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Politik

Aktion #ichstillwoichwill: Warum Stillen bis heute provoziert

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 3, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 03.07.2026 • 15:56 Uhr

Mit einer Foto-Aktion setzen sich Mütter für die Sichtbarkeit des Stillens ein. Obwohl es als natürlich gilt, bleibt Stillen in der Öffentlichkeit umstritten. Welche Frauenbilder stehen dahinter?

Von Susanne Lang, radio3 vom rbb

An Brüsten mangelt es nicht in diesem Raum. Prall und üppig sind sie in Öl gepinselt, Babys saugen an ihnen. Alles ganz selbstverständlich. Das Motiv der stillenden Gottesmutter, „Maria lactans“, hat seinen festen Platz in der christlichen Kunstgeschichte und damit auch in Museen wie der Berliner Gemäldegalerie.

Umso stärker wirkt der Kontrast auf den Fotos, die unter dem Hashtag #ichstillwoichwill dort entstanden sind. Vor den jahrhundertealten Bildern stehen oder liegen Berliner Mütter mit ihren Kindern – und stillen. Denn im Alltag sorgt der Anblick einer stillenden Frau noch immer für Irritationen.

Stiller Protest: Eine Teilnehmerin der Aktion #ichstillwoichwill liegt mit ihrem Baby auf einer Sitzbank in der Berliner Gemäldegalerie.

Fotoaktion #ichstillwoichwill

Ende Mai hatte der Sicherheitsdienst eines Einkaufszentrums in Saarbrücken eine stillende Mutter aufgefordert, dies zu unterlassen. Daraufhin hatten Mütter in Saarbrücken demonstriert, der Vorfall erhielt bundesweit Aufmerksamkeit. Er verweist auf Erfahrungen, von denen viele stillende Frauen berichten.

Mit der Fotoaktion #ichstillwoichwill wollen die Initiatorinnen und Teilnehmerinnen nun online gegen Stigmatisierung protestieren, das Stillen sichtbar und selbstverständlicher machen. Mittlerweile sind in Trier, Stuttgart, München und Berlin Aufnahmen entstanden. Sie zeigen Stillende an alltäglichen Orten: in Bibliotheken, im Späti zwischen Kühlvitrinen und Chipsregalen, in der U-Bahn, in der Kirche oder im Museum.

Die Berliner Fotografin Lovis Trummer hat für die Protestaktion stillende Mütter im Späti, in der U-Bahn oder im Museum aufgenommen.

Fürsorge ja, aber bitte nicht öffentlich

„Stillende Mütter sollten sich nicht rechtfertigen müssen für das, was sie tun“, sagt Katharina Kokott, Gründerin des „Mein Mama-Netzwerks“ und Koordinatorin der Aktion in Berlin. Sie sollten vielmehr einer Gesellschaft gegenüberstehen, die hinterfragt, warum einem natürlichen Akt der Fürsorge noch immer mit Scham und Ablehnung begegnet werde.

In dieser Reaktion liegt vielleicht der größte Widerspruch. Obwohl sich in einer bundesweiten Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zwei Drittel der Bevölkerung dafür aussprachen, dass Mütter ihre Babys „immer und überall“ stillen dürfen, berichten viele stillende Frauen weiterhin von kritischen Blicken oder Aufforderungen, sich zurückzuziehen.

Zum Teil harsche Ablehnung

Zugleich zählt die fürsorgliche Frau zu einem der zentralen Motive unserer kulturellen Bildgeschichte, zu sehen ebenfalls in der Gemäldegalerie in Berlin: die „Carità“ von Luca Cambiaso aus dem Jahr 1570. Es zeigt eine erschöpfte Frau, die drei Kinder um sich schart. Eines von ihnen trinkt an der Brust. Kinder versorgen, manchmal bis zur Selbstaufgabe, auch dieses Bild ist tief verankert in unserer Kultur. Warum irritiert es dann im Alltag so sehr und sorgt zum Teil für harsche Ablehnung?

Die Kunsthistorikerin und Aktionsteilnehmerin Julia Meyer-Brehm ist überzeugt davon, dass es auch an der Verwandlung des Motivs in eine Handlung liegt. „Die betrachtete Stillende macht sichtbar, dass Babys Bedürfnisse haben und Fürsorge Arbeit ist.“

An Museumswänden Alltag, im Alltag nicht so gern gesehen: stillende Frauen.

Bedürfnisse vs. Selbstlosigkeit

Sichtbar werde dabei nicht nur eine Brust, sondern eine gesellschaftliche Realität, die gerne ins Private verlagert werde. „Mariendarstellungen symbolisieren eine stark idealisierte Form der Mutterschaft“, so Meyer-Brehm. „Wenn die Frau nun aber beim Shoppen, im Späti oder im Museum stillt, dann geht sie ihren eigenen Bedürfnissen nach und umsorgt ihr Kind nicht selbstlos im stillen Kämmerlein.“

Damit schließt die Aktion auch an die gesellschaftliche Debatte um den Stellenwert und die Wertschätzung von Care-Arbeit an. „Fotografie ist ein starkes Tool, um diese Realität sichtbar zu machen“, sagt die Fotografin Lovis Trummer, die die Berliner Aktion mit der Kamera begleitet hat und selbst Teil der Bildserie ist. Sie möchte damit den Blick auf das lenken, was Frauen und Mütter jeden Tag leisten.

Es geht auch um den Stellenwert und die Wertschätzung von Care-Arbeit: Eine #ichstillwoichwill-Protestgruppe vor dem Roten Rathaus in Berlin.

Brüste sollen dekorativ sein

Betrachtet werden die Frauen jedoch häufig aus einer anderen, gesellschaftlichen Perspektive: mit einem sexualisierten Blick auf die weibliche Brust. Nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Werbung, der Popkultur, im Film und der milliardenschweren Pornoindustrie wird die weibliche Brust häufig sexualisiert und idealisiert dargestellt.

„Vielleicht ist gar nicht das Stillen selbst das Problem“, vermutet die Kunsthistorikerin Meyer-Brehm, „sondern die Annahme, weibliche Körper sollten vor allem dekorativ sein.“ Beim Stillen erfüllen Brüste aber eine biologische Funktion. „Dass sie weder angestarrt noch kommentiert oder sexualisiert werden müssen, das scheint für viele Menschen noch nicht selbstverständlich zu sein.“ Die Fotos der Aktion #ichstillwoichwill sollen dazu beitragen.

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