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„Voices“: Gefangen im Limbus: Hoffnung ist eine gefährliche Geliebte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 10, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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„Voices“: Gefangen im LimbusHoffnung ist eine gefährliche Geliebte

09.05.2026, 12:11 Uhr Von Thomas Badtke
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Die Protagonistin ist im Wachkoma gefangen. (Foto: picture alliance / Bildagentur-online/Tetra Images)

Tamsin ist hochschwanger, als ein Autounfall sie ins Koma befördert. „Reaktionslose Wachheit“ heißt der Fachbegriff: Sie bekommt alles mit, kann sich aber nicht verständigen. Als ihr Mann dann den Stecker ziehen will, muss Tamsin „aus sich herauswachsen“. Für sich – und ihre Tochter.

Tamsin kann keinen Finger rühren. Sie kann weder zwinkern noch sprechen. Die junge Frau liegt im Koma, genauer ist sie in einer „reaktionslosen Wachheit“ erstarrt. Die junge Frau ist zwar bei vollem Bewusstsein, sieht, hört und riecht – aber verständigen kann sie sich nicht. Auf ihre „Situation“ aufmerksam machen? Auch das scheint ihr unmöglich.

An den Autounfall und einen gewissen Zeitraum davor kann sie sich nicht erinnern. Als gelernte Psychiaterin weiß sie aber, dass ihr Gehirn sie so vor etwas schützen will. Ein Trauma, so tief in ihrem Kopf versteckt, damit sie nicht daran zerbricht. Und so vegetiert sie dahin. Jahr um Jahr um Jahr. Ihr Mann Jamie besucht sie, ihre kleine Tochter ebenfalls, denn Tamsin war hochschwanger damals. Auch ein Arbeitskollege und Freund, Dan, taucht immer wieder an ihrem Krankenbett auf, ebenso wie Tamsins beste Freundin Lucia – und die beiden Pflegerinnen Milena und Hannah, die sich um sie kümmern.

Schlafende Hunde soll man (nicht) wecken

Tamsin hat nicht viel, aber an das Wenige, was ihr geblieben ist, klammert sie sich fest und kämpft. Denn ohne ein Zeichen der Besserung, der Genesung, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Jamie den Stecker ziehen lässt. Liebe hin oder her. Er will abschließen. Weitermachen. Im Leben vorankommen. Und das am liebsten mit Lucia. Sie war es, die ihn in seinen schwärzesten Stunden auffing und Trost schenkte. Tamsins beste Freundin war es, die sich deren Tochter annahm, ihr ein Zuhause und Geborgenheit schenkte.

Dass zwischen Lucia und Jamie etwas ist, spürt Tamsin. Sie kann es aber nicht greifen, geschweige denn ihren Verdacht aussprechen. Um nun aber zu überleben, um für ihre Tochter da zu sein, muss sie sich erinnern: An den Unfall, an die Zeit davor und die Zusammenhänge, die etwas mit ihrem Job zu tun haben müssen. Denn neben all ihren Freunden taucht neuerdings ein weiterer Gast immer wieder bei ihr auf. Ein Mann mit Charisma, mit Geld – und mit einer dunklen Vergangenheit: Richard.

Er war Tamsins damals aktueller Fall: Sie sollte ein psychiatrisches Gutachten über den Mann verfassen, das dem verurteilten Gewalttäter eine vorzeitige Entlassung aus der Haft verschaffen sollte. Hatte er bei Tamsins Autounfall die Finger im Spiel? Oder gibt es eine Verbindung zu Jamie? Gar zu Lucia? Oder Dan?

Nein, bei Dan ist sich Tamsin sicher: Er hasste Richard, konnte ihn auf den Tod nicht ausstehen. Aber auch Dan hütet ein Geheimnis, das es zu ergründen gilt, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. „Wenn man nichts anderes mehr hat, ist Hoffnung der einzige Trost, an den man sich klammern kann“, denkt Tamsin. Ihre verlorene Vergangenheit ist der Schlüssel zu ihrer Zukunft: „Wenn ich mich erinnern kann, werde ich den Teufelskreis durchbrechen. Davon bin ich überzeugt. Und das wird mir ermöglichen, das Bewusstsein vollständig zurückzuerlangen.“

Simply: Wow!

Und bei dieser Reise in Tamsins inneres Ich und auf ihrem Weg hinaus lässt die britische Autorin Natalie Chandler Leser und Hörer teilhaben. „Voices – Ich kann euch hören“ ist bei Droemer Knaur und Argon erschienen und einer der bewegendsten und emotionalsten Psychothriller dieses Jahres. Der verzweifelte Kampf einer im Wachkoma liegenden Frau trifft den Hörer tief, geht ins Herz, ist anrührend und aufwühlend zugleich. Trostlosigkeit, aus der man nur mit einem unmenschlichen Kampfeswillen ausbrechen kann. Gegen alle Widerstände, von außen oder innen.

Chandler greift auf Rückblenden zurück, nutzt kluge Twists und schickt den Hörer, auch dank der Sprecherin Anne Düe, auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle zwischen Hoffnungsschimmer und Hoffnungslosigkeit. „Voices“ wird man so schnell nicht vergessen!

Quelle: ntv.de

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