Oetker geht essenHier würde „Emily in Paris“ es sich schmecken lassen

Über 40.000 Restaurants, Bistrots und Brasserien soll es in Paris geben. Unser Gastro-Kritiker hat sich durchprobiert, wo es Emily Cooper schmecken würde, viel Glamour-Faktor gefunden, aber auch ein legendäres Lokal, wo sie (verständlicherweise) sofort das Weite suchen würde.
Mon dieu, Paris platzt aus allen Nähten: Vor Museen stehen ewig lange Schlangen, pittoreske Plätze werden zu Foto-Locations für Influencer – und angesagte Hotels und Restaurants sind auf Monate im Voraus ausgebucht. 50 Millionen Besucher kommen Jahr für Jahr in die Stadt der Liebe – und dank dem Netflix-Hit „Emily in Paris“ ist Frankreichs Hauptstadt beliebt wie nie. Wo würde Emily Cooper essen gehen? Naturgemäß nur in Läden gehen, die absolut angesagt und très chic sind – oder einfach legendär. Hier eine Auswahl.
Brasserie Lutetia
Das Hotel Lutetia war das erste, das in Paris im Jugendstil erbaut wurde – und die glänzende Fassade mit der leuchtenden Schrift am Boulevard Raspail strahlt heute in neuem Glanz – auch wenn die Vergangenheit durchaus ihre Schatten hatte: Schließlich gingen hier im Zweiten Weltkrieg Nazi-Offiziere ein und aus, die Gestapo hatte in dem Palais von 1942 an ihr Hauptquartier, genau wie die Abwehr der Wehrmacht. Direkt nach Ende des Krieges diente das Haus als erste Heimat für KZ-Überlebende. Bis es dann wieder seinem ursprünglichen Zweck diente: dem eines Luxushotels, sogar dem einzigen Palace-Hotel am linken Seine-Ufer.
Die Besitzer des nahen Kaufhauses Bon Marché, dem kultivierteren Kaufhaus der Pariser Haute-Volée, wollten ihren Kunden ein Hotel bieten, um den Umsatz zu steigern. Der Plan gelang. Später kamen Stars und Schriftsteller: Picasso, Matisse, Antoine de Saint-Exupéry, sie alle nächtigten in dem berühmten Haus – und sie aßen in der Brasserie im Erdgeschoss, die heute mindestens ihren dritten Frühling hat.
Seit einem Jahr gehört das Hotel zur chinesischen Mandarin-Oriental-Gruppe, die in Europa ohnehin gerade groß auftrumpft, doch es ist nicht nur eine Übernahmeschlacht, sondern auch eine Qualitätsoffensive, die spürbar ist. Das wird besonders in der Gastronomie deutlich. Da stimmt schon mal der erste Eindruck, draußen im lauschigen Wintergarten, wenn der Regen auf das Glasdach prasselt und der Verkehr auf dem Boulevard vorbeirauscht. Sofort stellt sich das Gefühl ein: Das hier ist Paris. Zauber. Liebe. Weltstadt.
Hotelrestaurants haben in Deutschland einen miesen Ruf. Weil es oft immer das Gleiche gibt, Club-Sandwich, Schnitzel, durchgebratenes Steak, Caesar-Salad. In Paris ist das anders, besonders im Lutetia. Die Karte ist vielfältig und für Lage und Hotelstandard sogar fair kalkuliert.
Das geht schon los bei der traditionellen Zwiebelsuppe, einem Pariser Klassiker: Der Sud ist schön dunkel und würzig, es gibt reichlich Käse in der Suppe und nur wenig Brot, eine perfekte Mischung. Die Seezunge wird am Tisch tranchiert und ist superfrisch, keine Frage, in Paris gibt es bei Fisch und Meeresfrüchten dank dem nahen Markt von Rungis in Europa noch immer die besten Qualitäten. Normalerweise tun sich Franzosen hingegen ja schwer mit Pasta, oft sind die Nudeln verkocht, hier aber gelingen die Linguine alle vongole perfekt al dente und die Sauce mit Knoblauch, Schalotten und den herrlichen Venusmuscheln ist grandios.
Ein Klassiker auch der Lachs „Label Rouge“, zwei Stücke, die glasig gegart wurden und dadurch noch absolut saftig sind, dazu gibt es eine sanfte Zitronensauce – ein echtes Wohlfühlgericht. Und das alles in der Atmosphäre dieses historischen Palastes – das Lutetia ist dieser Tage eine besondere Empfehlung.
