16.07.2026 | 01:54 Uhr
Argentinien feiert das nächste große WM-Comeback und spielt am Sonntag im Finale gegen Spanien. England liegt dagegen am Boden. Wieder. Wie immer. 60 Jahre des Leidens nehmen einfach kein Ende für das gepeinigte, verfluchte Mutterland des Fußballs. Dabei liegt die Mannschaft gegen den Titelverteidiger im zweiten Halbfinale sogar in Führung. Doch was danach passiert, ist erstaunlich. Argentinien kommt zwar stärker auf, aber die „Three Lions“ brechen vor allem total auseinander. Das 1:0 durch Anthony Gordon ist das einzige und letzte Halleluja der Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel. Unser WM-Experte Arie van Lent staunt über den Rückzug der Engländer und spricht den englischen Coach aber vom Vorwurf frei, dieses Spiel (1:2) vercoacht zu haben. Großes Mitleid mit den wieder einmal jaulenden Löwen hat der ehemalige Bundesliga-Stürmer aber nicht. Warum eigentlich nicht?
ntv.de Hallo Herr van Lent, die Musik-Ikone Liam Gallagher wollte im Finale „Wonderwall“ singen und England zum Titel treiben. Nun ist das Team gegen Argentinien aber erneut gescheitert. Haben Sie Mitleid?
Arie van Lent: Nein, überhaupt nicht!
Oh, das ist überraschend harsch!
Ja nun, was soll ich denn als Holländer sagen? Wir standen dreimal im Finale und haben noch nichts gewonnen. Vielleicht können wir ja die alte Bolzplatz-Regel umschreiben: Dreimal Finale gleich einmal Weltmeister! Aber ne, die Engländer müssen weiter leiden, so wie wir es auch müssen!
Im ersten Halbfinale zerstört Spanien auf grandiose Weise das Spiel der Super-Franzosen. Im zweiten Duell gibt es auch lange Zeit wenig Fußball, erst nach dem Rückstand wacht Argentinien auf. Ist der große Verlierer dieser beiden Duelle das „Spiel Fußball“?
Es fühlt sich ein bisschen so an. Nicht nur ich bin mit anderen Erwartungen an diese Spiele herangegangen. Wenn man schon mal die Top-Mannschaften im Halbfinale hat, dann möchte man natürlich auch die Topleistungen der Topspieler sehen. Das war nicht gegeben. Auch wenn es Spanien, wie Sie sagen, Herr Nordmann, gut gemacht hat. Heute war es ähnlich. Argentinien ist spät aufgewacht, hat dann aber tollen Fußball gespielt. Insgesamt war das aber zu wenig von den großen Stars und den großen Mannschaften, das sehe ich schon so.
Schön war das Spiel zwischen England und Argentinien nun wahrlich nicht …
Nein, es war robust geführt, mit vielen Nickeligkeiten. In der ersten halben Stunde hast du dich schon gefragt, ob hier alle 22 Spieler bis zum Ende auf dem Platz stehen. Da hat mir auch die Leistung des Schiedsrichters nicht gefallen. Er hat viel zu spät die erste Gelbe Karte gezeigt. Wäre er früher dran gewesen, dann hätten wir vielleicht mehr Ruhe im Spiel gehabt und mehr Fußball gesehen.
Argentiniens Tor zum Finale, Englands Stoß in die Schmerzhölle
England geht nach 55 Minuten in Führung, zwei Minuten später zündet Djed Spence den englischen Teil des Stadions mit einer Sensationsgrätsche an. Was ist dann passiert?
Das habe ich mich auch gefragt!
Hat Thomas Tuchel das Spiel vercoacht?
Das glaube ich nicht, auch wenn ich den Gedanken ebenfalls hatte. Ich denke, der Rückzug der Engländer war einfach eine Reaktion des Trainers auf den Zustand seiner Mannschaft. Sie haben sich ja sehr tief fallen lassen und standen am eigenen Fünfmeterraum wie ein Häufchen Elend. Sie schienen einfach nur darauf zu warten, dass sie das Ergebnis über die Zeit bringen oder sie es nach dem 1:1 irgendwie noch in die Verlängerung schaffen. Tuchel hat dafür sehr defensiv gewechselt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das sein Plan war. Mit einer Fünferkette suchst du ja nur nach vermeintlicher Sicherheit. Meistens bist du damit nicht mehr aktiv. Ich habe mich schon sehr über das Verhalten der Engländer gewundert. Diese Idee aber konnte mit Ansage nicht funktionieren. Und so war Argentinien am Ende einfach zu stark.
In einer ersten Reaktion hat sich Tuchel vor die Mannschaft gestellt und die Verantwortung für das Scheitern auf sich genommen. Hat der vorzeitige K.o. Auswirkungen auf seinen Weg?
Erstmal ist es immer gut, wenn ein Trainer Verantwortung übernimmt und seine Spieler schützt. Er wird sich sicher Vorwürfe anhören müssen, wie und wann er gewechselt hat. Einige Experten werden es auch böse mit ihm meinen. Er kennt dieses Spiel ja. Wie oft war er schon der beste Trainer der Welt und dann wieder der schlechteste? Aber ich würde England raten, ihn als Nationalcoach zu behalten. Er ist ein sehr guter Trainer, sehr geradlinig. Das haben wir etwa bei der Kadernominierung schon gesehen. Er macht, was er für richtig hält. Das ist eine wichtige Qualität für einen Trainer. Und mit seinem Auftreten im Turnier hat er auch viele Sympathien gesammelt. Dass er nun so reagiert, das macht einen großen Trainer aus.
