Leben auf „Yesteryear“Tradwife-Perfektionismus wird zum Albtraum

Seit Anfang der 2020er Jahre sind sie überall im Internet, die sogenannten Tradwifes. Frauen, die scheinbar in Ehe, Haushalt und Kindern die absolute Erfüllung finden. In „Yesteryear“, dem Debüt von Caro Claire Burke, wird das Zeitgeistphänomen nun bitterböse Literatur.
Natalie hat das perfekte Leben: einen gut aussehenden, reichen Cowboy-Ehemann, fünf wunderschöne Kinder und eins auf dem Weg, eine atemberaubende Farm in den Weiten von Idaho und acht Millionen Follower. Jedes Sauerteigbrot, jeder Gang mit den Kindern in den Hühnerstall, um Eier zu holen, jede Geburt ist Content, Inhalt für die Social-Media-Kanäle.
Schon als junge Frau ist Natalie konservativer und religiöser als ihre Kommilitoninnen in Harvard. Sie ist beseelt von dem Gedanken, die perfekte, die ideale christliche Hausfrau zu werden. Den dazu passenden Mann findet sie in Caleb, dem jüngsten Sohn einer politisch ambitionierten und vor allem reichen Familie.
Sie beendet ihr Studium ohne Abschluss und trotzt ihrem Schwiegervater die millionenteure Ranch ihrer Träume ab – „Yesteryear“. Der wiederum besteht darauf, dass Natalie ihrem Sohn die Bilderbuchfamilie hinstellt, die eine konservative politische Karriere braucht. Leider erweist sich Caleb als deutlich weniger durchsetzungsstark als die anderen Männer seiner Familie, weder als Cowboy noch beim Sex tut er sich besonders hervor, doch das macht Natalie locker wett.
Wie „eine Nonne in einem Porno“
Denn sie ist eine „Bilderbuchchristin. Das All-American-Dream-Girl, ein hottes, emsiges Bienchen, das durch die abgründigsten, dunkelsten Fantasien der Nation summt. Die Mutter, die jede Frau sein wollte, und die Frau, von der sich jeder Mann wünschte, dass sie zu Hause auf ihn wartete. Wie eine Nonne in einem Porno – völlig abwegig, aber bei Gott, es funktionierte.“ Denn Natalie hat entdeckt, wie sie das Internet und ihre Followerinnen mit Tradwife-Content füttern kann.
Schnell verabschiedet sie sich davon, ihren wirklichen Alltag zu zeigen, stattdessen werden ihre Inszenierungen immer perfekter. Hinter den Kulissen kümmern sich längst zwei Kindermädchen um die größer werdende Kinderschar: Clementine ist die Älteste und im Netz das Kind, das Natalie „zur Mutter machte“, Samuel und Stetson sieht sie und mit ihr Millionen Konsumenten als „ihre kleinen Männer“, dann sind da noch Jessa und die kleine Junebug, Teil der Mädchenschar und „Regenbögen und Flausch in Menschengestalt“, und das Engelchen in ihrem Bauch – Kind Nummer sechs.
Die Videos entstehen bei sorgfältig geplanten Dreharbeiten, dafür gibt es eine angestellte Produzentin. Von all den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ahnen die Follower nichts und natürlich gibt es auch dafür eine einleuchtende Antwort, denn sie gehören ja praktisch zur Familie und nie könnte sich Natalie verzeihen, „wenn sie gegen ihren Willen auf meinem Social-Media-Account präsent wären“. Konflikte oder Skandale gibt es in dieser heilen Welt ohnehin nicht, hier misslingt kein Braten, hier hält Baumwolle ewig und Männer küssen ihre schwangeren Frauen filmreif im Abendlicht auf den Mund. Natalie findet in dieser Inszenierung die perfekte Umsetzung ihres geradezu übermächtigen Bedürfnisses nach Kontrolle und Bewunderung. Selbst die „wütenden Weiber“, wie sie und ihr Mann sie nennen, die immer wieder kritische Kommentare unter ihren Posts hinterlassen und sie Tradwife nennen, gehören irgendwie dazu. Schließlich kann Natalie voller Glück und Güte auf sie reagieren. Dass sie ihr dieses perfekte Leben neiden, steht ohnehin fest.
Was, wenn es wirklich so wäre?
Bis Natalie eines Tages in einem fremden Leben aufwacht. Ihr Mann ist immer noch Caleb, aber dieser „Alte Caleb“ ist dominant und durchsetzungsstark. Auch ihre Kinder sind ihr vertraut, sie heißen nur irgendwie anders: Mary und Maeve, Abel und Noah. Sogar ihr Zuhause sieht fast genauso aus, aber irgendetwas stimmt nicht. Es gibt keine Haushaltsgeräte, keine der hinter der scheinbar traditionellen Einrichtung versteckten Annehmlichkeiten, stattdessen ein Außenklo, die Wäsche muss mit der Hand gewaschen werden, Natalie backt immer noch Sauerteigbrot, es gelingt im alten Herd nur nicht halb so gut, wie es in der Social-Media-Welt von gestern sein sollte. Und natürlich gibt es keine Angestellten.
Natalies Rolle als vorbildliche Hausfrau und Mutter, als demütige Ehefrau, ihre schöne, heile Welt mit guten alten Werten ist nun ein Albtraum. Ist es eine Zeitreise, eine Reality-Show oder eine Prüfung Gottes? Sie kommt einfach nicht dahinter, aber für sie steht fest, sie muss so schnell wie möglich fliehen. Das ist in einer Welt ohne Auto und unter den Augen aller argwöhnischen Familienmitglieder leichter gesagt als getan.
Auf den mehr als 450 Seiten, übersetzt von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn, löst Autorin Caro Claire Burke nach und nach auf, was Natalie widerfahren ist, und lotet dabei gleichzeitig die düsteren Abgründe der sozialen Medien und antifeministischer Lebensmodelle aus. Natalie ist dafür die perfekte Antiheldin, sie ist gemein, herzlos und manipulativ und trotzdem unsicher und verletzlich. Während sie Millionen von Followern etwas vormacht und damit reich wird, kann sie dem Dunkel ihrer eigenen Persönlichkeit nicht entkommen.
Nicht immer ist Burke ihrer eigenen, komplexen Fragestellung gewachsen. Wie kann Natalie Gefangene ihres Geschäftsmodells sein, wenn sie es selbst aufgebaut hat und massiv davon profitiert? Welche Verheerungen entstehen in ihren Kindern, zu denen sie längst jede emotionale Verbindung verloren hat, damit sie als Darsteller in der täglichen „Yesteryear“-Inszenierung funktionieren? Beim Lesen fühlt man sich an einige gefallene Social-Media-Stars erinnert, die plötzlich ihre Accounts stilllegten oder sogar vor Gericht standen.
In der Originalausgabe steht das Buch schon seit Wochen auf der Bestsellerliste der „New York Times“, Anne Hathaway hat sich die Filmrechte gesichert. Wer in den Sog von „Yesteryear“ gerät, wird darüber nicht verwundert sein. Denn diese Natalie hat auch einen bissigen Humor und strahlt eine Faszination aus, der man sich beim Lesen nur schwer entziehen kann. Religiöse Verirrung trifft hier auf Zeitgeist und Psychopathie und heraus kommt ein bitterböser Gesellschaftsroman.