Glamour-Faktor: 9/10
Geschmacks-Faktor: 10/10
Preis-Faktor: 7/10
Gesamt: 9/10
Le Relais Plaza
Die roten Markisen des Hotels Plaza Athenée auf der Avenue Montaigne, dieser teuersten aller Pariser Einkaufsstraßen, sind wie eine Landmarke für die französische Hauptstadt. Nicht nur Emily ist hier schon eingekehrt, auch Sarah Jessica Parker hat als Carrie Bradshaw in der finalen Staffel hier zwei Nächte verbracht, bevor sie endlich zu Mr. Big fand – Eiffelturm-Blick inklusive.
Das Hotel ist natürlich auch ein Palace-Standard, so heißen in Frankreich die Fünf-Sterne-Plus-Herbergen – und dank des Paris-Hypes gibt es Zimmer derzeit erst ab vierstelligen Summen pro Nacht. Ein teurer Spaß, dafür ist der Service aber auch wirklich herausragend, genau wie die Suiten im Art-Deco-Stil. Heute gehört das Haus dem Staatsfonds von Brunei, so wie viele Hotels in Paris mittlerweile fest in arabischer Hand sind.
Neben dem Sternerestaurant von Legende Jean Imbert gibt es im Haus das Le Relais als Hauptrestaurant – es bietet eine klassische französische Küche in extravaganter Form. Der Saal ist wie ein Showroom, es gibt große Blumenbouqets und eine gute Sicht durch den ganzen Raum. Da lassen sich Firmenbosse beobachten und die Ladies der besseren Gesellschaft, die am Nachbartisch über ihre Männer lästern und dabei reichlich Kaviar konsumieren.
Einen Tisch weiter sitzt Francois Delahaye, der Direktor des Hotels und einer der wichtigsten Hoteliers des Landes. Er isst hier oft zu Mittag und beobachtet dabei genau sein Serviceteam, weist auf ein leeres Glas hin oder wenn es Teller abzuräumen gibt, ein Mann, der dicht am Puls des Geschehens ist.
An diesem Mittag kann er zufrieden sein: Der Service läuft – und das Essen ist formidable. Das beginnt schon bei den Entrées: Sellerie mit Remoulade ist ein Pariser Bistrotklassiker, hier aber wird die Knolle hauchdünn aufgeschnitten und als Carpaccio serviert, darüber eine sehr leichte Remoulade mit reichlich schwarzem Trüffel. Ein Aromenkracher. Beim Salat von Chicoree wird das Gemüse roh serviert und entfaltet dadurch seine ganze Bitterkeit, dazu kommen ein Schaum von Mandarinen und karamellisierte Haselnüsse.
Im Hauptgang gibt es die große französische Küchenoper: Mit dem berühmten Fischauflauf, der hier seit 1962 serviert wird und nach dessen sahnigem Genuss es sehr schwer wird, den Nachmittag im Büro durchzuhalten. Etwas uriger sind die dünn aufgeschnittenen Bratwürste mit buttrigem Kartoffelpüree und Pfeffersauce. Das Relais Plaza ist ein Must-Visit – nur das nötige Kleingeld müssen die Gäste mitbringen.
Glamour-Faktor: 9/10
Geschmacks-Faktor: 8/10
Preis-Faktor: 5/10
Gesamt: 7/10
Le Train Bleu
Noch ein Filmspot in Paris: Wer könnte je vergessen, wie Mr. Bean am Tisch des Train Bleu seine Auster in der Handtasche der Nachbarin versteckte und sich schleunigst aus dem Staub machte? Ein Klassiker der britischen Komödie – genau wie dieser Laden der Klassiker unter den Bahnhofsrestaurants dieser Welt ist.
Kritiker beschweren sich oft, das Restaurant sei zu einer Touristenfalle verkommen – allerdings sei da doch die Frage erlaubt: Wen soll ein Restaurant, das in einem Bahnhof liegt, denn sonst empfangen, wenn nicht Reisende? Bei unserem Test lässt sich die harsche Kritik so auch wirklich nicht bestätigen. Dem Le Train Bleu wohnt auch heute ein großer Zauber inne – das Restaurant ist wie eine Zeitreise in die Belle Époque.
Der Gare de Lyon befindet sich am östlichen Rande der Stadt, hier gehen die Züge in den Süden ab und natürlich auch nach Lyon. Der Bahnhof ist zu jeder Tageszeit quirlig und laut, doch am Rande befindet sich eine breite Treppe nach oben – zum Eingang in eine ganz andere Welt. Dort, hinter dem Entrée, öffnet sich ein Saal voller blitzender Kronleuchter und Deckengemälde, es gibt lederbezogene Sitzmöbel und Kellner in Smoking mit Fliege.
