Nur langsame AufarbeitungPapst Leo trifft in Lourdes Missbrauchsopfer der katholischen Kirche
Am dritten Tag seiner Frankreich-Reise besucht Papst Leo XIV. den Pilgerort Lourdes. Dort wird er auch mit Opfern von sexuellem Missbrauch durch Priester oder Lehrer an katholischen Schulen zusammentreffen. Die katholische Kirche in Frankreich bemüht sich seit Jahren um die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle.
Für viele ist es der wichtigste Termin des Papstbesuchs in Frankreich: Papst Leo XIV. will am Nachmittag in Lourdes mit sieben Menschen zusammentreffen, die in ihrer Kindheit oder Jugend von Priestern, Ordensleuten oder an katholischen Schulen sexuell missbraucht wurden. Seit fünf Jahren ist die katholische Kirche in Frankreich intensiv mit der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen befasst. Nach Ansicht von Betroffenen geht dies jedoch nur langsam voran.
2019: Vertuschungsvorwürfe gegen Kardinal Barbarin
Ein Skandal um einen pädokriminellen Priester setzt die Kirche erheblich unter Druck: Der Kardinal von Lyon, Philippe Barbarin, wird verurteilt, weil er die Taten des Priesters vertuscht haben soll. Im Berufungsverfahren wird der Kardinal freigesprochen. Die Richter argumentieren, dass er nicht persönlich für die Fehler der Kirche haften könne. Der Film „Gelobt sei Gott“ macht den Skandal einem breiten Publikum bekannt.
2021: Kommission schätzt 330.000 minderjährige Opfer
Eine unabhängige Untersuchungskommission deckt „systemischen“ Missbrauch seit 1950 auf: Sie schätzt die Zahl der minderjährigen Opfer von Priestern, Ordensleuten und Laien im kirchlichen Dienst auf 330.000. Die Bischofskonferenz erkennt die institutionelle Verantwortung der Kirche an und richtet Stellen für die Begleitung und Entschädigung von Opfern ein. Bis heute haben sich knapp 2000 Betroffene gemeldet, etwa 1200 wurden auch finanziell entschädigt.
2022: Gründung eines kirchlichen Strafgerichts
Die französischen Bischöfe richten ein Gericht ein, das auf dem Kirchenrecht basiert. Es befasst sich nicht nur mit sexuellem Missbrauch, sondern auch mit anderen Vergehen. Seither wurden mehr als 50 Fälle verhandelt und etwa ein Dutzend Urteile gefällt – in den meisten Fällen wurden Kleriker vom Dienst suspendiert. Das kirchenrechtliche Verfahren ist kein Ersatz für einen strafrechtlichen Prozess, sondern kann diesen ergänzen. Die meisten Diözesen haben inzwischen Abkommen mit den Staatsanwaltschaften, um Missbrauchsfälle zu melden.
2023: Bétharram-Skandal lenkt Blick auf katholische Schulen
Es beginnt mit einer Facebook-Gruppe für ehemalige Schüler der katholischen Bétharram-Schule; nach und nach melden sich immer mehr Betroffene zu Wort. 200 von ihnen erstatten Anzeige wegen körperlicher oder sexueller Gewalt. Die meisten Fälle gelten als verjährt. Eine Untersuchungskommission identifiziert 37 mutmaßliche Täter. Die Justiz ermittelt lediglich gegen zwei Personen wegen Vergewaltigung Minderjähriger – einen Priester und einen ehemaligen Betreuer.
Der Fall erregt auch deswegen Aufsehen, weil der damalige Premierminister François Bayrou mit der Schule eng verbunden war. In der Folge werden an mehreren anderen katholischen Schulen Missbrauchsvorwürfe bekannt.
2024 Vorwürfe gegen prominenten Abbé Pierre
Seit 2024 sind zahlreiche Missbrauchsvorwürfe gegen den 2007 gestorbenen, populären Armenpriester Abbé Pierre bekannt geworden. Bis heute wurden 68 potenzielle Opfer sexueller Übergriffe und Vergewaltigungen identifiziert, unter ihnen auch Minderjährige. Eine strafrechtliche Untersuchung ist nicht mehr möglich, da der Verdächtige tot ist.
Eine von Abbé Pierre gegründete Stiftung änderte ihren Namen, eine Gedenkstätte für ihn wurde geschlossen. Der Fall führte zu einem schweren Glaubwürdigkeitsverlust für die katholische Kirche in Frankreich. Er wirft zudem die Frage auf, inwiefern die Vergehen des Geistlichen intern gedeckt wurden.
2026: Papst trifft Missbrauchsopfer
Laut einer Umfrage erwarten 15 Prozent der Befragten, dass Papst Leo XIV. bei seinem Frankreich-Besuch auch das Thema Missbrauch aufgreift. Das geplante Treffen mit Opfern löste aber auch Kritik aus, da nur sieben Menschen daran teilnehmen und diese von der Bischofskonferenz ausgesucht wurden.
Opferverbände beklagen, nicht berücksichtigt worden zu sein. „Wir wollen nicht mehr unsere persönlichen Geschichten erzählen, davon hat der Papst genug gehört“, sagt ein Vertreter eines Opferverbands: „Wir wollen wissen, wie es weitergeht.“ Die Bischofskonferenz betont, dass die Begegnung am Sonntag in Lourdes auf Wunsch des Papstes im kleinen Rahmen stattfinde.
