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Startseite»Politik»Unruhen und Rassismusdebatte in Großbritannien nach Polizeifehler
Politik

Unruhen und Rassismusdebatte in Großbritannien nach Polizeifehler

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 4, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 04.06.2026 • 09:20 Uhr

Henry Nowak starb, weil Polizisten Täter und Opfer verwechselten. Seine Familie bat, keine Zwietracht zu sähen, doch Reform-Parteichef Farage ruft zu „kalter Wut“ auf. Und die Briten diskutieren über „umgekehrten Rassismus“.

Gabi Biesinger

Die Umstände, unter denen der 18-jährige Student Henry Nowak unter den Augen der Polizei starb, sind absolut grauenvoll. Er habe Stichwunden, klagte der in sich zusammengesackte Nowak, er könne nicht atmen – das wiederholte er neun Mal. Die Polizisten glaubten ihm nicht, denn sie verwechselten zunächst Täter und Opfer.

Den Notruf abgesetzt hatte nämlich der Bruder des inzwischen wegen Mordes verurteilten Täters, er rief die Polizei wegen eines angeblichen rassistischen Angriffs auf die Sikh-Brüder zu Hilfe. Die Polizei legte Nowak als mutmaßlichem Täter Handschellen an, wenige Augenblicke später starb er.

Ich kann nicht atmen – „I can’t breathe“: Das waren auch die letzten Worte des Afroamerikaners George Floyd, als er im Mai 2020 in den USA an den Folgen eines gewaltsamen Polizeigriffs starb. Jetzt macht das Narrativ vom britischen „George Floyd“-Moment die Runde.

Farage wirft Polizei „Vorurteilen gegen Weiße“ vor

Zwei Männer, die unter den Augen der Polizei sterben: in den USA ein Schwarzer, in Southampton ein Weißer. In beiden Fällen hat die Polizei versagt.

Nach dem Tod von George Floyd formierte sich weltweit die anti-rassistische „Black Lives Matter“-Bewegung. Und rechte Stimmungsmacher, wie der Chef der rechtspopulistischen Reform UK Partei, Nigel Farage, rufen nun den umgekehrten Rassismusfall aus.

„White lives matter, Schluss mit Vorurteilen gegen Weiße“, forderte Farage in einem Video. Die britische Polizei messe mit zweierlei Maß, und gehe bei der Strafverfolgung härter gegen die weiße Mehrheitsbevölkerung vor. Farages Aufforderung: „Reagiert mit purer, kalter Wut.“

Der Fall Henry Nowak

Der 18-jährige Student Henry Nowak war im Dezember 2025 auf dem Nachhauseweg von einem 23-jährigen Anhänger der Glaubensgemeinschaft der Sikh niedergestochen worden, der inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Die aktuelle Rassismusdebatte wurde ausgelöst durch ein Bodycam-Video von dem Polizeieinsatz, das im Prozess gezeigt wurde. Auf dem Video ist zu sehen, wie Nowak am Boden liegend mehrmals „I can’t breathe“ („Ich kann nicht atmen“) ruft. Wenig später stirbt er. Der Angreifer hatte die Beamten belogen und erklärte, Nowak habe ihn rassistisch beleidigt – die Polizisten verwechselten Täter und Opfer.

Elf Beamte verletzt, zwei Randalierer festgenommen

Auch der Rechtsextreme Tommy Robinson hatte zu Protesten aufgerufen. In Southampton, vor der Hauptpolzeiwache und später in der Nähe des Tatorts, gingen Hunderte auf die Straße. Autos wurden demoliert, Mülltonnen und Steine gegen Polizisten mit Schutzausrüstung geschleudert, elf Beamte verletzt, zwei Randalierer festgenommen.

Videos zeigen, wie aufgebrachte Männer Polizeikräfte immer wieder aufforderten für Henry Nowak in die Knie zu gehen, wie es britische Polizisten für George Floyd getan hatten.

