RTL/ntv und Sky. Der Red-Bull-Pilot sei mit seinem wiedererstarkten Renner nun der „große Favorit für das Saisonende“. Nur: „Den Antonelli kann er nicht mehr einholen.“
Verstappen schien die Lust schon verloren zu haben
Der Formel-1-Spitzenreiter ist sich der Gnade seines großen Vorsprungs von 119 Punkten auf den derzeit WM-Vierten Verstappen zum weit fortgeschrittenen Saisonzeitpunkt bewusst. Er sei froh, dass das Polster so groß und Verstappen nicht sein direkter Konkurrent um die WM-Krone ist, bekannte der junge Italiener bei Sky Sports. „Sonst wäre das sehr beängstigend – wirklich sehr, sehr beängstigend.“
Dass Verstappen im Titelrennen de facto keine Chance mehr hat, ist auf die erste Saisonhälfte zurückzuführen. Der Red Bull gehorchte seinem Herrn nicht, das unausgeglichene, hoppelnde Gefährt trieb Verstappen vielmehr in den Wahnsinn – was dieser natürlich nicht unkommentiert ließ. Überhaupt schien es zu Beginn des Jahres, als sei Verstappen die Lust auf die Rennsport-Königsklasse vergangen. Die neuen Autos waren (und sind es nach wie vor) überhaupt nicht nach dem Geschmack des Niederländers.
Rosberg hebt Antonelli auf „Michael-Schumacher-Niveau“
„Formel E auf Steroiden“, ätzte Verstappen schon nach den ersten Tests mit Blick auf die revolutionierten Motoren. Der klassische Verbrenner liefert seit 2026 nur noch die Hälfte der Power, den Rest erzeugt ein Elektromotor. Die Ratio zwingt die Piloten zum Energie Haushalten. Vom Gas gehen, um genügend Saft für eine Runde zu haben, statt Vollgas. Verstappens Unwort des F1-Jahres hieß früh „Batterie-Management“. Dies sei aber gegen die DNA des Rennsports, meckerte er, und flüchtete in die Grüne Hölle der Eifel, um sich bei den 24 Stunden auf der Nordschleife des Nürburgrings mal wieder wie ein echter Rennfahrer zu fühlen.
Red-Bull-Upgrade brachte die Wende
Nun ist es aber so, dass man sich mit dem Ungeliebten arrangiert, solange das Ergebnis stimmt. Und das tut es bei Verstappen und Red Bull seit einiger Zeit wieder. Aus den letzten fünf Grand-Prix-Wochenenden nahm Verstappen 109 Punkte mit. Zum Vergleich: Antonelli sammelte im gleichen Zeitraum „nur“ 98 Zähler. Vor allem ein Paket an Upgrades, das Red Bull in Baku ans Auto schraubte, brachte einen großen Sprung nach vorne. „Die jüngsten Updates haben sehr geholfen. Ich finde jetzt leichter meinen Rhythmus und kann ans Limit gehen“, sagte Verstappen im Interview mit „De Telegraaf“. Was das heißt, war in Südostasien eindrucksvoll zu bestaunen: Fühlt sich Verstappen wohl im Wagen, ist er nach wie vor eine Nummer für sich.
Dabei sei die Widerauferstehung anders verlaufen als in der Vorsaison, in der Verstappen und Red Bull ebenfalls ein beachtliches Comeback hinlegten und die Fahrer-WM beim Saisonfinale lediglich um zwei mickrige Pünktchen verpassten. „Letzte Saison ging es nur um die Abstimmung des Autos. Lange dachten wir, dass der Wagen mit einem bestimmten Setup nicht funktionieren könnte. Dann stellte sich heraus, dass es doch ging. Das war eine wichtige Lernerfahrung“, erläuterte der 73-malige Grand-Prix-Sieger.
Dieses Jahr habe Red Bull aber ein grundlegendes Problem vorgefunden: „Zu Beginn hätten wir jede beliebige Abstimmung ausprobieren können, aber das hätte die Balance nicht verbessert.“ Jetzt ist Red Bull wieder im Lot und damit auch die Balance of Power in der Königsklasse. Einem zufriedenen Verstappen fährt auch der hochgelobte Antonelli nicht davon. Sollte dessen Mercedes nach einigen Upgrade-Irrungen wieder in die Spur kommen, könnte die Schlussphase einen Vorgeschmack auf die kommende Saison geben: Verstappen vs. Antonelli.
„Der beste Fahrer, den dieser Sport je gesehen hat“
„Ich denke, sein größter Vorteil ist sein Gefühl für das Auto“, lobte Red Bulls Technikchef Pierre Wache bei „RacingNews365“ seine Nummer 1. Verstappen gebe den Ingenieuren „etwas, das ich bei keinem anderen Fahrer erlebt habe – was das Feedback und die Fähigkeit angeht, ganz genau zu erkennen, was nötig ist, um schneller zu werden.“ Es sei „unglaublich“, welch „Gespür er für das Auto hat, wie er beim Fahren erkennt, was ihm fehlt, und wie er das anschließend in eine Sprache übersetzen kann, die wir verstehen“, sagte der Franzose. Sätze, die an das Können Michael Schumachers erinnern. Wache geht noch weiter. „Nach der ersten Runde (des ersten Trainings, Anm. d. Red.) weiß er ganz genau, wo das Auto steht und wo das Limit liegt. Ich denke, er ist der beste Fahrer, den dieser Sport je gesehen hat.“ Max Verstappen der PS-Flüsterer.
Den oft unverhohlen meckernden, teils fluchenden und fordernden Fahrer wisse Red Bull mittlerweile zu nehmen, wie er ist, witzelte Wache. „Wenn wir gewinnen, ist er ein Traum. Wenn wir verlieren, ist er ein Albtraum – ich scherze, aber als Ingenieur lieben wir ihn, denn er gibt uns Leistung. Er gibt uns sehr gutes Feedback und ist ein Teamplayer. Deswegen mögen wir ihn.“
Dass dieses Feedback zuweilen barsch klingt, ist Verstappen bewusst. „Manchmal war ich hart, aber vor allem klar und ehrlich“, sagte er. „Das Team weiß, dass ich es nicht persönlich meine.“ Als der einstige Serienchampion im Sommer seinen Vertrag bei den Bullen bis ins Jahr 2030 ausdehnte, begründete Verstappen dies vor allem damit, wie wohl er sich in dem Rennstall fühle, in dem er groß geworden ist, der ihn groß gemacht hat. Red Bull sei Familie, betonte er. Warm und familiär – wie es scheint, ist Max Verstappen wirklich der Louis van Gaal der Formel 1.
Verwendete Quelle: ntv.de
