150.000 Menschen steigen in Utrecht täglich aufs Rad – bei nur 380.000 Einwohnern. Die niederländische Stadt ist die fahrradfreundlichste auf der ganzen Welt. Wie macht Utrecht das?
Große, breite, rote Straßen verweben sich wie ein Pilzgeflecht in der Innenstadt Utrechts. Und nein, diese sind nicht für die motorisierten Fahrzeuge auf vier Rädern vorgesehen, sondern für Fahrräder.
„Wir haben viele Straßen, die hauptsächlich für Radfahrer gedacht sind, was wirklich toll ist, da sie dort immer Vorrang haben“, freut sich eine Studentin, als sie ihr Fahrradschloss aufsperrt. Nur wenige Meter weiter nimmt eine Malerin ihren Freund in einem Lastenrad mit. Der ruft, dass er keinen Niederländer ohne Fahrrad kenne.
Tatsächlich soll es laut Schätzungen mehr Fahrräder als Menschen in den Niederlanden geben. Das Land scheint das Paradies für Fahrradfahrer zu sein – und Utrecht stellt die Spitze dar.
Utrecht liegt im internationalen Ranking der Fahrradfreundlichkeit noch vor Kopenhagen, Gent und Amsterdam.
Platz für Fahrräder – auf Kosten von Autofahrern
Laut dem Copenhagenize Index, einer weltweit anerkannten Rangliste, ist Utrecht die fahrradfreundlichste Stadt der Welt. 150.000 Personen steigen hier täglich aufs Rad. Und das bei nicht einmal 400.000 Einwohnern. Wie hat die Stadt das geschafft?
In einem Schreiben an die ARD antwortet die Gemeinde, dass sie in den vergangenen Jahren mehr Wert auf eine bessere Fahrradinfrastruktur gelegt habe. Heißt: sicherere Straßen, mehr Fahrradstellplätze und bessere Verbindungen zwischen den Stadtvierteln, dem Stadtzentrum und der Region. Oft zum Nachteil von Autofahrern.
Das größte Fahrradparkhaus der Welt steht in Utrecht. Gerade entsteht am Merwede-Kanal eine Siedlung für rund 12.000 Bewohner, vollkommen autofrei.
Die Gemeinde hat viele Fahrbahnen zu breiten Fahrradwegen umfunktioniert. Im Sekundentakt rollen Radfahrer, oft wie an einer Perlenkette aneinandergereiht, auf dem Asphalt, der fast nirgendwo Schlaglöcher aufweist. Ob Holland- oder Rennräder oder auch – manchmal viel zu schnelle – Pedelecs.
Utrecht hat viele Straßen zu breiten Fahrradwegen umfunktioniert.
Blick auch für kleine Details
In den Niederlanden gibt es den „Fietsersbond“, die Schwesterorganisation vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club. Pressesprecher Jaap Kamminta lobt die Gemeinde Utrecht für deren Arbeit: „Das Paradies gibt es nur, weil man lange darauf hingearbeitet hat.“
Schon kleine Details seien wichtig, um eine Stadt fahrradfreundlicher zu gestalten, sagt Kamminta. Etwa die Höhe des Bordsteins. Je höher dieser ist, umso leichter kann sich eine Pedale verfangen.
Die Hauptaufgabe aber sei es, den Autoverkehr zurückzudrängen. In den Niederlanden gilt: Wenn es zu einem Unfall zwischen einem Autofahrer und einem Radfahrer oder Fußgänger kommt, liegt die Beweislast automatisch bei dem Verkehrsteilnehmer mit dem Motor.
Der Autofahrer haftet zu mindestens 50 Prozent. Es sei denn, er kann ein grobes Fehlverhalten des anderen Verkehrsteilnehmers nachweisen. Kamminta glaubt allerdings nicht, dass diese Regel ausschlaggebend ist. Viel wichtiger sei es, dass die meisten Autofahrer auch Radfahrer sind und schon allein deshalb umsichtiger mit diesen umgehen und sicherer fahren.
Kein Freifahrtschein für Radfahrer
Das Ziel sei es nämlich nicht, Autos auszuschließen. Es werde immer Menschen geben, die auf ein Auto angewiesen sein werden, sagt Kamminta. Viel eher gehe es darum, Rad- und Autofahrer räumlich voneinander zu trennen und somit den Verkehr für alle sicherer zu machen.
Auch Radfahrer hätten keinen Freifahrtschein, sagt der Pressesprecher des „Fietsersbonds“. Speziell junge Menschen, die auf Pedelecs mit manipulierten Motoren sitzen, unterschätzten häufig ihre Geschwindigkeit, und oft fehlten die nötigen Reflexe, wenn etwas Unvorhergesehenes im Straßenverkehr passiert.
Insofern gibt es auch im Fahrradland Niederlande noch Möglichkeiten zur Verbesserung. Kamminta würde sich etwa autofreie Zonen von 50 bis 100 Metern rund um Schulen wünschen. Das würde allerdings häufig durch die Eltern verhindert, die ihre Kinder im Auto zur Schule fahren. „Und das, weil sie sich Sorgen um die Sicherheit ihrer Kleinen machen – und somit selbst zum Problem beitragen“, sagt der Niederländer ungläubig.
Der Copenhagenize Index
Der Copenhagenize Index wird alle zwei Jahre erhoben, zuletzt 2025. Die 15 fahrradfreundlichsten Städte der Welt sind demnach:
1. Utrecht (Niederlande)
2. Kopenhagen (Dänemark)
3. Gent (Belgien)
4. Amsterdam (Niederlande)
5. Paris (Frankreich)
6. Helsinki (Finnland)
7. Münster (Deutschland)
8. Antwerpen (Belgien)
9. Bordeaux (Frankreich)
10. Nantes (Frankreich)
11. Bonn (Deutschland)
12. Den Haag (Niederlande)
13. Straßburg (Frankreich)
14. Lyon (Frankreich)
15. Montreal (Kanada)

