Kaum ein Spieler der NFL ist so wertvoll wie Quarterback Lamar Jackson. Das zeigt sich immer dann, wenn er ausfällt wie zuletzt. Da jedoch keiner so recht weiß, wie es ihm geht und wann er zurückkehrt, schwebt er stets trotz Abwesenheit über allem. Und auch seine Zukunft bleibt ein großes Mysterium.
Die Baltimore Ravens sind seit einigen Jahren steter Anwärter auf den Super Bowl und in jeder Favoritenliste immer weit oben anzutreffen. Das galt auch vor dieser Saison unter dem neuen Head Coach Jesse Minter. Doch nach ordentlichem Start in die Saison steht man plötzlich bei einer mauen Bilanz von 4-3 und hat zuletzt zwei Spiele in Serie verloren. Der Hauptgrund dafür? Ein erneuter Ausfall von Lamar Jackson, der sich nun auch schon wieder drei Wochen hingezogen hat.
Am 4. Oktober verließ Jackson das Spiel gegen die New York Jets mit einer Knöchelverletzung. Es hieß, es sei nicht so schlimm. Dennoch trainierte er anschließend nicht und hat seither nicht mehr gespielt. Frühestens am kommenden Sonntag im Spitzenspiel gegen die Buffalo Bills (So., ab 19 Uhr live bei RTL) wird er zurückerwartet. Jedenfalls ist das die aktuelle Spekulation. Mittlerweile trainierte er aber immerhin wieder. Doch bei ihm will das noch nicht viel heißen.
Selbst fast vier Wochen nach der Verletzung ist in der sonst so transparenten NFL niemandem klar, was Jackson genau hat. Die Rede war jüngst von einer Syndesmoseverletzung, die normalerweise eine Ausfallzeit von vier bis sechs Wochen nach sich zieht. Doch Jackson trainierte bereits in der Vorwoche wieder eingeschränkt, ehe am Samstagabend die Nachricht kam, dass er doch ausfallen würde. Das so wichtige Spiel gegen die Cincinnati Bengals ging dann auch verloren (13:35) – was eher an der löchrigen Defensive lag nach einer klaren Führung zu Beginn, aber das ist eine andere Großbaustelle dieses Teams.
Fragezeichen wie ein roter Faden
Bei Jackson jedenfalls zieht sich diese Situation und die Kommunikation darüber wie ein roter Faden durch seine Karriere. Er ist einer der besten Quarterbacks der NFL, seit er 2018 in die Liga gekommen ist. Seither hat er zwei MVPs gewonnen und hätte objektiv betrachtet wohl auch 2024 diese Auszeichnung bekommen müssen – sie ging stattdessen an seinen kommenden Gegner Josh Allen trotz schlechterer Saison. Wenn Jackson spielt, ist er mit all seinen Fähigkeiten kaum zu stoppen, weder auf dem Boden, noch durch die Luft. Doch wird er auch immer wieder von Verletzungen gebeutelt. Nur in der Saison 2024 machte er alle 17 Spiele einer Saison. 2021 und 2022 verpasste er jeweils fünf Partien, im Vorjahr deren vier.
Als er im Vorjahr jedoch zurückkam, war er offenkundig nicht er selbst. Eine Oberschenkelverletzung plagte ihn auch nach seiner Rückkehr und führte zu einem Quarterback, der nicht die Extraklasse zeigte, für die er eigentlich steht. Die Ravens verpassten die Playoffs. Vor wenigen Tagen sprach Jackson, der relativ selten spricht und noch seltener, wenn er verletzt ist, über diese Zeit und erklärte, dass es „dumm“ war, auf die Zähne zu beißen. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich bei 100 Prozent sein muss“, sagte Jackson. „Wenn ich rausgehen kann und nur leichte Schmerzen habe, kann ich spielen. Wenn ich aber eingeschränkt bin und nicht das machen kann, was mich auszeichnet, helfe ich niemandem.“
Noch weniger jedoch hilft Lamar Jackson, wenn er nicht spielt. Dann nämlich wird aus einer erfolgreichen Offense, die jeder fürchtet, ein Trümmerhaufen. Das Team ist dann deutlich weniger effizient, produziert im Schnitt rund zwei Yards weniger pro Spielzug und nicht mal mehr die Hälfte der offensiven Touchdowns (14:5). Backup Tyler Huntley mag einen soliden Job machen, doch die Dynamik und Jacksons Effizienz und Explosivität im Passspiel geht dem Team merklich ab, sodass auch das Laufspiel keine positiven Ergebnisse mehr liefert trotz Superstar-Running-Back Derrick Henry.
