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Politik

„Looksmaxxing“: Was steckt hinter dem Social-Media-Trend?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 18, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 18.05.2026 • 19:49 Uhr

Sie wollen „männlicher“ aussehen und zertrümmern dafür mit einem Hammer ihre Gesichtsknochen. Hinter dem Social-Media-Trend „Looksmaxxing“ steckt allerdings mehr als ein Schönheitsideal, sagt Autor Anıl Altıntaş.

Von Johanna Sagmeister, rbb

Dumpfe Schläge, knackende Knochen: In kurzen Videoclips schlagen sich junge Männer mit Hammern oder Plastik-Gegendständen ins Gesicht – wieder und wieder, festgehalten für ein Millionenpublikum im Internet. Was wie eine verstörende Mutprobe wirkt, ist Teil eines Schönheitstrends, der sich in sozialen Netzwerken verbreitet.

Unter dem Schlagwort „Bonesmashing“ versprechen sich junge Männer durch die gezielt herbeigeführten Verletzungen ihrer Wangenknochen eine markantere Gesichtsform. Der Trend reiht sich ein in eine Vielzahl von Schönheitspraktiken, die auf ein ganz bestimmtes Männerbild einzahlen soll und „Looksmaxxing“ heißt. Es geht um Schönheit, Männlichkeit, Selbstoptimierung. Zum Teil auf harmlose Art und Weise, zum Teil aber auch sehr extrem. Die Botschaft: Attraktivität sei entscheidend für sozialen Erfolg.

Attraktivität per Punkteskala

Klar ist: Schöne Menschen haben Vorteile. Studien belegen, dass sie für vertrauenswürdiger und schlauer gehalten werden, bessere Noten oder mildere Urteile bekommen. Die Influencer, die auf TikTok, Instagram und YouTube ihren männlichen Followern „Looksmaxxing“ predigen, messen Attraktivität allerdings auf einer von ihnen erfundenen Punkteskala, mit der sie die jeweiligen Gesichtsproportionen bewerten. Wer in den unteren Stufen landet, ist demnach ein „Sub“, oder „Untermensch“.

„Untermensch“ ist eine Bezeichnung von Nazis für Juden. Solche Anklänge an rechtsradikale bis rassistische Denkmuster sind nicht zufällig, denn aus dieser Ecke kommt „Looksmaxxing“, entstanden in den Echo-Kammern der frauenfeindlichen „Manosphere“. Ihre Inhalte richten sich mit frauenverachtenden Aussagen besonders an junge Männer und Jugendliche, um Bilder einer starken Männlichkeit zu verbreiten.

Sie propagieren in sozialen Netzwerken stereotype Geschlechterrollen, stellen Männer als „Opfer“ der Gleichberechtigung dar und verharmlosen oder rechtfertigen Gewalt gegen Frauen. Laut Amadeu-Antonio-Stiftung handelt es sich um einen losen digitalen Zusammenschluss verschiedener misogyner, sexistischer und antifeministischer Strömungen mit Verbindungen zur rechtsextremen Szene.

„Looksmaxxing“: Wunsch nach Kontrolle

„Looksmaxxing ist kein Schönheitstrend“, sagt Anıl Altıntaş. Der Autor und politische Bildner beobachtet „Looksmaxxing“ mit Sorge. „Mit dem Versprechen nach Männlichkeit wird einerseits Orientierung und Selbstwirksamkeit geschaffen und gleichzeitig aber auch durch die Hintertür eine starke Botschaft von Misogynie und einer männlichen Dominanz“, sagt Altıntaş.

