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Ein surreales Fußball-Märchen: Ex-Borusse wird Star in einer Welt, die ihn schockte

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerOktober 17, 2026Keine Kommentare12 Minuten Lesezeit
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Verletzt, ohne Geld, fast am Ende: Joy-Lance Mickels denkt über ein Leben als Feuerwehrmann nach. Heute trifft er in der Champions League, nimmt es demnächst mit dem BVB auf und wird in Ruanda als Star gefeiert. Wie der Junge vom Niederrhein sein unerwartetes Fußballglück findet.

In was für eine Situation war er da schon wieder hineingeraten? Über 3000 Kilometer weg von der Heimat, ohne Familie, ohne alles. Er sitzt in seinem Hotel in Aserbaidschan und wartet auf den Anruf. Er hat noch keine SIM-Karte. Irgendwas wird passieren. Irgendwas passiert immer. Um 17 Uhr endlich die Erlösung. „Lance, du musst in zehn Minuten draußen sein“, sagt eine Stimme, und Joy-Lance Mickels packt seine Sachen. Er ist 27 Jahre alt, es ist der Sommer 2021. „Dann sind wir nach Masazir gefahren. Ich wusste nicht, wo Masazir liegt“, sagt Mickels.

Auf der Fahrt schaut er aus dem Fenster, erst fliegt die Stadt vorbei, überall riecht es nach Abgasen, sein Kopf schwirrt. Aus der Stadt wird Landschaft, und jemand zeigt auf ein Gebäude. Doch das sieht Mickels gar nicht. „Ich habe nur die Kühe gesehen, die die Straße überquert haben“, sagt er und fragt sich: „Wo bin ich gelandet?“ Zurück im Hotel wählt er sich ins WLAN ein und ruft seine Verlobte Sabuha an. Er berichtet ihr von diesem „Schockmoment“ und sagt: „Ich will direkt nach Hause.“ Sie antwortet ihm: „Du übertreibst. So schlimm kann es nicht sein.“ Sie sagt ihm: Du bleibst da, das ist die Chance.

Ein halbes Jahrzehnt später ist alles anders. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt Mickels im Podcast „ntv Sport“. Die Welt liegt ihm zu Füßen. Nicht die, die er sich ausgemalt hat. Vielleicht ist sie gerade deshalb so besonders. Joy-Lance Mickels, aufgewachsen am Niederrhein, ist ein Popstar in Ruanda, mit seinem Nationalteam auf dem Weg zum Africa Cup of Nations. Mickels ist einer, der in der Champions League jubelt. Sein Verein Sabah FK hat gerade seinen ersten Erfolg in der Königsklasse gefeiert, ein 2:0 gegen Slavia Prag. Mickels hat aus 35 Metern eines der kurioseren Tore dieser Saison erzielt und damit Geschichte geschrieben. Er ist der erste Nationalspieler Ruandas, der in der Königsklasse getroffen hat. Er ist der zweite Spieler Sabahs, dem das gelungen ist, und die UEFA zeichnet den 32-Jährigen wenig später als Man of the Match aus.

Mit Wacker Nordhausen in die Insolvenz

Wie aber konnte ein Junge vom Niederrhein mit Wurzeln in der DR Kongo ein Volksheld in Ruanda und ein Starspieler in Baku werden? Lange Zeit ist die Geschichte Mickels‘ eine, die hundertfach erzählt wird. Ein Talent macht sich auf den Weg in den Fußball und scheitert dabei an sich, an seinem Körper und an seinen Vereinen. Kurz vor der Pandemie, im Winter 2019/2020, ist Mickels‘ Karriere eigentlich schon vorbei. Mit großen Hoffnungen ist er nach Jahren in der Schweineliga, der Regionalliga West, zu Wacker Nordhausen gewechselt. In Thüringen planen sie Ende der 2010er-Jahre den Angriff auf die dritte Liga, Mickels soll dabei helfen. Der Plan scheitert krachend, der Verein geht in die Insolvenz, und mit ihm verschwinden Träume. Auch die von Mickels, der zum ersten Mal weiter weg von seiner Familie ist. Er fühlt sich einsam.

„Nicht zu wissen, wann das Geld kommt und zu lernen, wie man über die Runden kommen muss, das war hart“, sagt er. „Ich habe keine Familie, die ich mal eben um 3000 oder 4000 Euro bitten kann, um meine Rechnungen zu bezahlen.“ Nicht nur der Verein hat schlechte Botschaften für ihn, auch sein Körper macht Probleme. Sein Knie sei nicht mehr für den Leistungssport gemacht. „In ein, zwei Jahren könnte es vorbei sein, haben sie mir gesagt, und natürlich schaust du dich dann um. Erst habe ich das immer vor mir hergeschoben. Als ich mir Gedanken gemacht habe, war schnell klar: Feuerwehrmann würde mich interessieren. Ich möchte Menschen glücklich machen und ihnen helfen. Da dachte ich, das wäre eigentlich so der Job für mich.“

Mit Schalke beinahe Champions League

Es hätte der Endpunkt einer Laufbahn sein können, die beim VSF Amern in der Jugend begann, die Mickels als Talent zu Borussia Mönchengladbach führte, die ihn im Frühjahr 2015 bei Schalke 04 fast in die Champions League führte. „Bist du bereit?“, hatte ihn Trainer Roberto Di Matteo inmitten einer Krankheitswelle gefragt. Das war er natürlich, aber nur bis zum nächsten Morgen. Dann holte ihn eine Magen-Darm-Geschichte ein. So kam Felix Platte gegen Real Madrid zu seinem Debüt. Di Matteo tröstete ihn, sagte ihm, er werde seine Chance bekommen, aber dann kam mit André Breitenreiter ein neuer Trainer und die Chance bei Schalke nie wieder. Wer hätte ahnen können, dass sich diese Tür noch einmal öffnet? „Manchmal muss ich mich selbst zwicken. Es gibt so viele Spieler, die es nicht in die Champions League geschafft haben“, sagt er heute und blickt auf alle seine Mitspieler in den unterklassigen Ligen.