Wie würden Sie das Abschneiden der Engländer denn bewerten?
Ich finde die Ansprüche schon manchmal echt erstaunlich. Klar sehnt man sich nach einem Titel, wenn man 60 Jahre nichts gewonnen hat. Aber die Engländer reden immer so daher, als seien sie eine Nation, die schon vier, fünfmal Weltmeister geworden ist, dabei waren sie es nur einmal. Und das auch noch durch „Betrug“! Hätten wir damals schon den VAR gehabt, hätte Deutschland jetzt vielleicht einen Stern mehr auf dem Trikot. Ich finde, England hat ein wirklich sehr solides Turnier gespielt.
Fernandez-Schlenzer trifft England ins Herz

Würden Sie zustimmen, dass zwei Dinge Argentinien im Spiel gehalten und sie sogar zurückgeholt haben: die robuste Spielweise gegen die Superstars um Harry Kane und Jude Bellingham sowie die veränderte Rolle von Lionel Messi.
Zuerst mal denke ich, dass das Gegentor Argentinien wieder ins Spiel geholt hat. Sie mussten ihre Spielweise verändern. Nur mit Körperlichkeit ging es nicht. Sie haben nach dem Rückschlag schnell bewiesen, was für eine gute Mannschaft sie sind. Und ja, diese Wende hängt auch damit zusammen, dass Lionel Messi plötzlich etwas tat, das er sonst nicht tut. Er wich auf die offensiven Flügel aus. Bis dahin war es ein schwaches, ein sogar sehr unauffälliges Spiel von ihm gewesen. England hatte ihn gut zugestellt und bearbeitet. Dann aber verloren die „Three Lions“ den Zugriff, als Messi plötzlich auf halbrechts/rechts wirbelte und flankte. Mit Nicolas Gonzalez und Lautaro Martinez kamen noch zwei Spieler, die neben Alexis Mac Allister sehr viel Gefahr erzeugten. Das war eine ganz bewusste Entscheidung, Messi aus dem Zentrum auf den Flügel zu ziehen. Sie war spielentscheidend.
Ein spielentscheidender Mann ist sonst auch Harry Kane, er war völlig blass. War er eingeschüchtert von den argentinischen Zweikampfmonstern?
Nein, als Stürmer kann und muss es dir eigentlich völlig egal sein, gegen wen du spielst. Du musst ständig auf deine Chance lauern und bereit sein. Wenn ein Spiel so neben dir herläuft wie für Kane heute, dann musst du mal was tun, um deinen Puls wieder hochzutreiben. Mal austeilen, bisschen provozieren. Das habe ich nicht gesehen.
Epische Monstergrätsche – ganz England eskaliert

Blicken wir mal nach vorn, auf das Finale Spanien gegen Argentinien. Wer ist der Favorit?
Ich habe bei Spanien schon ein sehr gutes Gefühl.
Spricht da der Experte oder der Ehemann, der um den Frieden in der Familie fürchtet?
Nein! Spanien hat gegen Frankreich und deren Superstars quasi nichts zugelassen. Und sie haben auch im gesamten Turnier nur einen Gegentreffer kassiert. Das zeigt schon, wie wahnsinnig gut sie verteidigen. Argentinien brauchte in den letzten Runden gegen Kap Verde und Ägypten schon einige Wachrüttler. Was ihnen dann hilft, wenn sie ein bisschen fies werden. Das könnte Spanien schon aus dem Tritt bringen. Technisch und taktisch sind die Iberer den Argentiniern indes voraus. Was ich bei Messi und seinen Teamkollegen aber loben muss: Die Mentalität, die sie haben, dass sie immer wieder zurückkommen und Widerstände überwinden, das ist schon eine herausragende Qualität.
Die Diskussionen über die robusten Gangarten bei der WM sind groß. War das heute wieder zu viel?
Ja, fand ich schon. Die ersten 30 Minuten haben mich an Frankreich gegen Paraguay erinnert. Auch da ging es nicht um Fußball. Aber klar ist natürlich auch, du hast in diesen Spielen viel zu verlieren. Da agierst du anders. Bis zur ersten Gelben Karte in der 37. Minute war’s schon echt dreckig. Da lag ständig einer am Boden, da wurde getreten und nachgehakt. Das hat mir gar nicht gefallen. Und das erleben wir häufiger bei dieser WM, die rote Linie des Erlaubten wird schon oft arg ausgereizt oder auch überschritten. Auch die Provokation von Enzo Fernandez nach dem Ausgleich, als er sich hat genüsslich ausbuhen lassen, war völlig drüber. Eine gesunde Härte, Fouls und Provokationen gehören zum Fußball dazu. Aber vieles hat mir dieses Mal nicht gefallen.
Mit Arie van Lent sprach Tobias Nordmann
Verwendete Quelle: ntv.de
