Auch in Spanien ist bezahlbarer Wohnraum knapp. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Mieten fast verdoppelt. Schuld ist nicht allein der Druck durch Ferienappartements und Kurzzeitvermietungen. Von Julia Macher.
Eine bezahlbare Wohnung in Großstädten wie Barcelona und Madrid zu finden, ist für viele ein Ding der Unmöglichkeit. Das Angebot ist knapp, die Nachfrage enorm. Die Mieten haben sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Am heutigen Sonntag rufen der Mieterverein „Sindicato de Inquilinas e Inquilinos“ und andere Initiativen zu Demonstrationen in Madrid, Saragossa und Badajoz auf.
Doch es trifft nicht nur die Großstädte. Besuch in Getafe, eine 200.000 Einwohner-Stadt südlich von Madrid. Fünfstöckige Neubauten säumen die Straßen. In einem davon lebt Ramón Bultó gemeinsam mit seiner Tochter.
Die 50-Quadratmeter-Wohnung war ursprünglich als Sozialwohnung mit Kaufoption gedacht. Doch dann lief der Vertrag aus, ein Immobilienfonds übernahm den Block – und erhöhte die Miete um knapp 40 Prozent. Fast 80 Prozent seines Einkommens hätte der Informatiker für die Wohnung ausgeben müssen.
Schuld ist nicht nur der Tourismus
„Ich habe überlegt umzuziehen, aber das wäre unmöglich gewesen“, erzählt Bultó. Bei den gängigen Bewerbungsverfahren für Wohnungen wäre er mit seiner Tochter niemals durchgekommen, sagt er. „Und es hat mich einfach wütend gemacht, so ausgenutzt zu werden. Das ist ein Missbrauch, den Millionen in diesem Land erleiden.“
Gemeinsam mit rund zwanzig Nachbarn entschied sich Bultó zum Protest. Sie zahlten weiter die alte Miete und blieben: ein partieller Mietstreik. Unterstützt wurden sie dabei vom Mieterverband Sindicato de Inqulinos. In fast allen spanischen Großstädten gibt es inzwischen solche Initiativen.
Denn nicht nur im Großraum Madrid erreichen die Mieten historische Höchststände, sagt Sprecherin Alicia del Río: „In Málaga gibt es Viertel, in denen 70 Prozent der Wohnungen an Touristen vermietet werden. Auf den Balearen sind die Mieten so teuer, dass viele Menschen im Wohnwagen leben.“
Inzwischen würden die Mieten und Immobilienpreise jedoch auch in solchen Städten steigen, die Bevölkerung verlieren, sagt del Río. Für den Mieterverband zeigt das, dass im ganzen Land mit Wohnraum spekuliert würde. Das zeigt, dass mit dem Wohnraum im ganzen Land spekuliert wird.
Hoher Leerstand in Spaniens Städten
Das Sindicato de Inquilinos fordert eine landesweite Halbierung der Mieten und unbefristete Verträge anstatt der bisher üblichen fünf- bis siebenjährigen Laufzeiten. Die linke Regierungskoalition setzt dagegen auf mehr Angebot – mit einem sieben Milliarden Euro schweren Wohnungsplan.
Geplant sind Neubauten, Aufkauf bestehender Anlagen und finanzielle Anreize für Eigentümer, leerstehende Wohnungen auf den Markt zu bringen. Schätzungen zufolge stehen in spanischen Großstädten mehr als 400.000 Wohnungen leer.
Die spanische Gesetzgebung sei zu mieterfreundlich, sagen hingegen Eigentümerorganisationen. Säumige Mieter oder Hausbesetzer können nur nach langen Prozessen geräumt werden. Sie kritisieren auch die 2024 eingeführte Mietpreisdeckelung für Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt.
Mietpreisbremse – Lösung oder neue Probleme?
Barcelona ist bislang die einzige Großstadt, die von der Mietpreisbremse Gebrauch gemacht hat. Tatsächlich sind die Mieten dadurch um fünf bis acht Prozent gesunken, aber auch das Angebot hat sich verknappt. Viele Wohnungen werden nur noch zur Kurzzeitmiete angeboten. Für solche Verträge gilt die Maßnahme nicht.
Eine Folge des knappen Angebots: Immer mehr Gewerberäume werden als Wohnung genutzt. Eine Besichtigung in Sant Andreu in Barcelona. Der Eigentümer hat in den als Büro ausgewiesenen Raum eine Dusche und eine Küchenzeile eingebaut.
Ob man hier nicht nur arbeiten, sondern auch wohnen könne? Das sei ganz allein dem Mieter überlassen, so der Makler. Auch in Madrid leben immer mehr Menschen in zweckentfremdeten Gewerberäumen.
„Gemeinsam können wir gewinnen“
Aus jedem zur Verfügung stehenden Raum werde inzwischen Rendite geschlagen, sagt Alicia del Río. Manche Menschen lebten sogar in Garagen. Gegen solche Zustände helfe nur massiver Druck.
Der partielle Mietstreik von Ramón Bultó und seinen Nachbarn zumindest hatte Erfolg. Bei fast allen wurden die Verträge verlängert, er selbst wartet noch auf den Bescheid. „Alleine können wir nichts ausrichten gegen diese Giganten. Aber gemeinsam können wir gewinnen.“
