Wotan Wilke Möhring im Interview„Perfektion hat bei der Urlaubsplanung nichts zu suchen“

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Geheimnisse, Misstrauen, Eifersucht und ein Zweithandy. Die Freundes-Clique aus Bora Dagtekins Kinoerfolg „Das perfekte Geheimnis“ geht auf Reisen. Doch „Der perfekte Urlaub“, den der Titel der Fortsetzung verspricht, wird es nicht – zur Freude des Kinopublikums. Denn auf Mallorca müssen Leo (Elyas M’Barek) und Carlotta (Karoline Herfurth), Pepe (Florian David Fitz), Eva (Jessica Schwarz) und Rocco (Wotan Wilke Möhring), Simon (Frederick Lau) und Neuzugang Maus (Diana Amft) schnell feststellen, dass sie neben Bikinis, Badehosen und Sonnencreme auch eine ganze Menge aufgestaute Emotionen im Gepäck mit sich herumschleppen. Im Interview mit ntv.de verrät Rocco-Darsteller Wotan Wilke Möhring, wieso es seiner Ansicht nach gar keinen perfekten Urlaub gibt, was für ihn der absolute Vertrauensbruch ist und was echte Männerfreundschaften ausmacht.
ntv.de: War für dich sofort klar, dass du für die Fortsetzung von „Das perfekte Geheimnis“ zusagst?
Wotan Wilke Möhring: Irgendwie schon. Im Grunde war die Zusage ein No-Brainer. Aber natürlich musste die Fortsetzung auch stimmig sein. Im ersten Teil gab es einen Cliffhanger, zu dem Bora Dagtekin etwas Passendes einfallen musste. Dann musste ein Zeitpunkt gefunden werden, an dem das gesamte Ensemble wieder Zeit hat, alle sind ja sehr beschäftigt. Am Ende hat es sieben Jahre bis zu „Der perfekte Urlaub“ gedauert. Zwischen den beiden Filmen sind aber nur vier Monate vergangen. Wieder zusammenzuarbeiten war dann ein Fest, weil alle Kolleginnen und Kollegen, die mitspielen, eben auch Freunde von mir sind. Und man sieht sich so selten.
Was macht das Ensemble so besonders für dich?
Das sind alles Menschen, mit denen ich privat gerne Zeit verbringe. Mittlerweile haben aber fast alle Familie oder gehen beruflich ihrer Wege. Und deswegen wird die Zeit, die man gemeinsam hat, meist während der Arbeit verbracht. Es war einfach schön, während der Dreharbeiten von „Der perfekte Urlaub“ mal wieder ein paar Monate zusammen abzuhängen.
Der erste Film war eine Art Kammerspiel. In „Der perfekte Urlaub“ habt ihr viel draußen auf Mallorca gedreht und konntet euch auch körperlich so richtig austoben. Wie viel Spaß hat das gemacht?
Mit noch mal vier Monaten im dunklen Studio hätte uns Bora nicht gekriegt. Egal, wie gut das Buch gewesen wäre. (lacht) Ich glaube aber, dass das auch ein guter Ansatz ist, um Neues über diese Gruppe zu erfahren. Wie verhalten sie sich in einem anderen Biotop, draußen in der freien Welt? In „Das perfekte Geheimnis“ wollten ja alle eigentlich nur gemeinsam einen schönen Abend verbringen. Das geht dann total in die Hose. In „Der perfekte Urlaub“ ist die Ausgangssituation anders: Keiner will mit dem anderen zusammen sein. Die Paare reisen getrennt an und lügen sich gegenseitig in die Tasche. Und als sie dann alle aufeinandertreffen, müssen sie mit sich und ihren Problemen klarkommen, die sie natürlich mitgenommen haben. Dabei wollen sie sich eigentlich nur aus dem Weg gehen.
Klingt nicht nach einem perfekten Urlaub?
