Minister Wildberger und Big Tech„Ich halte Peter Thiels Ideen für extrem abwegig“

Deutschland hat im Grunde zwei Wirtschaftsministerien – das eine verwaltet viel Vergangenheit, das der Zukunft wird von Digitalminister Karsten Wildberger geführt. Im Interview mit ntv.de moniert der frühere Manager die politischen Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte, wie sie Deutschland in eine Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen geführt haben – und mancher extremistischen Werte aus dem Silicon Valley, die nicht denen der Bundesrepublik entsprechen.
ntv.de: „Move fast and break things“ ist das frühere Motto von Facebook. Würden Sie das unterschreiben, Herr Minister?
Karsten Wildberger: Move fast auf jeden Fall. Break things muss man differenziert sehen. Das bedeutet ja, ich baue etwas Neues auf und dadurch muss das Alte einfach zerbrechen. Das ist in der deutschen Kultur schnell missverständlich. Es reicht nicht aus, mit der Kettensäge einfach zu zerlegen, ich muss etwas Neues aufbauen. Deshalb sage ich „ja“ zu kreativer Zerstörung. Aber das Kreative ist das wichtige Wort dabei. Wir haben in den letzten 20 Jahren zu wenig Raum für Neues gegeben. Wir haben sehr, sehr stark darauf gesetzt, auch gesellschaftlich, den Status quo zu verteidigen. Wir haben in Europa die falsche Kalibrierung und geben nicht genug Freiraum zur Entfaltung von Ideen und Technologie – auch wenn es zugleich natürlich auch nötig ist, Schranken zu setzen. Da sind wir falsch abgebogen.
Im Silicon Valley ging es extrem in die andere Richtung.
Das halte ich auch nicht für richtig. Natürlich müssen wir Produkte prüfen, müssen eingreifen, wenn sich gesellschaftliche Nachteile zeigen. Das steht für mich außer Frage. Ich bin alles andere als ein Laissez-faire-Typ. Aber wir können die Innovation in der Welt damit nicht verhindern. Es ist ein Irrglaube anzunehmen, wir könnten die Technologiegeschwindigkeit runterregulieren und uns damit schützen. Dadurch wird Innovation nur woandershin verlagert und unsere Abhängigkeit immer größer. Das macht mir für die Demokratie eher die größere Sorge.
Die US-Tech-Industrie erscheint heute übermächtig. Für wie groß halten Sie die Bedrohung der Demokratie durch die Tech-Milliardäre?
Die Bedrohung ist doch nur da, weil wir selber entschieden haben, dass wir an der Wertschöpfung nicht mehr teilnehmen wollen. Wir dürfen uns in Europa nicht länger in diese Opferrolle flüchten, als wäre der Zug schon komplett abgefahren. Natürlich ist er weit weg, aber deshalb können wir doch nicht schon vorher in der Kabine das Spiel verschenken. Denn dadurch, dass diese technologische Vorherrschaft nun geopolitisch genutzt wird, um Macht auszuüben, wird es jetzt gefährlich. Das sollte ein Weckruf für uns sein.
Der Weckruf ertönt ja wegen mehr als technologischer Übermacht. Oligarchen wie Elon Musk und Peter Thiel vertreten antidemokratische bis autoritäre Ideen. Für wie groß halten sie die Gefahr, die davon ausgeht?
Ich habe über Peter Thiel und seine Ideen viel gelesen. Das ist in weiten Teilen nicht mein Mindset. Ich glaube auch nicht daran, dass eine Algorithmus-gesteuerte Gesellschaft das Ziel sein darf, also eine Welt, in der eher die Maschine den Menschen kontrolliert als andersherum. Das halte ich für extrem abwegig. Ich habe auch ein unglaubliches Unbehagen, wenn jemand vom Grundsatz abweicht, dass jeder Mensch gleich ist, weil jemand anders etwas Besseres oder Privilegiertes sein soll. Das widerstrebt mir grundsätzlich, da gibt es wenig Schnittmenge. Elon Musk wiederum strebt danach, die menschliche Zivilisation jenseits des Planeten Erde zu etablieren. Das ist sehr beeindruckend, aber auch sehr speziell. Das Problem bei all dem ist: Hinter diesen Einzelpersonen verbergen sich konzentrierte Fähigkeiten wie KI, soziale Netzwerke, Rechenpower, Satellitentechnologie. Und diese unglaublich wirkmächtigen Fähigkeiten nicht zu beherrschen, die Gesellschaften grundlegend verändern können, darin sehe ich das größere Risiko.
