Milliardenschwerer Drohnen-DealSelenskyj gibt von der Leyen, was Europa gegen Trump braucht

Kiews Drohnentechnik sucht weltweit ihresgleichen. Die EU profitiert nun davon. Kommissionspräsidentin von der Leyen besiegelt mit Präsident Selenskyj einen Vertrag für die Drohnenproduktion. Sogar in Verhandlungen mit US-Präsident Trump kann dieser Vorteile verschaffen.
Die Ukraine hat etwas Einzigartiges geschaffen: eine Drohnenindustrie, die genauso kostengünstig wie innovativ ist. Den Grundstein dafür legte ausgerechnet der brutale Überlebenskampf gegen die russischen Truppen. Nirgendwo kann Rüstungstechnologie so realistisch erprobt werden wie an der Front. Nicht nur die Europäer, sondern auch die USA als militärische Weltmacht hinken den Ukrainern bei der Drohnenproduktion weit hinterher.
Welche enormen Vorteile eine Rüstungskooperation mit den Ukrainern hat, sogar gegenüber den Amerikanern, weiß auch Ursula von der Leyen. Je früher die Drohnentechnologie in der EU vorankommt, desto schneller hat Brüssel ein Pfund in der Hand, wenn es mal wieder mit US-Präsident Donald Trump über Zölle oder andere unliebsame Themen verhandeln muss. Bei ihrem Besuch in Kiew besiegelte die EU-Kommissionspräsidentin deshalb ein Abkommen, das die Herstellung ukrainischer Drohnen und Raketen in europäischen Mitgliedstaaten regelt.
Bei ihrem Treffen mit Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte von der Leyen die Ukraine nicht umsonst einen „Nettoanbieter von Sicherheit für Europa“. An die Ukrainer gerichtet sagte sie, die Europäer könnten „vieles von Ihnen lernen“, vor allem vom „Erfindungsreichtum Ihrer Verteidigungsindustrie“. Von der Leyen ist sich dessen bewusst, dass Selenskyj ihr mit der Unterschrift unter dem Drohnendeal genau das gibt, was Europa im Kräftemessen mit Trump braucht.
Kiew will Drohnen in Europa lagern
Bilaterale Abkommen, die Kiew bereits mit einigen Mitgliedstaaten für die gemeinsame Produktion geschlossen hat, werden durch den Drohnendeal auf EU-Ebene ergänzt. Der Entwurf für den Vertrag, der dem polnischen Fernsehsender TVP vorliegt, sieht einen Start für milliardenschwere Projekte noch in diesem Jahr vor. Erstmals könnte die Ukraine dann auch einen Teil ihrer Drohnenbestände auf europäischem Boden lagern – in Sicherheit, weitab der russischen Raketen.
Bislang haben die Europäer kein gutes Bild abgegeben, wenn es um die Abwehr von Moskaus Drohnen ging. Beim Eindringen russischer Drohnen in den polnischen Luftraum im September 2025 etwa mussten Polen und Nato-Partner Kampfflugzeuge und teure Lenkwaffen einsetzen, um gerade einmal einen Teil der Flugkörper abzuschießen. Die militärischen Abwehrfähigkeiten der Amerikaner zeigen die gleichen Schwächen. „Im jüngsten Konflikt mit dem Iran haben die USA extrem teure Abfangraketen eingesetzt, um vergleichsweise günstige Drohnen abzuschießen“, sagt Riho Terras, estnischer Ex-General und EVP-Abgeordneter im EU-Parlament, ntv.de. Dabei handelt es sich um jene relativ billigen Kamikazedrohnen der Shahed-Familie, die der Iran auch für Russlands Angriffskrieg entwickelt und – teils gemeinsam mit Moskau – in großer Zahl produziert.
Die Europäer und Amerikaner haben bei der Abwehr dieser Drohnen bislang ein immenses Kosten- und Verfügbarkeitsproblem, denn Munition für das Patriot-Abwehrsystem ist rar und der Stückpreis siebenstellig. . „Die Ukraine hingegen hat auf Basis jahrelanger realer Gefechtserfahrung deutlich kostengünstigere Lösungen entwickelt“, fügt Terras hinzu. Außerdem habe die Ukraine gezeigt, dass sie in der Lage ist, Langstreckendrohnen zu entwickeln, die Ziele in Tausenden Kilometern Entfernung treffen können – etwa bei Angriffen auf russische Raffinerien tief im russischen Hinterland.
Freyja-Raketensystem soll 2028 starten
Kiew und Brüssel wollen auch eine gemeinsame Raketenherstellung starten. Der Beginn wird ab 2028 angepeilt. Das Raketenabwehrsystem Freyja soll vor allem ballistische Raketen abfangen. Es soll insbesondere ukrainische Abfangraketen mit europäischen Radaren, Sensoren sowie Führungs- und Kontrollsystemen kombinieren. So soll Freyja irgendwann das amerikanische Patriotsystem ergänzen.