Das Wort „perfekt“ hat für mich eh nichts bei der Urlaubsplanung oder bei der Lebensplanung zu suchen. Ich glaube, perfekt ist nicht der Anspruch, den man haben sollten. Perfekt ist irgendwie tot. Für mich bedeutet ein guter Urlaub natürlich in erster Linie Ruhe und Erholung. Gleichzeitig möchte ich ganz nah bei meinen Kindern sein, intensive Zeit mit ihnen verbringen, mit meinen Lieblingsmenschen. Wenn man zurückkommt, sollte man denken: „Ach, das war so schön!“ Oder gar nicht mehr wegwollen. Wenn man mit diesem Gefühl heimkehrt, hat man schon viel erreicht.
Du spielst hauptsächlich ernste Rollen. Was ist schwerer: Drama oder Comedy?
Ich glaube, für den Zuschauer sieht Drama schwerer aus und Comedy leichter. Aber in der Herstellung ist es ein ähnlicher Prozess. Beim Drama musst du viel mehr zurückhalten, weil du willst, dass der Zuschauer den Kreis der Trauer schließt. Bei der Komödie gilt es, die Leute mit Leichtigkeit anzustecken. Dabei ist völlig egal, wie es dir persönlich gerade geht. Das ist eine hohe Kunst.
Im Film gibt es ein paar echte Fremdschäm-Momente, auch für deine Figur Rocco. Kostet es Überwindung, solche Szenen zu drehen – oder machen sie erst recht Spaß?
Sie machen richtig Spaß! Aber du denkst in Bezug auf Rocco auch: „Was für ein Idiot!“ (lacht) Aber dass du das denkst, ist ein gutes Zeichen. Denn du siehst zwar deine Physis, dein Gesicht, deine Gestik und Mimik, aber die Person auf der Leinwand ist einfach ein anderer Typ. Und das ist ein guter Hinweis darauf, dass du da auf dem richtigen Weg bist, diese Figur zu gestalten.
Gibt es etwas, dass du Rocco gerne mit auf die Reise gegeben hättest?
Eine aufs Maul? (lacht) Nein, im Ernst, vielleicht mehr Mut. Mehr von dem, was ich vielleicht bin. Die Dinge auszusprechen, wie sie sind. Wobei ich es nicht schlimm finde, wenn man ein Geheimnis hat oder eine bestimmte Wahrheit zurückhält, weil man versucht, den anderen zu schützen.
Warum vertraut Rocco sein Geheimnis Eva nicht einfach an?
Ich glaube, er wollte erst einmal die Wahrheit für sich selbst herausfinden. Dass er es Eva nicht erzählt hat, könnte auch daran liegen, dass er davon ausgegangen ist, dass sein Geheimnis sie als Frau anders trifft. Es hat ihn ja auch getroffen. Eigentlich ist es der richtige Weg, der Sache erst einmal auf den Grund gehen zu wollen. Doof ist nur, wenn der andere das Geheimnis vorher selbst herausfindet. Aber damit konnte Rocco nicht rechnen.
Ohne zu spoilern, aber eigentlich ist Evas Geheimnis viel schlimmer als Roccos, oder?
Das ist schon Hochverrat, absolut. Das kann man nicht miteinander vergleichen. Aber ist es nicht lustig, dass Eva, die so kontrolliert daherkommt, beinahe wirkt, als habe sie sich Roccos Geheimnis schlimmer gewünscht? Und dann versucht, diese Ungleichheit über eine erotische Abarbeitung zu nivellieren?
In das Handy des Partners zu schauen, erweist sich in „Der perfekte Urlaub“ oftmals als kontraproduktiv. Wie stehst du dazu?
Absolutes No-Go! Selbst wenn da nichts Schlimmes steht, verstehst du ja oftmals gar nicht, wie etwas gemeint ist, weil du den Hintergrund nicht kennst. Das ist wie Briefe öffnen, man verletzt ein ganz persönliches Geheimnis. Das macht man nicht. Das ist ein Vertrauensbruch.
Es gibt eine Kernfrage in dem Film: Wie viel Wahrheit verträgt eine Freundschaft? Wie würdest du sie beantworten?