Hinter der großen Bar befindet sich auch noch ein normaler Wartebereich für Reisende, es gibt bequeme Sessel und Barfood, hier muss auch nicht reserviert werden. Anders als im Hauptrestaurant, das zu den Mahlzeiten stets so gut wie ausgebucht ist. Kein Wunder, denn auch die Pariser lieben ihr „Train Bleu“, benannt nach dem Salonzug, der zur Jahrhundertwende die Reisenden an die französische Riviera brachte.
Und wie schmeckt’s in diesem Palast, während draußen die Ansagen und Bahnhofsanzeigen beweisen, wie viel pünktlicher die französische Staatsbahn SNCF als ihr deutsches Pendant abfährt? Très bon, sagt unser Test. In der Küche, für die Sternekoch Michel Rostang verantwortlich ist, findet sich eine Mischung aus Bistrotklassikern und deftigeren Gerichten aus der Region um Lyon, wohin sich gerade auf Gleis 14 ein TGV auf den Weg macht.
So ist die Paté en Croûte eine dicke Scheibe einer Terrine in Blätterteig, die mit Geflügel und Leber gefüllt ist. Dazu gibt es Rotweinbirnen, die mit ihrer schweren Süße ein bisschen zu dick auftragen. Viel besser gerät da das Doraden-Tartare mit Auster und Zitronengel, die Fischstücke sind groß und frisch und bilden eine gute Basis für diese leichte Vorspeise.
Signature-Gericht ist die Lammkeule, die auf einem silbernen Servierwagen am Tisch tranchiert wird. Allein das ist ein Erlebnis. Das Fleisch ist blutig gebraten, die Sauce dazu eine perfekte Bratensauce, auch der konfierte Knoblauch passt wunderbar. Ein echtes Stück des alten Frankreichs. Zum Nachtisch wird wieder am Tisch serviert: Die Crêpes Suzette werden mit Orangensauce und Grand Marnier in einer Pfanne erwärmt und dann mit reichlich Flammenzauber sogar flambiert – da würde auch Emily ihr Handy für ein Erinnerungsvideo zücken. Le Train Bleu – eine Zeitreise und eine richtig feine Brasserie.
Glamour-Faktor: 10/10
Geschmacks-Faktor: 8/10
Preis-Faktor: 7/10
Gesamt: 8,5/10
Au Pied de Cochon
Bienvenue im Au Pied de Cochon, einer der berühmtesten Brasserien der französischen Hauptstadt, seit sie 1947 vom Fleischermeister Clément Blanc eröffnet wurde, mitten im einstigen „Bauch von Paris“, dem Hallenviertel der Markthändler. Dort war das legendäre Lokal dafür berühmt, niemals zu schließen und dazu noch die deftigsten Fleischgerichte und vor allem die berühmte Gratinée à l’Oignon zu servieren, die grandiose Zwiebelsuppe mit dunkler Brühe und reichlich Cantal-Käse, eine wahre Aromenbombe. Die 24-Stunden-Öffnungszeiten wurden dank Corona längst eingestampft, heute ist von acht Uhr am Morgen bis fünf Uhr am Tag darauf geöffnet – es würde aber kulinarisch auch nichts machen, wenn die Sperrstunde schon um neun Uhr einsetzen würde.
Die große Frage ist nur: Warum stehen all die Menschen im Regen vor der Brasserie an, all die Asiaten, die Amerikaner, die Araber aus den Emiraten – wo einen doch nur das lukullische Grauen erwartet? Die Antwort ist ganz einfach: Paris wird jährlich von fast 50 Millionen Touristen besucht, da reicht es, wenn die Gäste einmal und nie wieder kommen.
Aus der berühmten Gratinée ist längst eine Brotsuppe geworden. Sage und schreibe 14 Schreiben Baguette befanden sich latschig und aufgeweicht unter der geschmacksfreien Emmentaler-Käsekruste, dafür gab es wiederum nur zwei dünne Scheibchen Zwiebeln und vor allem war die Brühe derart wässrig und fad, dass hier garantiert nie etwas wirklich Feines ausgekocht worden war.
So wild ging es weiter: Mit einer Entenkeule, die mindestens zwei Stunden übergart war, schwarz hing das Fleisch an den kleinen Knochen. Die Kartoffeln waren vorgekocht, aber mindestens am Vortag. Der Wein war schal, die Moules Marinières rochen entsetzlich nach Fisch. Und alles wurde serviert von einem wirren Serveur, der erst den Korken abbrach und nach seiner Pause so schrecklich nach Zigarettenrauch stank, dass er einem fast leidtun konnte. Der Schweinefuß ist derzeit wirklich der Inbegriff einer Touristenfalle – das hätte Emily sogar in ihrer ersten Paris-Woche schon begriffen.
Glamour-Faktor: 2/10
Geschmacks-Faktor: 1/10
Preis-Faktor: 3/10
Gesamt: 2/10
