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Netzhemd, Neon, Nostalgie: Wenn ein ganzes Stadion „Forever Young“ ist

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 19, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Netzhemd, Neon, NostalgieWenn ein ganzes Stadion „Forever Young“ ist

19.07.2026, 04:56 Uhr Von Volker Probst, Hamburg
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„Die 80er live“ fand erstmals auch in Hamburg statt. (Foto: Pro-Event Entertainment GmbH / Markus Krampe)

Beispiel „Forever Young“: Zwischen dem Song von 1984 und heute liegen mehr Jahre als zwischen ihm und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Und dennoch wippen über die Altersgrenzen hinweg noch immer Massen zu Musik aus den 80ern im Takt. So auch jetzt bei der (nicht ganz) „größten 80er-Party der Welt“ in Hamburg.

Die Musik der 80er ist schon ein Faszinosum. Und ein Kuriosum. Ein Faszinosum, weil sie auch Jahrzehnte später noch allgegenwärtig ist. Und das nicht nur bei denen, die die Zeit bewusst miterlebt haben, sondern auch bei Generationen, die lange später geboren und aufgewachsen sind. Jahrzehnte wie die 60er, die 70er und ja, letztlich auch die 90er können einpacken, gemessen an der Schwemme von 80er-Radios, 80er-TV-Shows oder 80er-Partys, die immer noch wie Pilze aus dem Boden sprießen. Und gefühlt alle von 8 bis 80 können mitsingen.

Ein Kuriosum wiederum ist dies allein schon, wenn man bedenkt, wie viel Zeit seither ins Land gegangen ist. Zwischen der Mitte der 80er und heute liegen mehr Jahre als zwischen dieser Periode und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Einen Teenager in den 80ern trennte von Elvis und den Beatles eine deutlich geringere Spanne als die heutigen Jugendlichen von den Anfängen Michael Jacksons, Modern Talking oder der Neuen Deutschen Welle. Auf die Idee, auf 50er- oder 60er-Jahre-Partys zu gehen, wäre seinerzeit aber kaum jemand gekommen.

Hinzu kommt, dass die 80er schon einmal ziemlich abgeschrieben waren. Im Folgejahrzehnt, das mit House, Techno oder Grunge noch einmal bis dato ungehörte Stile nach oben spülte, galt kaum etwas als uncooler als der scheinbare musikalische Mief, aus dem man gerade gekommen war. Es herrschte Aufbruchstimmung – nicht nur politisch, sondern auch in den CD-Playern, die justament dabei waren, mit den Plattenspielern auch die Abspielgeräte der ollen Kamellen in den Orkus der Geschichte zu verdammen.

Rund 40.000 Zuschauer

Wir wissen, dass alles komplett anders gekommen ist. CDs haben heute den Wert von Sondermüll, während die gute alte Langspielpatte auf einmal wieder fröhliche Urständ feiert. Und die 80er sind eben längst mehr als nur rehabilitiert – als unbestreitbare Wiege der modernen Popmusik und als das Jahrzehnt, in dem Produktion, Soundgewalt und Beats per Minute noch hinter der Melodie an sich zurückstanden.

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Wohl nach wie vor einer der größten 80er-Jahre-Stars: Boy George. (Foto: Pro-Event Entertainment GmbH / Markus Krampe)

So kommt es, dass vielen Stars aus jener Zeit heute ein Schicksal wie das von Schlagersänger Rex Gildo erspart bleibt, der irgendwann auch an seinen Auftritten in Bierzelten, Auto- und Möbelhäusern zerbrochen ist, die ihn nach dem Absturz von der Karriereleiter noch geblieben waren. Ja, wenn man am Samstagabend in Hamburg war, wollte man eigentlich kaum seinen Augen und Ohren trauen. Hier wurde zur „größten 80er-Party der Welt“ geblasen. Nicht etwa in irgendeiner Kirmesbude, sondern im Volksparkstadion.

Der angepeilte Besucherrekord wurde zwar nicht ganz geknackt – schon im vergangenen Jahr zählte die Gelsenkirchener Ausgabe der Konzertreihe „Die 80er live“ ein paar mehr zahlende Gäste. Doch immerhin an die 40.000 Zuschauer pilgerten laut Veranstalter Markus Krampe nun dort hin, wo normalerweise die Hymne „Wir sind der HSV“ gespielt wird, um einige der Künstler in Aktion zu erleben, deren eigentliche Glanzzeit ungefähr ebenso lange her ist wie die des Hamburger Sportvereins.

