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Startseite»Politik»Wo Deutschland noch wachsen kann: Zukunftsmärkte für heimische Firmen
Politik

Wo Deutschland noch wachsen kann: Zukunftsmärkte für heimische Firmen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerOktober 28, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Analyse

Stand: 28.10.2026 • 06:19 Uhr

Die deutsche Wirtschaft hat viele Probleme. Doch bei all den negativen Nachrichten gibt es auch Chancen. Denn auf einigen Märkten der Zukunft haben heimische Unternehmen gute Karten.

Angela Göpfert

Die deutsche Wirtschaft kommt seit Jahren kaum vom Fleck. Einstige Erfolgsgaranten schwächeln: die Automobilindustrie, der Maschinenbau, die Chemiebranche. Dazu wächst die Konkurrenz aus China, traditionelle Exportmärkte werden zunehmend schwieriger. Doch während vor allem über die Schwächen des Wirtschaftsstandorts Deutschland diskutiert wird, geraten die Chancen für neues Wachstum leicht aus dem Blick.

Insgesamt 14 dynamisch wachsende Märkte

Dabei ist Deutschland in manchen Zukunftsfeldern besser aufgestellt, als die Krisendebatte vermuten lässt. Die Unternehmensberatung McKinsey hat 14 dynamisch wachsende Märkte identifiziert, in denen deutsche Unternehmen gute Voraussetzungen mitbringen: von der Biotechnologie und Medizintechnik über Robotik und neue Werkstoffe bis hin zu klimafreundlichen Energietechnologien und Quantencomputing.

Das weltweite Marktpotenzial dieser „Wachstumsarenen“ summiere sich bis 2040 auf mehr als 40 Billionen Dollar, sagt Luca Flora von McKinsey im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.

Warum das Exportmodell an Grenzen stößt

Um diese Chancen zu nutzen, muss Deutschland nach Ansicht von Christian Rammer vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) auch sein bisheriges Erfolgsmodell überdenken: „Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten Wachstum immer gedacht als Wachstum im Export: Wo können wir hier in Deutschland etwas herstellen und dann in die Welt verkaufen?“

Doch diese Strategie stößt zunehmend an ihre Grenzen – besonders deutlich zeigt sich das in der Autoindustrie. Angesichts wachsender Handelshemmnisse und geopolitischer Unsicherheiten hält Rammer es für wenig zukunftsfähig, Autos in Deutschland für den gesamten Weltmarkt zu produzieren. Die Hersteller verlagerten die Produktion zunehmend in die Nähe ihrer Absatzmärkte. Neue Wachstumschancen müsse Deutschland deshalb stärker im Inland und im europäischen Binnenmarkt suchen, so Rammer.

Dienstleistungen und Gesundheit als Wachstumsmärkte

Potenzial sieht der ZEW-Ökonom etwa dort, wo gesellschaftliche Herausforderungen neue Nachfrage schaffen: beim Wohnungsbau, im Gesundheitswesen und in der Pflege, bei der Anpassung an den Klimawandel sowie bei der Energie- und Wasserversorgung.

Deutschland konzentriere sich in der Wachstumsdebatte allerdings zu stark auf Fabriken und industrielle Produktion. Dabei eröffnet der Dienstleistungssektor nach seiner Einschätzung besonders große Möglichkeiten. „Wo Menschen für andere Menschen arbeiten – das ist eigentlich das große Wachstumsfeld“, sagt Rammer.

Schon heute entstehen gut 71 Prozent der deutschen Bruttowertschöpfung im Dienstleistungssektor. Dennoch ist Deutschland im europäischen Vergleich weiterhin stark industriell geprägt: Auf das Produzierende Gewerbe entfielen 2025 hierzulande 22,9 Prozent der Bruttowertschöpfung, im EU-Durchschnitt waren es lediglich 19,1 Prozent.

Industrielle KI: Deutschlands besondere Stärke

Einige Fachleute sehen allerdings gerade in Deutschlands industrieller Tradition einen Vorteil. „Deutschland hat etwas, was dem Silicon Valley fehlt: nämlich Maschinen, Anlagen, Produktionsdaten – und das aus Jahrzehnten“, sagt Barbara Engels, Expertin für nachhaltige Digitalisierung und Künstliche Intelligenz beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Deutsche Industrieunternehmen verfügten über einen Datenschatz, den es in dieser Form nirgendwo sonst auf der Welt gebe. „Made in Germany besteht meiner Ansicht nach auch im KI-Zeitalter fort“, so Engels.

Chancen für den Mittelstand in der Robotik

Entscheidend ist es dabei, industrielle Erfahrung und Künstliche Intelligenz miteinander zu verbinden. In der sogenannten „physischen KI“ kann besonders gut gelingen: Humanoide Roboter benötigen präzise Antriebe, Sensoren und komplexe Steuerungstechnik.

„Und genau solche Komponenten werden von deutschen Spezialisten, vielfach aus dem Mittelstand heraus, sehr erfolgreich in Deutschland entwickelt, hergestellt und vertrieben“, sagt McKinsey-Experte Flora. „Das heißt, wir müssen als Deutschland gar nicht zwingend eine gesamte Wertschöpfungskette beherrschen, um trotzdem am Markt teilzuhaben.“

Viel ungenutztes Potenzial bei den Firmen?

Dass KI deutschen Unternehmen auch jenseits der Robotik wirtschaftliche Chancen bietet, zeigt eine KfW-Untersuchung vom September. Mittelständische Unternehmen, die KI einsetzen, weisen demnach im Schnitt ein stärkeres Umsatzwachstum, eine höhere Produktivität und bessere Renditen auf.

Überhaupt scheinen viele Unternehmen hierzulande ihr Potenzial kaum auszuschöpfen. Das geht aus einer Analyse der Unternehmensberatung McKinsey hervor. Zwischen 2019 und 2023 waren gerade einmal 29 von 16.200 untersuchten Firmen – 0,2 Prozent – für 47 Prozent des Produktivitätswachstums in dieser Unternehmensgruppe verantwortlich. Dabei verlaufe die entscheidende Trennlinie nicht zwischen Branchen, betont McKinsey-Experte Jan Krause, sondern „zwischen Mut und Zögern“.

Bürokratie bremst Investitionen

Ein Grund für die Zurückhaltung vieler Unternehmen ist nach Einschätzung von ZEW-Ökonom Christian Rammer die Bürokratie. Zu viele Vorschriften, langwierige Genehmigungsverfahren – all das bremse Investitionen, selbst wenn die Nachfrage vorhanden sei. Unternehmen liefen dadurch Gefahr, wichtige Marktchancen zu verpassen. Oder wie Rammer es formuliert: „Bis wir damit durch sind, ist vielleicht der Markt schon wieder weg oder andere waren einfach schneller.“

An Wachstumschancen mangelt es Deutschland also nicht. Bleibt nur die Frage, wie sich die Voraussetzungen schaffen lassen, um sie auch zu nutzen.

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Dr. Heinrich Krämer
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