Porträt
Yasmin Fahimi geht in ihre zweite Amtszeit an der Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Ihre ersten vier Jahre waren geprägt von Krisen und Herausforderungen. Doch die ehemalige SPD-Politikerin zeigt sich kämpferisch.
Der Applaus ist laut im Konferenzsaal des großen Kongresshotels in Berlin-Neukölln. Nach und nach erheben sich die rund 400 DGB-Delegierten im Publikum. Stehende Ovationen für die Frau an ihrer Spitze: Yasmin Fahimi.
Die 58-Jährige hat gerade ihre gut einstündige Grundsatzrede auf dem Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes gehalten. Seit vier Jahren ist sie Vorsitzende der größten deutschen Arbeitnehmer-Dachorganisation – als erste Frau in dieser Position. Und sie will auch die nächsten vier Jahre weitermachen.
Breite Zustimmung im DGB
Deutliche Bestätigung dafür erhielt Fahimi bei der Vorstandswahl wenige Stunden zuvor. 96 Prozent der Delegierten stimmten für sie, das sind drei Prozentpunkte mehr als 2022. Der hohe Wert deutet auf breite Zustimmung für ihre Person hin, zeigt aber wohl auch, wie groß das Bedürfnis nach Geschlossenheit beim DGB ist.
Denn schon die erste Amtszeit war für die ehemalige SPD-Politikerin alles andere als einfach. Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, die unberechenbare Zollpolitik des US-Präsidenten, Inflation und Wirtschaftsflaute sind nur einige der aktuellen Herausforderungen.
Von der Gewerkschaft in die Politik – und zurück
Geboren wurde Yasmin Fahimi 1967 als Tochter eines Iraners und einer Deutschen, bei Hannover wuchs sie auf. Nach dem Abitur studierte sie mit Diplomabschluss Chemie, fing danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) an. Rasch wurde sie Gewerkschaftssekretärin und rückte in den Führungsstab der IG BCE auf.
Parallel zur Karriere als Gewerkschaftsfunktionärin engagierte sich Fahimi bei der SPD – zunächst bei den Jusos, später in Parteigremien in ihrer Heimat Hannover. Der Durchbruch gelang ihr 2014 mit der Wahl zur SPD-Generalsekretärin.
2016 wurde Fahimi Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium. Ein Jahr später zog sie über ein Direktmandat in Hannover in den Bundestag ein, galt seitdem als Arbeitsmarktexpertin ihrer Fraktion. 2021 verteidigte sie ihr Direktmandat, dann aber kam der Wechsel an die DGB-Spitze.
Spitzenfunktionärin in Zeiten der Krise
Zunächst war Fahimi für ihr neues Amt nicht die Wunschkandidatin. Ein Jahr lang hatte der DGB erfolglos einen Nachfolger für den scheidenden Vorsitzenden Reiner Hoffmann gesucht. Nach Absagen anderer Kandidaten kam Fahimi ins Spiel und wurde im Mai 2022 in Berlin gewählt.
Schnell fand sie sich in die neue Rolle ein, wohl auch weil wenig Zeit zum Eingewöhnen blieb. Zu ihren bis heute größten Aufgaben zählen die digitale und demografische Transformation der Arbeitswelt, der klimagerechte Umbau der Wirtschaft und der Umgang mit Kriegen, globalen Krisen und dem Aufstieg des Populismus.
DGB verliert Mitglieder
Dabei kann Fahimi auf durchaus erfolgreiche erste vier Jahre im Amt zurückblicken. Den DGB positionierte sie stets als laute Stimme gegen Sparpolitik und den Abbau von Sozialstandards. Unter ihrer Führung drängten die Mitgliedsgewerkschaften auf stärkere Tarifbindung und das Bundestariftreuegesetz.
Auch zu gesellschaftspolitischen Debatten oder zur Transformation der Industrie brachte sich Fahimi regelmäßig ein. Dabei scheute sie auch nicht die Auseinandersetzung mit ehemaligen SPD-Genossen.
Eine Entwicklung jedoch konnte Fahimi nicht verhindern: Den fortschreitenden Mitgliederschwund der Gewerkschaften. Allein während ihrer ersten Amtszeit schrumpfte die Zahl der DGB-Mitglieder um etwa zehn Prozent von rund sechs Millionen auf derzeit etwa 5,4 Millionen.
Kritik erntete Fahimi mitunter auch aus Reihen der Arbeitnehmerschaft. So wünschten sich manche Beschäftigte mehr Fokus auf Löhne und Kaufkraft statt auf gesellschaftspolitische Diskurse.
Attacke auf Merz
Die kommenden vier Jahre dürften für die DGB-Chefin kaum einfacher werden. Darauf deutet bereits der derzeitige DGB-Bundeskongress hin. In ihrer Grundsatzrede attackierte Fahimi die Bundesregierung und Kanzler Friedrich Merz (CDU) direkt. Die Politik solle „mit den respektlosen Beschimpfungen aufhören“. Der Vorwurf der Lifestyle-Teilzeit sei Blödsinn, die Debatte eine Beleidigung, insbesondere gegenüber Frauen. Statt Ablenkungsdebatten zu führen, solle die Politik lieber die wirklichen Ursachen der Krise bekämpfen, so die Forderung.
Außerdem wirft Fahimi der schwarz-roten Koalition vor, die Gewerkschaften bei den geplanten Sozialreformen zu wenig zu beteiligen. Bei der Rentenkommission sei man nicht eingeladen worden.
Längere Arbeitszeiten, ein höheres Rentenalter oder Kürzungen in der Gesundheitsversorgung würden kein Wachstum schaffen, sondern die soziale Spaltung vorantreiben. Vor allem das Ziel, den Acht-Stunden-Tag durch eine wöchentliche Arbeitszeitbegrenzung aufzuweichen, kritisiert die DGB-Chefin scharf. Um dieses Vorhaben zu verhindern, so warnt Fahimi bereits, sei sie bereit, den Protest der Arbeitnehmer massenhaft auf die Straßen zu führen.

