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Politik

Pflege: Mehr Bedürftige, höhere Ausgaben, großer Reformbedarf

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerMai 19, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 19.05.2026 • 16:54 Uhr

Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst auch 2026 weiter. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen warnt in seiner heute vorgestellten Bilanz vor einer Überforderung der Pflegeversicherung. Es brauche mehr Geld für Prävention.

Anke Hahn (RBB)

Wenn sich die Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen zur Überprüfung der Pflegebedürftigkeit bei Antragstellern anmelden, sind viele Versicherte in Sorge. Die Fachleute gelten als strenge Bewerter, um die Finanzmittel der Pflegekasse nicht zu überfordern. Das heißt für viele der alten und kranken Betroffenen manchmal, dass sie leer ausgehen, obwohl sie glauben, dringend Hilfe zu benötigen.

Dennoch steigt die Zahl derer, die Geld von der Pflegeversicherung bekommen kontinuierlich. Die alternde Gesellschaft lässt sich nicht wegrechnen.

Bereits sechs Millionen Menschen bezogen 2025 Leistungen aus der Pflegeversicherung. Das sind doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Im vergangenen Jahr wurden drei Millionen Menschen vom Medizinischen Dienst begutachtet, fast 80 Prozent von ihnen wurde ein Pflegegrad zuerkannt und damit das Anrecht auf Pflegegeld und Sachleistungen.

Oft handelt es sich dabei nicht um sogenannte Erstbegutachtungen. Bei vielen steigert sich nur der Pflegegrad. Die Ausgaben der Pflegeversicherung werden trotzdem immer höher. Mehr als 70 Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr.

Teure Pflegeheime

Dass es nicht noch mehr ist, liegt vor allem daran, dass nur etwa jeder Fünfte in einer stationären Einrichtung betreut wird. Heime sind die teuerste Art der Versorgung. Die Kassen geben etwa 20 Milliarden Euro dafür aus. Um hier zu sparen, hat die Bundesregierung darüber nachgedacht, die Zuschüsse für Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen künftig nicht mehr sofort zu zahlen, sondern erst nach einer längeren Zeit in der Einrichtung.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung bestätigt zwar, dass die Pflegeversicherung entlastet werden muss, lehnt die Idee aber trotzdem ab. Nach größeren Protesten wurden die Pläne erst einmal nicht weiterverfolgt.

Schon jetzt beträgt der Eigenanteil der Heimbewohner im ersten Jahr im Schnitt 3.245 Euro monatlich, wenn der Zuschuss der Kasse nach hinten verschoben würde, müsste er noch stärker steigen.

Die DAK hat in einer Studie ermittelt, dass die Gefahr bestünde, dass im Jahr 2035 bereits 46,2 Prozent der Pflegeheimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen sein könnten. Kaum jemand bezieht eine kostendeckende Rente oder verfügt über ausreichend hohe Rücklagen.

GKV-Spitzenverband fordert vom Bund „Ehrlichkeit“

Oliver Blatt, der Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, fordert von den Ländern, ihrer Verpflichtung zur Übernahme der Investitionskosten nachzukommen. Derzeit zahlten die Bewohner mit ihren Eigenanteilen diese Kosten. Doch das sei gar nicht ihre Aufgabe. Im Schnitt um 500 Euro könnten die Eigenanteile so sinken. Der GKV-Spitzenverband fordert vom Bund mehr „finanzielle Ehrlichkeit“ und mehr nachhaltiges Engagement.

Die Pflegeversicherung habe in der Corona-Zeit Zahlungen geleistet, die eigentlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe seien, so sieht es der GKV-Spitzenverband. Auch die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige werden derzeit von der Versicherung gezahlt, doch das sei nicht ihre Zuständigkeit. Zusammen mit den stetig steigenden Ausgaben und der wachsenden Zahl von Pflegebedürftigen wachse das Defizit der Pflegeversicherung dadurch.

Nur durch Darlehen des Bundes könne die Zahlungsunfähigkeit vermieden werden. Reformen seien also dringend geboten, sagt Oliver Blatt. Allerdings dürften sie nicht immer nur auf Kosten der Versicherten gehen.

Mehr Investitionen in Prävention

Zusätzlich wäre es notwendig, mehr in die Prävention zu investieren, um den Zeitpunkt einer Pflegebedürftigkeit nach hinten zu verschieben. Da 80 Prozent aller Menschen, die Leistungen aus der Pflegeversicherung beziehen, zu Hause betreut werden, sei auch die Entlastung von pflegenden Angehörigen eine Prävention. Denn die Pflege zu Hause übernehmen oft Ehepartner, die selbst ein höheres Alter haben.

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen sieht in der Prävention hier inzwischen eine seiner Hauptaufgaben. Zum einen geben die Fachleute den Betroffenen Tipps, wie etwa Stürze vermieden werden können und andere Risikofaktoren wie Adipositas, Bewegungsarmut oder Einsamkeit vorgebeugt werden kann. Zum anderen fordert Carola Engler, stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Medizinischen Dienstes, eine bessere Zusammenarbeit und Vernetzung von Medizinischem Dienst, Pflegekassen und Leistungserbringern wie zum Beispiel Ärzten.

Die Zeit drängt

Oft sprechen die Gutachter des Medizinischen Dienstes Empfehlungen für Heil- und Hilfsmittel aus, wie etwa Physiotherapie oder Gehhilfen, Dusch- oder Badehilfen. Doch die Betroffenen oder ihre pflegenden Angehörigen müssten diese Empfehlungen dann per Rezept oder Antrag einfordern und das klappe oft nicht. Wenn das einfacher geregelt wäre, könnten die Betroffenen und ihre pflegenden Angehörigen leichter Hilfe im Alltag bekommen und für die Pflegeversicherung wäre es am Ende auch billiger.

Wer länger selbständig zu Hause leben kann, brauche keinen höheren und teureren Pflegegrad und muss womöglich nicht in ein vollstationäres Heim. Für die Angehörigen wäre das ebenfalls eine Entlastung.

Medizinischer Dienst und Gesetzliche Krankenversicherung gehen davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren noch weiter zunehmen wird. Die derzeitige Pflegeversicherung wird das aus ihrer Sicht nicht leisten können. Sie fordern vom Gesetzgeber eine Reform, die die Finanzen der Pflegeversicherung nachhaltig stabilisiert. Ihre Botschaft heute: Die Zeit drängt!

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