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Politik

Wie gut funktioniert Australiens Social-Media-Verbot?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 24, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 24.06.2026 • 07:47 Uhr

Seit gut einem halben Jahr sind in Australien Accounts in sozialen Medien für unter 16-Jährige tabu – eigentlich, denn es gibt Schlupflöcher. Und manchmal hilft sogar Michael Jackson beim Schummeln.

Jennifer Johnston

Eine Gruppe Jugendlicher in Schuluniformen ist auf dem Heimweg. Sie stehen an einer Ampel im Zentrum Sydneys. Kommen sie als unter 16-Jährige noch auf ihre Social-Media-Plattformen?

„Mein Account wurde gesperrt. Aber ich nutze Social Media nicht so viel. Meine Eltern erlauben es nicht“, sagt eine von ihnen. Eine weitere Schülerin fügt hinzu: „Wenn ich ganz ehrlich bin – ich kenne niemanden, der vom Verbot betroffen ist. Es ist so leicht zu umgehen. Ich denke, es hat nichts gebracht.“ Die Gesichtserkennung sei nicht sehr gut, stimmt einer der Jugendlichen zu. „Du kannst sie austricksen, mit Hilfe älterer Freunde oder älterer Geschwister. Ich denke, die Idee eines Social-Media-Verbots war gut. Aber die Umsetzung nicht“, sagt er.

Großteil hat weiterhin aktive Accounts

Noch haben viele unter 16-Jährige in Australien weiterhin einen Account in sozialen Medien. Dabei dürfte das seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr der Fall sein – bei Instagram, Tiktok, Snapchat und sieben weiteren Plattformen.

Als das Verbot in Kraft trat, wurden kurze Zeit später rund fünf Millionen Accounts gesperrt. Betroffen waren vorwiegend Jugendliche, die ihr Alter wahrheitsgemäß angegeben hatten. Doch eine Umfrage unter knapp 900 Eltern von der zuständigen Kommission für Internetsicherheit ergab, dass etwa 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen weiterhin aktive Social-Media-Accounts besitzen. Viele scheinen einfach neue Accounts angelegt zu haben – ohne, dass sie nach ihrem Alter gefragt wurden.

Gesichtserkennung zu leicht auszutricksen

Den Eindruck bestätigt auch Iain Corby, Chef des Branchenverbands von Anbietern digitaler Alterskontrollen gegenüber dem australischen Sender ABC: „Wir wissen, dass Kinder beim Anlegen eines Kontos nicht nach ihrem Alter gefragt werden, obwohl das der naheliegendste Zeitpunkt für eine Überprüfung wäre. Denn bei einem völlig neuen Nutzer liegen noch keine Daten vor.“

Die Plattformen würden nicht alle technischen Möglichkeiten der Altersverifikation ausnutzen, so Corby. Jugendliche könnten etwa die Gesichtserkennung leicht mit Fotos austricksen.

„Einer meiner Freunde hat ein Foto von Michael Jackson ausgedruckt und hat das bei der Gesichtserkennung genutzt. Und es hat geklappt“, erzählt der 14-jährige Norman dem Sender ABC. Dabei gäbe es Technik, die sicherstellt, dass eine reale Person vor der Kamera sitzt. Man könne auch Puffer einbauen, sodass die Person vor der Kamera tendenziell ein bisschen älter aussehen müsse. Eine Gesichtserkennung sei zwar der einfachste und schnellste Weg, doch Experten sagen, andere Wege der Altersverifikation seien effektiver. Etwa die Vorlage eines Führerscheins, Ausweises oder einer Kreditkarte.

Unternehmen drohen bei Verstößen massive Bußgelder

Generell hätten die Probleme bei der Umsetzung des Social-Media-Verbots weniger damit zu tun, welche Technologie zur Altersprüfung genutzt werde, sondern mehr damit, wie konsequent sie eingesetzt werde, kritisiert Julie Inman Grant. Sie ist die Leiterin der von der Regierung eingesetzten Kommission für Internetsicherheit, die für die Umsetzung des Gesetzes verantwortlich ist. „Wir stecken in dieser schwierigen Phase, in der manche Firmen gut mitmachen und andere nicht. Wenn wir bei Firmen Schwachstellen finden, werden wir Maßnahmen ergreifen. Aber das alles braucht Zeit“, sagt sie.

Derzeit wüden fünf Plattformen genauer unter die Lupe genommen: Instagram, Facebook, Snapchat, You Tube und TikTok. Ihnen drohen hohe Strafen in Höhe von umgerechnet 30 Millionen Euro, wenn ihnen Versäumnisse nachgewiesen werden können. Bislang musste noch kein Unternehmen zahlen.

Ministerin: Scheitern wäre im Sinne der Tech-Konzerne

Australiens Kommunikationsministerin Anika Wells sagt, die großen Tech-Unternehmen hätten ein Interesse daran, dass das Social-Media-Verbot in Australien scheitere. Die Konzerne wollten, dass Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren Wege finden, ein solches Verbot zu umgehen. „Sie wollen, dass das Ganze chaotisch wirkt und die Menschen darüber sprechen, dass es nicht funktioniert. So können sie später die Hände in die Luft werfen und all den anderen Ländern, die das Experiment beobachten, sagen: ‚Lasst es lieber bleiben'“, schätzt Wells.

Die Einschätzung teilt auch Branchenverbandschef Corby: „Ich denke, die Tech-Konzerne sind äußerst besorgt, dass andere Länder nachziehen werden, wenn die Maßnahme als Erfolg wahrgenommen wird. Deshalb versuchen sie faktisch, es zu sabotieren.“

Die Unternehmen selbst verteidigen sich, die Alterskontrolle sei äußerst komplex. Und betonen, dass sie hinter dem Verbot stünden.

Mehr Sport, mehr Bücher, mehr Gespräche

In seinem Bundesstaat zeige das Social-Media-Verbot bereits positive Effekte, so Peter Malinauskas, Premierminister von South Australia in einem Fernsehinterview:

Die Zahl der Kinder, die Sport treiben, ist gestiegen. Außerdem lesen deutlich mehr junge Menschen Bücher. Am wichtigsten ist jedoch, dass Eltern mit ihren Kindern darüber sprechen, wie ein gesunder Umgang mit sozialen Medien aussehen sollte. Diese Gespräche fanden früher schlicht nicht statt.

Peter Malinauskas, Premierminister von South Australia

Das heißt, auch wenn das Verbot in Australien derzeit noch häufig umgangen wird – bei einigen hat die heftige Debatte darum dennoch etwas bewirkt. Sie denken häufiger darüber nach, ob und wie sie und ihre Kinder die sozialen Netzwerke nutzen.

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