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Startseite»Nachrichten»Wieduwilts Woche: Als Mario Voigt über eine verdummende Mittelmaßmaschine stolperte
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Wieduwilts Woche: Als Mario Voigt über eine verdummende Mittelmaßmaschine stolperte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 13, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Wieduwilts WocheAls Mario Voigt über eine verdummende Mittelmaßmaschine stolperte

13.06.2026, 06:28 Uhr Eine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
Berlin-Deutschland-Bundesrat-1065
Hat chronisch Pech mit seinem Schriftwerk: Thüringens Ministerpräsident Voigt. (Foto: picture alliance / dts-Agentur)

Die Politiker entdecken KI, leider. Sie lassen sich Texte herbeizaubern, um als „Thoughtleader“ zu gelten. Thüringens Ministerpräsident zeigt, was das Land der Dichter und Denker dank Chatbot drauf hat.

Es ist nicht die KI, die Schwachsinn produziert. Es sind die Menschen vor den Bildschirmen.

Na, haben Sie auch grad gedacht, dass ich diesen Satz mit ChatGPT gepromptet habe? Immerhin ist es die inzwischen berüchtigte Konstruktion, die KIs lieben: Es ist kein Beruf, es ist eine Berufung. Meine Bolognese ist kein Essen, sie ist Glückseligkeit. Es ist nicht X, es ist Y.

Wie alles, was die KI produziert, ist auch diese Wendung nicht neu, sondern menschlich. Sie ist auch durchaus effektvoll, denn sie grenzt ab, schafft Fallhöhe, Drama. Doch keine Sorge: Diese Kolumne bleibt handgemacht und jede abgewetzte Formulierung stammt aus meinem abgewetzten Hirn.

Für andere kann ich allerdings nicht sprechen. Faulheit gepaart mit Ehrgeiz ergibt Skrupellosigkeit, deshalb bedienen sich gerade in der Politik viele Textproduzenten der Maschine, wenn sie selbst zu wenig gelesen haben, um so etwas wie einen eigenen Sprachstil zu entwickeln.

„Digitales Ungeheuer“

Sprechen wir also über Mario Voigt, den Ministerpräsidenten Thüringens, der in dieser Woche das respektable Kunststück vollbracht hat, den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz in Sachen Kommunikationspeinlichkeiten aus dem Rampenlicht zu verdrängen.

Voigt hat, so der sehr dringliche Verdacht, mit der KI Texte produziert und als eigene ausgegeben – darunter, ausgerechnet, solche zum Anteil deutscher Musik im Radio („Welt“), zur Digitalkompetenz („F.A.Z.“), aber auch einen für einen Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus.

Wenn Sie vor allem Letzteres ein bisschen geschmacklos finden, habe ich einen Rat: Halten Sie Abstand zur SPD-Bundestagsfraktion. Die zeigte auf ihren Kanälen eine KI-generierte Version der Holocaust-Überlebenden Jeanette Wolff, beziehungsweise, ein „digitales Ungeheuer“, ein „artifiziell generiertes Stück Content“, wie es der Autor Tobias Ginsburg in der „Zeit“ zurecht geißelte.

Die Staatskanzlei? Trotzig statt zerknirscht

Aber zurück zu Voigt: Nach einer KI-Analyse durch „FragDenStaat“ stand nun der sehr dringliche Verdacht im Raum, Voigt habe sich seine Texte von der KI herausrotzen lassen. Auch die „F.A.Z.“ fragte nach, zumal in Voigts Text Experten zitiert wurden, deren Zitate sich merkwürdigerweise nicht finden lassen. Und wie bei vielen Medien gilt auch bei der „F.A.Z.“ die Selbstverständlichkeit: Robotergebrabbel ist kein „Gastbeitrag“.

Natürlich ist die Sache peinlich im Quadrat, da dem früheren Doktor Voigt wegen unzureichendem Doktern der akademische Titel entzogen werden musste. Aber erst die Antwort der Staatskanzlei an die „F.A.Z.“ machte aus einem mittelgroßen Skandalon eine formvollendete Shitshow.