Ist die eigene Wahrheit, die jeder für sich persönlich auslegt, relevant für den anderen und für die Freundschaft? Hat sie unmittelbar Einfluss auf das Verhältnis zueinander? Dann ist sie relevant. Aber Wahrheit setzt ja immer eine Unwahrheit voraus, sonst würde man die Frage nicht stellen. Aber was, wenn es die vielleicht gar nicht gibt?
Und will man wirklich alles von dem anderen wissen? Wenn man die andere Person in- und auswendig kennt, dann ist sie meiner Meinung nach verschwunden. Dann weiß man ja alles schon vorher und braucht sich mit der Person gar nicht mehr auseinanderzusetzen. Teil des Geheimnisses menschlicher Beziehungen ist aber, eben nicht alles über den anderen zu wissen. Sicher zu sein, aber eben nicht zu sicher. Es gäbe sonst ja gar nicht diese Abstoßung und Anziehung unter Menschen, die Attraktion.
Deswegen ist die Wahrheit für mich gar nicht das verbindende Element. Das verbindende Element ist Liebe. Oder Verständnis. Den anderen so sein zu lassen, wie er ist. Selbst wenn er dir dabei nicht gefällt. Es ist allerdings nur dein subjektives Bild von diesem Menschen, das dann Schaden nimmt. Nicht die Person selbst ist schadhaft. Das zu unterscheiden, ist in einer Beziehung noch mal schwieriger. Deswegen ist es vielleicht leichter, mit Bekannten in Urlaub zu fahren als mit Freunden. Manchmal sollte man Freunde mehr wie Bekannte behandeln, glaube ich. Nicht alles auf sich beziehen, gar nicht so in die Tiefe gehen. Sich eben nicht fragen: „Wie hat er das jetzt gemeint?“ Lieber denken: „Der ist halt so, fertig, aus.“ So eine Gelöstheit setzt aber viel Selbstbewusstsein voraus.
Unterscheiden sich Männer- und Frauenfreundschaften?
Ich glaube schon. Frauen haben andere Konfliktverarbeitungsstrategien als Männer. Ich bilde mir ein, dass Männer weniger sagen und mehr für sich behalten. Auch, weil sie eine simplere Kommunikationsform haben. Da reicht ein Blick, ein Wort. Oder man muss den ganzen Abend gar nicht reden und weiß trotzdem, wie es dem anderen geht. Um für das andere Geschlecht verständlich zu sein, müssen Männer lernen, Worte zu formulieren, die wir beim gleichen Geschlecht nicht sagen müssen, weil wir eh verstanden werden. Und Frauen müssen verstehen, und das machen sie im besten Fall ja eh längst, dass die wenigen Worte, die ein Mann sagt, auch reichen können. Es muss nicht immer der gewünschte Katalog sein.
Was denkst du, verbindet die Männer im Film?
Im ersten Teil haben wir erfahren, dass sie sich schon seit der Schule kennen. Ich glaube, dass die Jungs im Film nie befreundet wären, wenn sie sich nicht bereits in der Schulzeit gefunden und ihren eigenen Kosmos für sich abgesteckt hätten. Denn eigentlich sind sie zu unterschiedlich. Es gibt bestimmte Zeiten in deinem Leben, in denen du Freundschaften schließt. Vor allem eben in der Jugend. Das ist irgendwann später nicht mehr so, weil du viel zu wenig Zeit hast, dich um Freundschaften zu kümmern. Richtige Freunde sind Menschen, bei denen man sich gar nicht melden muss und die dich trotzdem verstehen. Die tolerieren, dass du dich änderst und nicht enttäuscht fragen: „Was ist denn mit dir los?“ Ich erinnere mich noch gut an die Schulzeit, wenn man in den Sommerferien was Neues für sich probiert hatte und dann deswegen sofort von seinen Mitschülern niedergemacht wurde. Und das macht ein Freund eben nicht. Ein echter Freund ist auch nicht enttäuscht, wenn man mit einer Partnerin ankommt, die ihm nicht gefällt.
„Der perfekte Urlaub“ läuft seit dem 22. Oktober in den deutschen Kinos.
Mit Wotan Wilke Möhring sprach Claudia Spitzkowski.