Wie haben Sie den Aufstieg der Internetgiganten im Silicon Valley erlebt?
Ich war seit 2010 jedes Jahr mehrmals dort und habe das alles sehr eng verfolgt. Das Problem, dass das Silicon Valley Europa vollkommen davongelaufen ist, gibt es seit einem Vierteljahrhundert. Damals entstanden dort die Geschäftsmodelle, die von Größe und Netzwerkeffekten leben wie Cloud-Dienste oder Chipproduktion und Plattformgeschäfte. Durch diese Technologien sehen wir heute eine unglaubliche Wertschöpfung dort. Aber zugleich auch eine enorme Markt- und Machtkonzentration. Da wurden erst gigantische Rechenzentren gebaut, dann kam der algorithmische Durchbruch mit KI. Und nun haben diese Konzerne auf eine extreme Größe skaliert und sind meistens sehr stark in der Hand von einzelnen Personen.
Warum haben Deutschland und die anderen EU-Länder mehr als zwei Jahrzehnte dabei zugesehen, wie ein halbes Dutzend Tech-Riesen zu einem Oligopol geworden ist, an dem niemand mehr vorbeikommt?
Europa ist abgeschlagen, weil wir vieles gut gemeint, aber schlecht gemacht haben. Die westliche Demokratie in Europa unterschätzt den Einfluss von Technologie auf alles, was um uns herum passiert. Wirtschaftlich, aber auch von der Entwicklungsgeschwindigkeit her. Wir haben versucht, Schritt zu halten über eine sehr kleinteilige Regulierung. Und nun ist es schwierig, diese mit der herrschenden Geschwindigkeit in Übereinstimmung zu bringen. Meine größte Sorge bei dieser technologischen Entwicklung ist, dass daraus nun eine Abhängigkeit entsteht, wo wir selber die Technologie nicht mehr entwickeln oder beherrschen, vor allem bei KI. Das Potenzial liegt hier in einer ganz anderen Dimension. Denn aus KI kann ein exorbitantes Wachstum entstehen, das wir auch brauchen werden, um den Umbau der Arbeitswelt und Gesellschaft durch diese Technologie zu finanzieren.
Man hätte aus europäischer Sicht also früher etwas entgegensetzen können.
Mich schockiert, dass wir erst jetzt aufwachen, während sich die geopolitische Situation verändert. Wo wir merken, hoppla, das kann man ja auch machtpolitisch einsetzen und nun plötzlich unabhängiger werden wollen. Dabei haben wir seit 20 Jahren verschlafen, dass wir der technologischen Entwicklung hinterherhinken und dadurch Arbeitsplätze und Wohlstand verloren gehen. Das hat mich schon damals wahnsinnig gemacht, denn ich habe schon immer lieber aus Lust am Gewinnen gestaltet statt aus Angst zu verlieren. Im Silicon Valley gab es diese Aufbruchsstimmung. Und bei uns stattdessen immer dieses „Nö, lieber doch nicht“. Die Marktkonzentration und exorbitante Geschwindigkeit von Innovation in den USA hat zu enormer Macht bei wenigen Tech-Milliardären geführt. Und das macht nun natürlich etwas mit der Politik.
Wie verteidigen wir uns in Europa gegen diesen Angriff auf unsere Werte?
Das darf man nicht so schwarz-weiß sehen. Es gibt in der US-Regierung auch Menschen, die eine andere Meinung haben. Bei all den Unterschiedlichkeiten und Bedrohungen ist es extrem wichtig, den Kommunikationskanal offen zu halten. Zugleich müssen wir uns strategisch überlegen, wo sind unsere Fähigkeiten, die nicht ersetzbar sind, auf die auch andere angewiesen sind? Das wird nicht immer einfach Größe sein, das wird auch Innovationskraft sein, industrielle KI zum Beispiel. Wir überlegen heute schon, ohne welche unserer Unternehmen funktioniert vieles nicht mehr in der Welt. Ich würde diese Karte nicht spielen wollen, aber so funktioniert das Spiel heutzutage.
