Berlin Tag & MachtMerz sucht Lösungen – seine Partei schon seinen Nachfolger?

Die Bundesregierung wirkt inzwischen wie Reality-TV mit Koalitionsvertrag: Friedrich Merz sehnt sich nach Erfolgen, seine Kritiker nach Hendrik Wüst. Und in Kiel wird Aminata Touré zum Symbol einer neuen Ära: der TikTok-Politik.
Es waren harte Monate für satirisch ambitionierte Nachwuchs-Kolumnistinnen im Berliner Regierungsviertel. Als Friedrich Merz am 6. Mai 2025 erst im zweiten Wahlgang zum Kanzler gewählt wurde, galt das nicht unbedingt als Machtdemonstration. Heute ahnt man: Es könnte bereits der Höhepunkt der Legislatur gewesen sein. Der Ruck durch die Republik entstand damals allerdings weniger aus der Hoffnung, mit Merz hätte endlich der Steve Jobs des Politikgeschäfts das Ruder übernommen, sondern eher aus der Erleichterung über das Ende der Ampel-Koalition.
Immerhin hatten regierungsskeptische Medien, hartrechte Social-Media-Generalexperten und fragwürdige Koalitionskommunikation ein Bild der Ampel skizziert, als würde Robert Habeck persönlich die Reihenhäuser fleißiger Rentner enteignen, weil sie keine Wärmepumpe einbauen, und Annalena Baerbock (seinerzeit Außenministerin) hauptsächlich Fahrradwege in Peru bauen, auf denen man nur fahren darf, wenn man ein Manifest zum Genderzwang unterzeichnet hat.
Hach, die Ampel. Das waren Zeiten. Viele erinnern sich. Da gab es sogar die FDP noch. Die einzige Oppositions-Partei der 77-jährigen Bundestagshistorie, die aus der Regierungskoalition operierte. Seither vegetiert Schwarz-Rot in einer Art institutionalisiertem Déjà-vu. Das Kabinett Merz wurde in Rekordzeit zum politischen Endlos-Loop aus Schuldzuweisungen und Durchstechereien. Nicht Reformen prägen das öffentliche Bild, sondern Umgangsformen, die gelegentlich an den Pausenhof einer Berliner Brennpunktschule erinnern. Und so kehrte die Unzufriedenheit beim Wähler zuverlässiger zurück als „Last Christmas“ in die November-Playlists der Radiosender.
Doch dann: die journalistische Rettung. Während viele Hauptstadtreporter händeringend versuchten, neue Zeilen zur selben Situation zu verfassen, gibt es plötzlich Bewegung im Parlament: Stehen wir vor der ersten Woche für das Regierungsteam Merz, in der man nicht den Eindruck bekommt, die Bundesregierung bestehe lediglich aus Friedrich Merz – und aus Dingen, die Bärbel Bas gesagt, aber dann doch nicht so gemeint hat? Die sogenannte Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, und dabei muss sie offenbar an Hendrik Wüst vorbei. Der Ministerpräsident des einwohnerstärksten Bundeslandes, Nordrhein-Westfalen, wird plötzlich unionsintern als Kandidat gehandelt, um mitten in der Legislatur außerplanmäßig das Cockpit im Kanzlerjet zu übernehmen.
Sind das alles nur (Achtung!) Wüst Spekulationen?
Was für eine Meldung. Plötzlich bebt es rund um den Reichstag, als hätte Angela Merkel in einem Interview gesagt: „22 Prozent in den letzten Umfragen, meine Fresse, dann mache ich es eben wieder selbst!“ Verständlich. Der Kanzler ist erst gut ein Jahr im Amt und hochrangige CDU-Koryphäen sollen bereits in Nachfolgefantasien schwelgen. Da reiben sich Politpresse und Boulevard gleichzeitig die Hände. Wird die CDU wirklich zum großen Kanzler-Casting aufrufen?
Dass es nach nur zwölf Monaten Schwarz-Rot schon ein DSDS geben könnte, ein „Deutschland sucht den Superkanzler“, hätte selbst RTL als zu unrealistisch abgelehnt. Auch, wenn Amtsinhaber Merz von Jurychef Dieter Bohlen bislang immer ein klares „Nein“ erhalten hatte, war man sicher, der Kanzler schaffe es irgendwie noch in den Recall. Aber selbst die nicht unbedingt als Speerspitze der Kanzlerkritik geltende F.A.Z. kommentierte diese Woche: „Wüst gegen Merz, das scheint unausweichlich“. Unausweichlich, das klingt ziemlich nach Realität.