Besonders problematisch ist laut Altıntaş, dass jungen Männern vermittelt werde, sie könnten gesellschaftliche Probleme allein durch Selbstoptimierung lösen. „Ihnen wird versucht, individualisierte Lösungen für kollektive Probleme zu verkaufen.“ Das führe zu einem unerreichbaren Ideal und wachsender Frustration, ein „Fass ohne Boden“, wie Altıntaş sagt, weil ein Ziel suggeriert werde, das nicht erreicht werden könne. „Daraus entsteht eine Form der Einsamkeit und Enttäuschung, weil man dieses Idealbild nicht erreichen kann.“

Eine Metastudie der Universitäten Kaiserslautern-Landau und Kassel zeigt, welche Dynamiken daraus entstehen können. Demnach befürworten Männer, die sich in ihrer Männlichkeit verunsichert fühlen, stärker eine aggressivere Politik, sprachen sich eher für Waffen aus, für größere, schwerere Autos und sprachen Frauen und sexuellen Minderheiten gleiche Rechte ab. Sie versuchten also, stärker den vorherrschenden männlichen Stereotypen zu entsprechen. Die Forschenden sehen darin ein gesamtgesellschaftliches Risiko: Denn auch die politischen Einstellungen von den verunsicherten Männern drifteten stark in konservative und autoritäre Richtungen.

Frauen als Objekte der Begierde

Dass es beim „Looksmaxxing“ und ähnlichen Trends um reine Äußerlichkeiten gehe, sei ein weiteres Problem, sagt Anıl Altıntaş. „Es geht nicht um Fürsorge oder emotionale Reife, sondern im Gegenteil um Status- und Dominanzdenken und um eine spezifische Objektifizierung, die auch Frauen keine Emotionalität zugesteht, sondern sie als Objekt der Begierde und auch der Kontrolle reduziert.“

In den Workshops an den Schulen bemerke Anıl Altıntaş, dass die Jungs „total offen“ für das Thema Männlichkeit seien. Es fehle aber an Medienkompetenz. Denn bei vielen Fitness-Influencern wirke der Inhalt auf den ersten Blick harmlos. Grundsätzlich habe niemand etwas gegen Körperhygiene und Schönheits-Routinen, sagt Altıntaş. Es sei deshalb nicht immer leicht zu erkennen, welche ideologischen Hintergründe die Influencer hätten, mit wem sie vernetzt sind. „Die Frage ist, was ist da überhaupt Fake News, was ist Desinformation? Was auch falsche Versprechen? Dieses Hinterfragen passiert dann eben nicht“, sagt er.

Emotionale Verunsicherung bei Männern

Jungen, die sich etwa für Fitness oder Luxusautos interessieren, bekommen vom TikTok-Algorithmus verstärkt Inhalte rechtsextremer Akteure oder der sogenannten „Manosphere“ angezeigt. Das zeigen Qualitative Analysen des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI). Diese Inhalte knüpften gezielt an Gefühle wie Einsamkeit oder Frustration an. Diese Inhalte würden vor allem deshalb wirken, „weil sie gezielt emotionale Verunsicherung aufgreifen“, schreiben die Autoren.

In einer Analyse von 300 Manosphere-Clips wurden typische Muster sichtbar: Thematisiert werden schmerzhafte Beziehungserfahrungen, die gefühlte Abhängigkeit von Frauen, Eifersucht, Misstrauen und Einsamkeit. „Explizit und eindringlich wird die Schuld bei Frauen und ihrer niederen Art verkündet“, so das Fazit.

Um gegen frauenfeindliche und teils auch gewaltverherrlichende Männlichkeitsbilder vorzugehen, gibt es unterschiedliche Ansätze. Anıl Altıntaş setzt auf persönliche Gespräche, sogenannte „Peer-to-Peer“-Arbeit. Dabei geht es darum, dass die Jugendlichen einen Gegenentwurf zu gewaltlegitimierenden und gewaltnahen Männlichkeiten kennenlernen, die sie als gleichberechtigt erleben. So kann ein Gegenentwurf entstehen zu den digitalen Erzählungen von Dominanz und Selbstoptimierung, der die Voraussetzung dafür ist, dass Männlichkeit nicht als Wettbewerb, sondern als soziale und lernbare Rolle verstanden wird.

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