Statt Zerknirschtheit zu zeigen, teilte Voigts Behörde der „F.A.Z.“ nassforsch mit, „dass „Künstliche Intelligenz im Jahr 2026 zum Arbeitsalltag moderner Organisationen gehört“. Und geradezu trotzig heißt es: „Eine generelle Kennzeichnungspflicht für Texte, die unter Nutzung von KI-Systemen erstellt oder unterstützt wurden, besteht nicht.“

Es herrscht Orgienstimmung: alles ist erlaubt

Im Thüringer Beamtenapparat scheint man zu glauben, herbeihalluzinierter Unsinn gehöre im Jahr 2026 in die Zeitung wie russische Desinformation ins Internet. Das mag zeitgeistig sein, aber auch etwas anspruchslos: Die „F.A.Z.“ löschte Voigts KI-Geplapper.

Richtig! Andererseits: KI nutzen doch alle! Ob bei privaten Anlässen oder im Beruf, überall ist eine Art Orgienstimmung ausgebrochen: alles ist erlaubt, niemand muss sich schämen. Politiker, die ohnehin seit Jahren gern aus Angebergründen promovieren und plagiieren, müssen sich im KI-Zeitalter fühlen wie Charlie in der Schokoladenfabrik. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie viele Doktortitel man heute Karl Theodor zu Guttenberg erst verleihen und dann wieder aberkennen müsste.

Aber wo führt das hin? Menschen wie Voigts Redenschreiber scheinen eines nicht auf dem Schirm zu haben: KIs sind sich selbst verdummende Mittelmaßmaschinen. Sie berechnen das Wahrscheinliche, Übliche, Dagewesene. Jeder promptet, fälscht und protzt mit Geistesleistungen, die ihm ein serviler Schmeichelroboter aus durchgekauten Urwerken auf den Bildschirm spuckt, lauter frankensteinsche Text- und Bildmonster, zusammengenäht aus Versatzstücken, Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Zerrbildern, Halluzinationen.

„Wir wollen nicht wie unsere Eltern klingen“

Die KI-Maschinen fressen dazu, was sie finden, sie beißen dabei auch herzhaft in den minütlich wachsenden Berg aus KI-Schrott – und so wird aus KI-Schrott neuer, aber schlechterer KI-Schrott. Der kommt auch auf den Berg und dann geht das immer so weiter, ein großer Verdauungskreislauf.

Bis dereinst interessierte Leserinnen und Leser, so es noch welche gibt, verzweifelt auf totem Torf des Mittelmaßes herumstapfen, auf der vergeblichen Suche nach einer menschgemachten Formulierung, dem Klang ehrlicher sprachlicher Anstrengung. Und das im Land der „Dichter und Denker“, das keine Autos mehr bauen kann, schlimm!

Wobei – das klingt vielleicht etwas finster, kulturpessimistisch. „Wir sollten nicht wie unsere Eltern klingen“, ermahnte mich kürzlich ein kluger Bundesbeamter, als ich mich ihm gegenüber in ähnlicher Art über die KI-Skrupellosigkeit in der Welt in Rage quasselte. Recht hat er ja.

Drei Gründe für den Kulturoptimismus

Ich bin denn auch mittelfristig optimistisch, aus gleich drei Gründen: Erstens zeigen Voigt und seine Leute sich immerhin offen für Neuerungen, das ist eine Abwechslung zu unserer sonst sehr hartnäckigen teutonischen Technikskepsis. Wenn es mit der Politik oder den Autos nicht mehr klappt, sehe ich viele Chancen, etwa als Content-Schleuder im Marketing oder als LinkedIn-„Top Voice“.

Zweitens: Wen interessieren schon Gastbeiträge? Die meisten wurden auch vorher schon von Menschen verfasst, die Sprache nicht geliebt haben, mit ihrer Hilfe aber sich oder andere zum „Thoughtleader“ aufgockeln. Ob sie dieses Ziel mit mittelmäßigen Ghostwritern erreichen oder der KI, ist auch schon wieder egal.

Und drittens: Es sind zum Glück meist nicht die Jungen, die sich durch KI an der Nase herumführen lassen. Die gefährlichsten Endnutzer sind, wie so oft in digitalen Fragen, die geistigen Boomer – Leute, die weder die Funktionsweise noch die Grenzen von KI durchdrungen haben, aber total hypnotisiert sind von den Möglichkeiten, auf diese Weise doch in der Top-Liga mitzuspielen („F.A.Z.“ usw.).

Also, keine Sorge: Das wächst sich aus. Leider erst dann, wenn die Mittelalten, was mich ungünstigerweise einschließt, selbst zu Torf geworden sind.

Quelle: ntv.de

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Dr. Heinrich Krämer
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