Die Randale erinnerte an den Krawallsommer von 2024, als es in etlichen Städten Englands wochenlang zu rassistisch motivierten Ausschreitungen kam. Zum Anlass hatten die Krawallmacher damals den Mord an drei Mädchen im nordenglischen Southport genommen. Es kam zu Angriffen auf Asylbewerberunterkünfte, Moscheen und Läden muslimischer Inhaber, nachdem Gerüchte kursiert waren, es handle sich bei dem Täter um einen muslimischen Asylbewerber. Tatsächlich war es ein in Großbritannien geborener Mann mit ruandischen Wurzeln.

Experte: Schwarze werden noch immer häufiger kontrolliert

Der Sozialpsychologe Clifford Stott, von der Keele University bestätigte bei SkyNews, dass Schwarze und Weiße von der Polizei unterschiedlich behandelt würden. Allerdings hätten noch immer Schwarze das Nachsehen: Sie würden häufiger auf der Straße kontrolliert, häufiger getasert, häufiger in Polizeigewahrsam sterben und häufiger angeklagt werden, als Weiße.

Nachdem der britischen Polizei jahrzehntelang institutioneller Rassismus attestiert wurde, sollten Verhaltensregeln im „Police Race Action Act“ helfen, das Vertrauen bei Bevölkerungsminderheiten wieder zu gewinnen. Es sollte um den sensiblen Umgang mit Situationen gehen, in denen Polizisten mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen oder Religionen konfrontiert sind. Keinesfalls gehe es darum, mit zweierlei Maß zu messen, betonten Polizeivertreter gestern.

Diese Richtlinien sollen nach dem Fall Nowak nun aber doch überarbeitet werden. Schon zuletzt hatte es einen Missbrauchsskandal um einen pakistanisch-britischen Täter-Ring gegeben, in dem die Verbrechen von den Behörden aus Angst vor Rassismusvorwürfen lange ignoriert wurden. Oppositionsführerin Kemi Badenoch von den Konservativen erklärte, sie befürchte, dass die ehemals als rassistisch deklarierte Polizei nun überkompensiert haben könne.

Starmer verurteilt Krawalle

Das Verhalten der Polizisten, die Henry Nowak im Stich ließen, wird von der Dienstaufsicht untersucht, ein Beamter hat bereits den Dienst quittiert. Laut Innenministerin Shabana Mahmood hatte ein weiterer Beamter, der fälschlicherweise mit dem Fall Nowak in Verbindung gebracht wurde, Morddrohungen erhalten und musste mit seiner Familie umziehen. Die Familie des getöteten Studenten bat ausdrücklich darum, die Tragödie nicht zu missbrauchen, um Groll und Spaltung zu sähen.

Doch genau das sei das Ziel von Farage, erklärte Premierminister Keir Starmer von der Labour-Party – und das sei unverzeihlich. In einer Fragestunde des Parlaments wie es den Vorwurf zurück, dass die britische Polizei mit zweierlei Maß messe. Er verurteilte die Krawalle. Die Angriffe auf Polizisten seien „schändlich und völlig inakzeptabel“.

Bei einer Demonstration am 2. Juni halten Menschen ein Schild hoch, auf dem sie an Nowaks Ausruf „Ich kann nicht atmen“ erinnern. Später eskaliert der Protest.

Farage: Southampton erst der Anfang

Reform-Parteichef Farage warf Starmer vor, die Wünsche der Nowak-Familie zu ignorieren und Zwietracht zu sähen, das sei unverzeihlich. Farage sagte am Abend bei Times Radio, die Spaltung werde sich noch deutlich verschlimmern. Southampton sei erst der Anfang gewesen.

„Wenn viele junge weiße Männer glauben, die Polizei sei ihnen gegenüber voreingenommen, dann weiß der Himmel, wohin das führen wird. Das muss aufhören.“ Farage, der dafür bekannt ist, seine Worte geschickt zu wählen, ergänzte, er habe in seinem Video vorgeschlagen, „die Wut kühl und nicht emotional zu kanalisieren.“ Das sei kein Aufruf zu Ausschreitungen gewesen.

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Dr. Heinrich Krämer
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