Will man also konkurrenzfähig sein gegen die mächtigen Bills (5-1), dann muss der Quarterback spielen. Doch wird er auch? Die Ravens sind dieser Tage noch weniger gesprächig, was Verletzungen betrifft, als in früheren Tagen unter Head Coach John Harbaugh, dessen ungewohnt genervter Unterton im Vorjahr in Bezug auf Jacksons damalige Verletzung wohl auch ein Faktor bei dessen Abgang gewesen sein mag. Nachfolger Minter sagt nun noch weniger: „Wenn wir der Meinung sind, dass es für ihn das Beste ist, auf dem Feld zu stehen, dann wird er auf dem Feld stehen.“ Das kann diese Woche sein oder in einem Monat. Man weiß es nicht.
Generell jedoch weiß man relativ wenig über Jackson. Er hat keinen Agenten, führt entsprechend Verhandlungen mit den Ravens selbst – beraten wird er höchstens durch seine Mutter. Entsprechend sind konkrete Infos zu seinem tatsächlichen Fitnessstand auch kaum zu bekommen – üblicherweise kommen solche über Agenten zu Reportern. Klar scheint nur, dass Jackson, wenn er wieder fit ist, dem Team helfen wird.
Jackson hält die Zügel in der Hand
Das jedoch sagt noch weniger über die längerfristige Zukunft aus, die Ravens-Besitzer Steve Bisciotti eigentlich schon längst geklärt wissen wollte. Im Frühjahr noch sagte er erstaunlich offen auf der Pressekonferenz zur Trennung von Harbaugh, dass er gerne mit Jackson einen ähnlichen Vertrag wie beim letzten Mal aushandeln würde – mit angehobenen Bezügen versteht sich. Was daraus wurde? Bis heute gar nichts.
Durch die komplexen Salary-Cap-Regeln der NFL haben sich die Ravens in Ermangelung einer Einigung mit Jackson in diesem Jahr auf einen Kompromiss eingelassen, um die Cap-Last für die laufende Saison zu senken. Dabei wurde Jackson ein Großteil seines diesjährigen Gehalts als Signing Bonus ausgezahlt, wodurch der Betrag bilanziell auf mehrere Jahre aufgeteilt wird – ein gängiger Schritt in solchen Fällen. Das Problem jedoch ist, dass Jacksons aktueller Vertrag nach der Saison 2027 ausläuft. Derzeit würde er mit heftigen 84 Millionen Dollar gegen die Gehaltsobergrenze in dem Jahr zählen. Und sollte der Vertrag über 2027 hinaus nicht verlängert werden, fielen im Anschluss nochmal 75 Millionen Dollar an, selbst wenn er dann nicht mehr unter Vertrag stünde.

Flowers läuft nach Screen allen davon
Jackson, der ohne die Expertise eines Agenten verhandelt, hat in seinen damaligen Fünfjahresvertrag im Wert von 260 Millionen Dollar zwei entscheidende Punkte schreiben lassen: Er hat sowohl eine No-Trade-Klausel als auch eine No-Tag-Klausel. Das heißt: das Team kann ihn weder gegen seinen Willen zu einem anderen Team schicken, noch hat es nach Ende des Vertrags die Möglichkeit, ihn per Franchise Tag noch ein weiteres Jahr gegen sein Einverständnis zu halten. Sprich: Jackson hat alle Zügel in der Hand und kann über seine weitere Zukunft komplett selbst entscheiden.
Rein sportlich ist Lamar Jackson ohnehin unersetzlich für Baltimore, doch auch rein wirtschaftlich können es sich die Ravens kaum leisten, ihren Quarterback zu verlieren. Wenn er spielt, sind sie Titelanwärter, wenn nicht, müssen sie um die Playoffs bangen. Und wenn sie ihn verlieren, verbauen sie sich auf mehreren Ebenen ihre Zukunft. Jackson, der sich im Grunde nie zu Vertragsdetails und eben auch nicht zu seiner Gesundheit äußert, ist das Zünglein an der Waage für alles, was in naher und ferner Zukunft in Baltimore passiert. Das macht ihn zu einem der mächtigsten Spieler der NFL. Und zu einem großen Mysterium, denn keiner weiß derzeit, woran man bei hm in so vielen Bereichen ist.
Verwendete Quelle: ntv.de