Evergreens am laufenden Band

So gehörten zum Line-up die deutschen 80er-Heroen Sandra („Maria Magdalena“), Camouflage („The Great Commandment“) und Alphaville („Big In Japan“). Gazebo („I like Chopin“) reiste aus Italien ebenso an wie die Formation Starship („We Built This City“) aus den USA. Besonders stark vertreten war aber selbstredend das Mutterland des Pop mit Nik Kershaw („The Riddle“), Cutting Crew („I Just Died In Your Arms“) und Samantha Fox („Touch Me“) aus Großbritannien sowie den drei Vertretern, die bis heute mutmaßlich den nach wie vor größten Glamour-Faktor im Teilnehmerfeld für sich beanspruchen können: Kim Wilde („Kids In America“), Ex-Culture-Club-Frontmann Boy George („Karma Chameleon“) und der frühere Frankie-Goes-To-Hollywood-Sänger Holly Johnson („Relax“).

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Machte auch mal eine Ansage: Alphaville-Sänger Marian Gold. (Foto: Pro-Event Entertainment GmbH / Markus Krampe)

Die Moderation der über sechs Stunden währenden Show übernahm 80er-Jahre-Papst Peter Illmann. Nicht ganz zufällig ist der charakteristische Schriftzug der einst von ihm präsentierten Kultsendung „Formel Eins“ auch ein Teil des Logos der „Die 80er live“-Reihe.

Auf der Bühne ging es zu wie beim Brezelbacken, um es mit einer Redewendung zu sagen, die noch älter als die 80er ist. Die Logistik beim Umbau lief fast immer wie am Schnürchen – und das musste sie auch: Jeder Künstler hatte nur Zeit und Gelegenheit für eine Handvoll Songs, darunter natürlich stets die, die alle kennen, erwarten und hören wollen. Die dafür dann auch gerne mal in XXL-Version. Nur hier und da wurde dann doch noch ein Song abseits der Evergreens eingestreut, etwa als Cutting Crew „The One I Love“ von R.E.M. coverten oder Alphaville den Song „Carry Your Flag“ mit Regenbogenfahne im Hintergrund zum Besten gaben.

Zwischen ESC und Kindergeburtstag

Alphaville-Vorkämpfer Marian Gold war überhaupt so ziemlich der Einzige, der sich in dem an Ansagen armen Künstler-Marathon mal zu einem über „Ich liebe euch“ oder „What an amazing show“ hinausgehenden Statement hinreißen ließ. Sein Appell, es dürfe nicht sein, dass mit der AfD „uns die Nazis unser Land wegnehmen“, ging im weiten Rund dann allerdings doch weitgehend unter.

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So geht 80er! (Foto: Pro-Event Entertainment GmbH / Markus Krampe)

Die Menschen, die für die Veranstaltung ein Ticket gelöst hatten, hatten andere Prioritäten: die Musik und die Künstler ihrer Jugend oder wahlweise ihrer Eltern oder sogar Großeltern – denn auch zur 80er-Party im Volksparkstadion pilgerten neben den in Nostalgie schwelgenden Boomern Besucher aller Altersklassen – ebenso zu feiern wie sich selbst und das schillernde Jahrzehnt an sich. Dafür wurde dann auch kräftig in der Altkleidertonne gekramt und so einige Vokuhila-Perücken, Netzhemden, Neon-Klamotten, Stirnbänder, Streifenhosen, Stulpen oder die allerfeinste Ballonseide hervorgekramt.

Manche Pärchen wagten im Getümmel einen Foxtrott, andere zogen in einer Polonaise durch die Menge. Die Stimmung schwankte zwischen Eurovision-Song-Contest-Feeling und Kindergeburtstag – Hauptsache Spaß haben. Und wenn Marian Gold dann auch noch zu „Forever Young“ ansetzte, durfte einen Moment lang auf einmal ein ganzes Stadion davon träumen, für immer jung zu sein.

Zwei weitere Shows

Der wohl emotionalste Moment der Show blieb allerdings Holly Johnson tatsächlich bis ganz zum Schluss vorbehalten. Als er gegen 22.15 Uhr mit „The Power of Love“ im inzwischen dunklen Stadion zum allerletzten Song ansetzte, erleuchteten nicht nur die Handys das weite Rund, die Besucher trugen sich auch selbst mit ihrem Gesang zu der Ausnahme-Ballade nach Hause. Auch wenn das Lied oft so verstanden wird, sei es kein Weihnachtslied, stellte Johnson klar. Es sei dem Leben gewidmet. Besser hätte die Show nicht ausklingen können.

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Immer noch stilsicher: Holly Johnson. (Foto: Pro-Event Entertainment GmbH / Markus Krampe)

„Die 80er live“ findet mit teils unterschiedlichem Line-up auch am 25. Juli in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen (mit Nena, Alphaville, Kim Wilde, Starship, Camouflage, F.R. David, Heaven 17, Midge Ure, Fancy) sowie am 8. August im Deutsche Bank Park in Frankfurt am Main (mit Holly Johnson, Boy George, Kim Wilde, Alphaville, Camouflage, ABC, Tony Hadley von Spandau Ballet, F.R. David) statt.

Quelle: ntv.de

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