„Bei ballistischer Raketenabwehr bleibt die Abhängigkeit von Patriot und THAAD vorerst bestehen, das ist die unbequeme Wahrheit. Genau deshalb müssen Freyja und die europäische Lizenzproduktion von Abfangraketen jetzt Priorität haben“, sagt Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Vorsitzende des EU-Verteidigungsausschusses, ntv.de. Niemand wolle die transatlantische Partnerschaft beerdigen, fügt die FDP-Politikerin hinzu. Aber ein Europa, das sich selbst verteidigen kann, müsse in Washington nicht mehr als Bittsteller auftreten, sondern verhandle auf Augenhöhe. „Das ist der eigentliche Wert dieses Deals.“
Vor der Raketen- startet zunächst die Drohnenproduktion, die etwas einfacher aufgebaut werden kann. Die EU-Kommission schnürt für alle gemeinsamen Rüstungsprojekte ein Finanzpaket von insgesamt 18 Milliarden Euro. Darüber hinaus werden in Brüssel Sonderregeln geprüft, um für Kiew im Rüstungssektor teilweise gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Im Gegenzug wird die Ukraine für europäischen Firmen bis 2027 die Barrieren für die Teilnahme an Verträgen und Ausschreibungen im Land abbauen. Bislang gab es strikte Regeln, da ukrainisches Know-how nicht ins Ausland abwandern sollte.
Damit die Produktion reibungslos funktioniert, mahnt Strack-Zimmermann, die EU müsse sich an die Flexibilität und die Schnelllebigkeit der ukrainischen Drohnenindustrie anpassen. „Drohnen sind Verbrauchsgüter mit Innovationszyklen von wenigen Wochen. Wer da im Behördentempo unterwegs ist, produziert Schrott für die Halde“, sagt sie. Brüssel sollte möglichst auf das verzichten, was dort bislang langjährige Planungen ausgemacht hat: Arbeitskreise, Zwischenberichte, Verzögerung. Schließlich habe die Ukraine in vier Jahren eine Rüstungsindustrie aufgebaut, für die „wir Jahrzehnte gebraucht hätten“.
Ukrainern wird in EU Massenproduktion ermöglicht
Doch auch die Ukrainer profitieren von dem Deal. Yurii Lomikovskyi ist Mitbegründer des ukrainischen Rüstungsnetzwerks Iron und arbeitet eng mit verschiedenen Rüstungsfirmen zusammen. Vieles, was die ukrainischen Unternehmen dringend bräuchten, würde durch den Drohnendeal sichergestellt, sagt Lomikovskyi ntv.de: „Was den EU-Ukraine-Drohnen-Deal wichtig macht, ist, dass er festschreibt, was für uns am meisten zählt: die Skalierung der Produktion kampferprobter ukrainischer Technologien auf dem Gebiet der EU-Länder – wo die Produktion sicherer ist, wo es mehr Arbeitskräfte und erhebliche automatisierte Industriekapazitäten gibt – und dass diese Produktion den Bedarf der Streitkräfte der Ukraine deckt.“
Die sicheren und größeren Produktionskapazitäten in EU-Mitgliedstaaten bedeuten für Kiew einen Vorteil im Katz- und Maus-Spiel mit Moskau. Bislang läuft das so: Die Ukrainer sind besonders innovativ, aber die Russen ahmen die Erfindungen schnell nach. Dazu untersuchen die Truppen des Kremls die Überreste von abgeschossenen Drohnen- und Raketenteilen auf russischem Boden. Da Präsident Wladimir Putin das Land auf Kriegswirtschaft umgestellt hat, kann die russische Armee auf enorme Produktionskapazitäten zurückgreifen. So gelingt es ihr, in kurzer Zeit viele ukrainische Erfindungen zu kopieren und in viel höherer Stückzahl nachzubauen. Der kleinteilige, von Start-ups vorangetriebene Rüstungsmarkt der Ukraine eignet sich hingegen nur eingeschränkt für die Massenproduktion.
Diesen enormen Nachteil kann Kiew zukünftig durch die Herstellung von Raketen und Drohnen in europäischen Mitgliedstaaten ausgleichen. Am Ende ist der Drohnendeal, den von der Leyen und Selenskyj heute unterzeichnen, also ein großer Gewinn für beide Seiten. Europa müsse allerdings darauf achten, die Ukrainer als Partner auf Augenhöhe zu behandeln, sagt Lomikovskyi: „Es ist wichtig zu verstehen, dass die Ukraine nicht nur Technologie einbringt – sie bringt das gesamte Verständnis dafür ein, wie man Technologien in einer extrem schnellen und herausfordernden Zeit skaliert. Das ist ein Wert, der sich nicht einfach mit Geld kaufen lässt.“