Die US-Regierung spielt sie ja längst: Sie hat der EU mit dem Ende von Chipexporten und kritischer Technologie gedroht, will Datensouveränität in Europa im Keim ersticken. Wie gehen wir damit um?
Unsere Gesetze wie der DSA oder DMA dürfen auf keinen Fall auf dem Verhandlungstisch landen. Die müssen wir verteidigen. Bei aller Machtpolitik darf man Werte nicht aufgeben. Die gibt es nicht in Portiönchen, sie sind vielmehr eine Grundvoraussetzung. Klare Werte bei Allianzen zu setzen, halte ich für ein sehr wichtiges Kriterium. Mit anderen Mittelmächten wie Indien und Kanada arbeiten wir erfolgreich zusammen. Gleichzeitig wollen wir den Draht nach Washington halten.
Braucht es eine De-Risking-Strategie gegen die USA? Wo ist Europa besonders verwundbar, welche Bereiche sind unverzichtbar?
Wir müssen überall unabhängiger werden. Die einzig mögliche Antwort ist, dass wir alles daransetzen, in den richtigen Technologiebereichen jetzt zu wachsen und eigenständiger zu werden und idealerweise auch Innovationskraft zu entfalten. Wir haben Unternehmen, die im Energiebereich wichtige Anlagenbauer sind, nicht nur bei Erneuerbaren Energien, deren großer Befürworter ich bin, sondern auch bei klassischen Energieanlagen, die jetzt wieder eine Renaissance erleben. Wir brauchen souveräne Infrastruktur. Es wird ein entscheidender Punkt sein, dass wir selber Rechenzentren betreiben, dass wir Kommunikationsnetze haben, die auch souverän und sicher sind. Natürlich müssen wir auch unsere Energieproduktion gewährleisten und die Chipproduktion stärker nach Europa holen. Da müssen wir Vollgas geben.
Wie bekommen wir das auch im großen Maßstab hin?
Wir brauchen eine strategische Infrastrukturpolitik. Industriepolitik und Wachstumspolitik strategisch fürs Land einzusetzen – was sollte daran falsch sein? Es geht hier um die Zukunft Deutschlands. Als ich in Australien bei Telstra war, 2011 bis 2016, war das gesamte Netz mit Ericsson gebaut. Komplett. Und zwar aus diesen Souveränitätsgesichtspunkten. Wir haben zwei Infrastrukturplayer mit Ericsson und Nokia, die in Europa sehr stark ansässig sind. Um unabhängig zu sein und auch Wachstum zu haben, müssen wir Infrastruktur und Technologie definieren, also auch die Standards setzen. Daran hat sich aus meiner Sicht auch eine europäische Politik für Unternehmen zu orientieren.
Brüssel muss sich der geopolitischen Realität anpassen?
Das kriegt man nicht nur alles mit freiem Wettbewerb hin. Es war ein Irrglaube, nur auf den komparativen Kostenvorteil und freien Handel zu setzen. Man muss bei aller wirtschaftlichen Offenheit zusehen, dass man die Wertschöpfung in der Tiefe und den Fähigkeiten behält. Das kostet dann womöglich auch Geld. In den meisten Fällen bin ich kein Freund von Subventionen. Aber wir können Nachfrage schaffen. Der Staat ist kein guter Unternehmer, aber er ist ein guter Kunde. Er muss ein Möglichmacher von Ökosystemen im positiven Sinne sein.
Peking schottet seinen Markt ab, Trump ist bei Intel eingestiegen, hat TikTok enteignet und befreundeten Tech-Milliardären zugeschanzt, gibt Palantir und SpaceX Staatsaufträge. Brauchen wir dagegen einen Staatskapitalismus europäischer Prägung?
Der Staat kann als Ankerkunde nachhaltig sinnvolle Aufträge geben. Das ist ein wichtiges Element für die Unternehmen, damit sie wachsen können. Und in kritischen Bereichen muss es Vetorechte geben. Wir müssen sicherstellen, auch vom Kapitalmarkt her, dass Unternehmen und Innovationen bei uns bleiben und nicht dann, wenn sie kritische Größe haben oder interessant sind, weggekauft werden. Die EU muss schneller werden und aus 27 einzelnen Märkten und Mitgliedstaaten einen Markt mit 450 Millionen Konsumenten machen. Wir müssen den innovativen Rahmen schaffen, dass es hier auch Spaß macht zu entwickeln. Wir müssen den Kapitalmarkt unterstützen, etwa mit Pensionsgeldern, von denen wir im Staat oder in der öffentlichen Hand grundsätzlich viel haben und die wir bislang überhaupt nicht ausreichend strategisch einsetzen wie etwa die USA.
