Der Comedian Guo Degang zählt zu den berühmtesten Kulturschaffenden in China. Nach einer Show in Wuhan sind Guos weitere Shows abgesagt, es läuft eine Untersuchung gegen ihn. Der Grund: eine Textzeile.
Mittwochabend in einem Comedy-Club in Peking: Auf der Bühne stehen zwei Männer, sie tragen lange Gewänder in grellen Farben. Im schnellen Wechsel tragen sie ihr Programm vor. Xiangsheng heißt diese Art der Comedy – das bedeutet so viel wie Wortgefecht.
Das Nachahmen von Stottern ist Teil ihrer Show, Witze darüber, dass einer der beiden vom Land kommt oder über Aberglauben.
Wegen derlei Scherzen ist auch der 40-jährige Jiang gekommen, der sagt: „Man muss den Leuten etwas Unerwartetes bieten. Die Comedians reden ganz normal über etwas und dann, zack, kommt ein Witz oder eine Pointe. Die Überraschung, die macht’s.“
Überraschend fürs Publikum – die Behörden haben die Texte schon vorher gelesen.
Guo weicht vom Skript ab
Umso bemerkenswerter, was Guo Degang, Chinas populärster Comedian, Ende Juli bei einem Auftritt in der Stadt Wuhan aufgeführt hat. Da steht er als Mönch verkleidet auf der Bühne und fängt an zu singen. ‚Ich spiele meine geliebte Pipa‘ heißt das bekannte Lied, das kommunistischen Guerilla-Kräften gewidmet ist, die während des Chinesisch-Japanischen Kriegs gekämpft haben.
Und dann wandelt Guo eine Textzeile ab und singt: „Alles ist still in der Verbotenen Stadt.“
Mitten im Herzen Pekings gelegen war die Verbotene Stadt jahrhundertelang das Machtzentrum der chinesischen Kaiser. Heute liegt Zhongnanhai direkt daneben: ein weitläufiges Areal, in dem Vertreter der Staats- und Parteiführung und auch Xi Jinping leben. Und dort sei alles still? Kritisiert Guo damit die kommunistische Führung?
Kulturbehörde leitet Untersuchung ein
In jedem Fall weicht er vom vorher eingereichten Skript ab. Das wurde, wie immer beim Auftritt von Kulturschaffenden aller Art, von der örtlichen Kulturbehörde überprüft. Und die leitet nun eine Untersuchung ein. Der Vorwurf gegen Guo: Verstoß gegen die öffentliche Moral.
Weitere Auftritte mit ihm werden abgesagt, Guo verschwindet von der Bühne und aus der Öffentlichkeit.
Dabei boomt Comedy in China. Die Zahl der Shows, die Ticketverkäufe, Abrufe im Internet – alles verzeichnet zwei- manchmal dreistellige Wachstumsraten.
Und das, obwohl die roten Linien im Kulturbetrieb enger und weniger klar geworden sind, seitdem Xi Jinping 2012 Partei- und 2013 Staatschef geworden ist. Seit einigen Jahren können Kulturschaffende auch rückwirkend für ihre Arbeit angeklagt, verurteilt und eingesperrt werden. Jüngstes Beispiel dafür ist der Bildhauer Gao Zhen, der zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde – wegen Statuen über den Staatsgründer Mao Zedong, die er und sein Bruder 2009 gezeigt haben.
Die sich weiter verhärtende Gangart von Chinas kommunistischer Staats- und Parteiführung bekommt nun auch Guo Degang zu spüren.
„Tiefpunkt für die moderne Kunst in China“
Wirklich kritische Kunst ist nur noch im kleinsten Kreis oder im Internet zu finden. Nur wenige Kulturschaffende trauen sich darüber zu sprechen. Einer hat sich im vergangenen Jahr gegenüber dem ARD-Studio Peking geäußert. Aus Sorge vor Repressalien will er anonym bleiben. „Einige Künstler produzieren in China tatsächlich noch kritische Werke, aber sie können sie nicht einer großen Öffentlichkeit zeigen“, sagt er. „Es gibt aber noch kritisches Denken, das ist das Wichtigste. Auch wenn es im Moment vielleicht der Tiefpunkt für die moderne Kunst in China ist.“
Zurück in Peking, die Show ist vorbei. Ohne etwaige Grenzüberschreitungen. Und so sei es auch richtig, findet eine Besucherin. „Freie Meinungsäußerung ist wie ein wildes Tier“, sagt sie. „Sie ist schlecht. Wir sollten keine Witze über Politik machen wie die Amerikaner. Wir sollten unseren Anführern und nationalen Helden gegenüber Respekt zeigen.“ China sei ein Land, das Wert auf Anstand und Etikette lege. „Selbst wenn Kritik im Scherz geäußert wird, ich finde das respektlos.“
„Comedians müssen mutig sein“
Nicht alle denken so. Besucher Jiang, der Freude hat an überraschenden Pointen, meint: „Na klar gibt es Grenzen, wir sind schließlich in China. Trotzdem müssen Comedians mutig sein und sich neues Material ausdenken. Sie können ja nicht ständig das alte recyclen. Wir müssen innovativ sein und neue Wege gehen.“
Wie es für Guo Degang weitergeht, ist noch nicht bekannt. Eine Geldstrafe für ihn ist wahrscheinlich. Ein längeres Auftrittsverbot möglich.

