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Warum Paare oft um Kleinigkeiten streiten

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 5, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Zerstörerische Paarkonflikte„Streit ist eine Form des Sich-sehr-deutlich-Begegnens“

Gut zu streiten kann für Paare zu einer Superkraft werden. (Foto: IMAGO/Westend61)

„Warum machst du das Licht nie aus?“, „Du hättest ruhig mal den Müll rausbringen können!“: Wohl jedes Paar, das schon länger zusammen ist, kennt solche Sprüche. Oft entzündet sich dann ein Streit – um eigentlich nichts. Yvonne C. Beuckens ist Diplom-Psychologin und berät Paare in ihrer Praxis für Systemische Therapie und Beratung. Sie kennt die Themen, um die es in Beziehungen überwiegend geht, und gibt im Interview Werkzeuge an die Hand, um auf gute Weise zu streiten.

Über welche Themen streiten Paare am häufigsten?

Yvonne C. Beuckens: Es gibt tatsächlich Evergreens unter den Streitthemen. Vor allem bei kinderlosen Paaren geht es oft um den Tonfall, etwa: „Wie redest du eigentlich mit mir?“ Bei Paaren mit Kindern ist deren Erziehung Thema Nummer eins. Andere Klassiker sind Geld, Sexualität, Zeitaufteilung zwischen Job und Familie, Haushalt und der Umgang mit Eltern und Schwiegereltern. Neuerdings sind auch Mediennutzung und Medienzeit verstärkt Thema.

Nicht jedes Mal werden große Fragen debattiert, oft geht es eben um kleine Situationen innerhalb dieses Themas. Wenn sich der andere also zum Beispiel einen Kaffee to go kauft, obwohl das Geld knapp ist, und man sagt: „Konntest du dir den nicht von zu Hause mitnehmen?“ Die großen Themen zeigen sich also häufig in den kleinen Nickeligkeiten des Alltags.

Wieso eskaliert der Streit über solche Kleinigkeiten so schnell?

Das kann verschiedene Gründe haben. Hinter den Kleinigkeiten können größere Themen stehen. Möglicherweise ist man in einem Lebensbereich grundsätzlich unzufrieden, spricht das aber nicht an. Dann kann einem der oder die andere vielleicht gar nichts mehr recht machen.

Oder es stecken folgende Fragen dahinter: Bist du wirklich da? Liebst du mich? Siehst du mich? Bin ich dir wichtig? Kann man diese Fragen im Alltag häufig mit Ja beantworten, müssen sie nicht beim Streit um Kleinigkeiten geklärt werden. Auch unaufgeräumte Kindheitsthemen können mit reinspielen, die man auf die Partnerschaft überträgt.

Es kann natürlich auch sein, dass man einfach im Stress ist. Wer hat nicht gefühlt immer mehr auf der Platte, als man erledigen kann. Man hetzt in einem Anspannungszustand durch den Alltag, und Menschen, die einem am nächsten stehen, können zum Blitzableiter werden. Dann regt man sich über Kleinigkeiten auf, die einem vielleicht eigentlich gar nicht so wichtig sind, weil man jemanden braucht, an dem man mal seinen Frust ablassen kann. Das ist nicht charmant, und die meisten Menschen sind im Nachgang auch nicht stolz darauf, aber es passiert.

Mir ist wichtig zu sagen, dass Konflikte normal sind. Streit ist nicht schlimm, auch nicht, wenn es mal etwas hitziger wird. Entscheidend ist, hinterher zu reparieren, also sich zu entschuldigen und dem anderen rückzuversichern, dass man ihn oder sie liebt. Aus paartherapeutischer Sicht ist ein Paar, das sich gar nicht streitet, besorgniserregender als eines, das sich streitet. Wenn es keine Reibereien gibt, dann schluckt mindestens einer, im Zweifel beide, alles runter. Dann begegnet man sich gar nicht mehr.

Streit ist also auch eine Form des Sich-sehr-deutlich-Begegnens. Wichtig ist vielmehr, zu lernen, wie man richtig streitet. Denn dann ist Streit eine Fähigkeit und beziehungsförderlich statt beziehungsbelastend.

Was hilft denn, „richtig“ zu streiten?

Es gibt drei Dinge, auf die man achten kann, wenn man bereits in der Auseinandersetzung steckt. Das Erste: bei einem Thema bleiben. Meist eskalieren Streitigkeiten, weil der eine sagt: „Du hast schon wieder die Spülmaschine nicht ausgeräumt.“ Die andere: „Ja, und du hast den Müll nicht rausgebracht.“ Darauf wieder: „Kannst du nicht beim Thema bleiben?“ So hat man bereits drei Themen.

Zweitens: Pausen machen, also bewusst langsam sprechen. Bei sich und im Verstehen-Wollen bleiben. Das Dritte ist, kleine Gesten der Zuneigung einzubauen. Auch wenn man durchaus über das Ausräumen der Spülmaschine streiten kann, zu sagen: „Du, ich mache mir jetzt erst mal einen Tee, willst du auch einen?“ So etwas macht klar: Mit uns als Paar ist alles in Ordnung, wir haben nur gerade ein Thema. Das führt dazu, dass beide entspannter sind.

Grundsätzlich sollte jeder Mensch außerdem eine Fuck-it-Bag haben, so nenne ich es. Man kann in einer Beziehung an Themen arbeiten, aber wenn man alles, was einen stört, anspricht, ist man den ganzen Tag am Nörgeln.

Ich muss mir also gut überlegen, was so wichtig ist, dass ich es ansprechen möchte. Und im Gegenzug viele andere Dinge zumindest für den Moment nicht ansprechen. Diese Themen gehören in die Fuck-it-Bag als „nicht so wichtig“. Es hilft, sich zu fragen: Ist es mir das jetzt wert, über dieses Thema zu sprechen? Oder sitze ich lieber gemütlich hier mit dir und quatsche über den Tag?

Quelle: ntv.de, sba/dpa

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