Gründe für eine Kanzler-Personaloperation am offenen Legislaturherzen gäbe es. Für Wüst sprächen Buzzwords wie Generationenwechsel, Social-Media-Tauglichkeit, moderne politische Selbstinszenierung oder Sympathiewerte. Letztere sind bei Merz derartig abgestürzt – wäre der Kanzler eine Aktie, hätte man den Handel ausgesetzt. Andererseits: Sympathien sind keine Wahlergebnisse. Wären sie das, hieße der Kanzler Boris Pistorius. Plus: Sympathien ändern sich. Das sieht man aktuell am Comeback der FDP-Nachwuchshoffnung Wolfgang Kubicki. Den hatten die meisten bereits aus ihren Erinnerungen gelöscht. Und doch brauchte er nur einen einzigen hemdsärmeligen Selfie-Auftritt vor einer mallorquinischen Tankstelle, um sich aus dem Nichts wieder zurück in die Top 5 der beliebtesten Politiker in der „Bild“-Zeitung zu katapultieren.
Ich persönlich halte es für unwahrscheinlich, dass Wüst im Jahr vor den Wahlen in NRW seinen Ministerpräsidentenjob zugunsten des Himmelfahrtskommandos einer putschartigen Kanzleramtsübernahme aufgibt. Nicht, weil er nicht Kanzler werden wollte. Ich bin überzeugt, die Staatskanzlei in Düsseldorf ist nicht das letzte Ziel seiner Karriereplanung. Aber Wüst ist 50. Er kann warten, bis sich das Thema Merz erledigt, ohne dass er zum Königsmörder wird – in einer politischen Gesamtsituation, in der keinesfalls sicher wäre, dass ein Soforttausch überhaupt nachhaltig positive Effekte erzielen würde. Einen Kanzler könnte man loswerden. Den Koalitionspartner nicht. Und vielleicht sitzt das eigentliche Problem nicht im Kanzleramt, sondern im Koalitionsvertrag.
Hendrik Wüst führt ein Bundesland, Aminata Touré will das auch
Personaldebatten retten diese Woche übrigens auch das verschlafene Schleswig-Holstein vor der medialen Bedeutungslosigkeit. Grünen-Politikerin Aminata Touré, Ministerin für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration und Gleichstellung in Kiel, strebt nach Höherem. Und zeichnet dabei ein Bild des Wahlkampfes der Zukunft. Früher gaben Parteien auf langweiligen Pressekonferenzen vor verstaubten Tischmikrofonen ihre Spitzenkandidaten bekannt. Heute wirkt eine solche Ankündigung eher wie der Launch eines neuen Longevity-Start-Ups. Mit Daniel Günther und Touré als Galionsfiguren bekommt Schleswig-Holstein womöglich den ersten Wahlkampf, der aussieht wie eine Mischung aus Grüne-Jugend-Parteitag, TikTok-Kampagne und LinkedIn-Keynote.
Das wäre übrigens nicht schlimm. Man könnte gut ableiten, wie sich Politik verändert: sie wird mehr und mehr wie Influencer-Kommunikation inszeniert. Die Kandidaten sind keine Anzugträger mehr, die Akten mit langweiligen Beschlüssen durch die Gegend tragen. Sie sollen zu Polit-Stars werden, die ihre Zielgruppen über Smartphone-Displays rekrutieren. Begriffe wie Landesvater, Parteiapparat, Ochsentour oder Hinterzimmer sind verstaubt. Branding, Team-Hashtag, Diversity und Personality-Politik, das sind Genres, mit denen man neue Generationen bindet.
Aminata Touré passt in diese neue Zeit. Und große Ziele zu haben, ist nie falsch. Ich zum Beispiel möchte Heidi Klums Nachfolgerin bei GNTM werden. Realkulturpolitisch betrachtet sind Tourés Chancen größer. Aber auch ihr Gegenwind. Kaum hatte sie ihren Hut in den Ring geworfen, hagelte es Hass. Bei der „Welt“ etwa attestierte man in den Leserkommentaren: „Sie spricht ja schon ganz gut Deutsch!“ Für AfD-nahe Kommentarspalten-Rambos ist es wohl schwer zu ertragen, wenn eine in Neumünster geborene nicht-weiße Frau besser Deutsch spricht als sie selbst.
Als Rahmen für ihre Kandidatur-Ankündigung wählte Touré ein „Zeit“-Interview. Darin übt sie Selbstkritik an der Woke-Bewegung und räumt Fehler ein: Begriffsdebatten statt Substanz. Ob diese Ehrlichkeit, mit der man in linksaktivistischen Milieus bereits als Nestbeschmutzerin gilt, Taktik oder Überzeugung ist, wird sich zeigen. Vielleicht hat Aminata Touré verstanden, dass viele Millionen Wähler Identitätspolitik nicht ablehnen, weil sie reale Benachteiligungen für nicht existent halten, sondern weil sie in diesen Zeiten Themen wie Inflation, Energiepreise, Sicherheit, Altersarmut, geopolitische Krisen oder Demokratievertrauen als deutlich vorrangig betrachten. Wenn ihre Woke-Kritik auf dieser Erkenntnis fußt, kann sie Ministerpräsidentin werden. Gut genug Deutsch, das wissen wir glücklicherweise von intelligenzasketischen Diskurs-Bereicherern, spricht sie ja.