Woher soll das Geld für Infrastrukturpolitik zusätzlich kommen? Sind Sie für eine EU-Digitalsteuer?
Beteiligen sich diese Tech-Riesen, die fast schon monopolartige Gewinne machen, ausreichend an der Finanzierung des Gemeinwohls? Da sage ich nein. Es fängt an bei der Beanspruchung digitaler Infrastruktur. Wenn 60 Prozent des Netztraffics bei YouTube oder irgendwelchen Videoplattformen liegen, da sage ich, das passt nicht. Rein unter Aspekten der Fairness ist das Gleichgewicht nicht gewährleistet. Die gesamte digitale Wertschöpfungskette in Europa ist heute nicht gut verteilt. Da wird zuviel Wert rausgezogen und ins Silicon Valley verschoben. Deshalb haben wir angefangen, bei der Verwaltungsdigitalisierung eigene Messenger-Dienste zu bauen, mit denen Behörden kommunizieren oder Dokumente austauschen können, wie etwa mit OpenDesk. Daraus könnte womöglich mal ein Messenger-Dienst entstehen, der auch europäisch mithalten kann. Daneben nutzen wir im Ministerium noch Wire.
Es gibt zwei weitere konkrete Vorschläge: Die Eurostack-Initiative will einen souveränen Tech-Fonds mit 10 Milliarden Euro aus Steuermitteln aufsetzen. Zudem hat Deutschland den Infrastrukturfonds mit 500 Milliarden Euro. Weshalb fließt daraus so wenig Geld in digitale Infrastruktur?
Das ist gar nicht so wenig. Aber Geld ist nicht die einzige, entscheidende Frage. Am Ende ist erstmal alles Umsetzung. Wir müssen das Geld, was wir jetzt schon auf der Straße haben, schneller umgesetzt kriegen. Ich würde mir die 10 Milliarden wünschen, ja. Aber es muss ja irgendwo herkommen. Und es muss in schnelle, schlanke Strukturen fließen. Deswegen ist die Staatsmodernisierung so wichtig. Niemandem ist geholfen, wenn wir Geld in einen Apparat reingeben, der träge und ineffizient funktioniert. Ich glaube, wichtiger als Geld ist ein Mentalitätswechsel. Damit würde mehr Schwung in die Sache kommen.
Wohin glauben Sie steuern Europa und die USA im schwelenden Konflikt um digitale Souveränität in den nächsten Jahren?
Ich glaube zutiefst weiter an die Partnerschaft mit Washington. Ich bin Transatlantiker und mag die USA. Aber ich erkenne da inzwischen vieles nicht mehr wieder. Am Ende des Tages geht es um unsere Werte. Es ist wichtig, an Technologie und Innovation teilzunehmen, und damit Wachstum zu schaffen. Aber Technologie muss immer so entwickelt werden, dass sie der Gesellschaft dient. Die Entwicklung von Technologie braucht ein gesundes, demokratisches Wertesystem. Das ist eine unglaubliche Antriebsfeder und sollte unsere Richtschnur sein. Jede Krise ist am Ende immer eine Wertekrise: Man wird überheblich, langsam, beschäftigt sich nur noch mit sich selbst. Deshalb sage ich auch: Vorsicht an der Bahnsteigkante, wenn man glaubt, dass das jetzige Silicon Valley das einzige Modell der Zukunft ist. Wenn man durch Detroit oder Chicago fährt, sieht man eine andere Lebenswirklichkeit. Dort gibt es soziale Fragen, die muss sich jedes Land selbst stellen. Wenn etwas auf Werten beruht, die nicht nachhaltig sind, wird es perspektivisch trotz aller Technologie auch nicht nachhaltig sein. Deshalb lohnt es sich, dafür zu kämpfen, die Technologie so zu bauen, dass sie unseren Werten entspricht. Damit die Maschine dem Menschen dient und nicht umgekehrt.
Das Gespräch mit Digitalminister Karsten Wildberger fand Ende Mai 2026 statt.