Die Karriere des Offensivspielers Mickels versiegte nach dem kurzen Hoffnungsschimmer bei Schalke 04. Erst bei Alemannia Aachen, wo ihn Verletzungen einholen, wo er spät schlafen geht und nach Siegen im Nachtleben verschwindet. „Das ist nicht gut für deine Regeneration. Training am nächsten Tag, du fühlst dich nicht wohl, die Muskeln zwicken, wieder raus für zwei bis drei Wochen“, sagt er heute. „Den Fokus dann wieder auf den Sport zu legen, war ein bisschen schwierig. Das muss ich ehrlich sagen.“

„Hatte immer das Gefühl, dass ich mich verstellen muss“

Die Rückschläge waren immer wieder da. Schalke, Aachen, Nordhausen. Keine gute Zeit. Aber Mickels blieb dran – trotz einer weiteren Verletzung im Probetraining bei Dynamo Dresden im Vorpandemiewinter. Dort brauchen sie eine Soforthilfe, keinen angeschlagenen Spieler. Über Jena geht es nach Maastricht in die zweite Liga der Niederlande, und dort dreht sich das Blatt. „Ich weiß nicht, was der liebe Gott mit mir vorhatte, irgendwie ging mein Leben seit Maastricht nur noch bergauf. Unbeschreiblich.“

Er sagt: „In Deutschland hatte ich immer das Gefühl, dass ich mich verstellen musste.“ Er sei zu laut, hieß es. Nach Niederlagen sei er nicht niedergeschlagen genug gewesen. „Ich bin nicht einer, der 20 Minuten in der Kabine rumheult. Ich sage: Abhaken und weitermachen. Nächste Woche ist ein neues Spiel“, sagt er. Er sei nicht ernsthaft genug. „In Holland ist das ganz anders. Du darfst so laut sein, wie du willst. Du darfst Spaß haben im Training. Es gibt beides: Spaß und Training.“

Unter Trainer Darjie Kalezic spielt Maastricht im 4-3-3. Sportlich steht der Verein still, beendet die Saison in der Keuke Divisie auf Rang elf, doch für Mickels ändert sich alles. „Maastricht hat mich noch einmal auf ein anderes Level gebracht. Ich durfte mein Dribbling verfeinern. Ich durfte wieder Spaß am Fußball haben. Das war der beste Schritt meiner Karriere.“ Auf dem Platz wird Mickels auf dem Flügel immer stärker, neben dem Platz verstetigt sich sein Leben. Er lernt seine heutige Frau kennen, sie bietet ihm jede Unterstützung an.

Mickels (l.) verliebt sich in Maastricht neu in den Fußball. (Foto: imago images/Pro Shots)

Für Geld und Cristiano Ronaldo in die Wüste

Das beweist sich, als ein alter Bekannter aus Gladbacher Tagen auf ihn zukommt: Christopher Mandiangu. Auch er hat den Durchbruch am Niederrhein nicht geschafft und sich danach auf einen Roadtrip durch die Fußballwelt begeben. Er spielt in insgesamt elf Ländern, kennt unzählige Menschen, auch jemanden, der Spieler für Sabah in Aserbaidschan sucht. „Ich wollte eigentlich in Holland bleiben“, sagt Mickels. „Ich hatte ein Angebot von Almere City.“ Aber seine Frau überzeugt ihn. Gemeinsam gehen sie nach Aserbaidschan, zum ersten Mal spielt Mickels nun in einer ersten Profiliga.

Eine Profiliga, in der er nach den ersten Schwierigkeiten ankommt. Er zieht aus dem Hotel aus, seine Verlobte zieht mit ihm in eine eigene Wohnung in Baku ein. „Wir haben uns direkt in Baku verliebt. Ich kannte das ja bis dahin nur, weil ich so ein großer Fan der Formel 1 bin.“ Das Leben gefällt dem Paar. „Die Stadt schläft nie. Du kannst einfach 24/7 einkaufen gehen. Das ist auf jeden Fall eine Stadt, wie ich sie mir vorstelle.“ In Mickels‘ erstem Jahr erzielt er elf Tore in 25 Ligaspielen, sammelt in Pokal und Liga insgesamt 21 Torbeteiligungen. Sabah, erst 2018 aus dem aserbaidschanischen Boden gestampft, beendet die Saison auf Platz fünf. Ein Jahr später sind es 17 Tore und 11 Vorlagen in 35 Ligaspielen. Sabah wird Vizemeister.

Mickels wird umgarnt. Es gibt ein Angebot von Al-Faisaly aus Saudi-Arabien, zweite Liga, aber immerhin. „Ich bin nur wegen des Geldes hingegangen“, sagt er. Er wechselt in die Wüste, ein gutes Stück von der Hauptstadt Riad entfernt. Dort will er eigentlich hin. Seit seiner Jugend hat er zwei Herzensvereine: Borussia Mönchengladbach und Manchester United. Dort bewundert er vor allen Dingen Cristiano Ronaldo, den es mittlerweile zu Al-Nassr verschlagen hat. „Ich habe gedacht, dass ich irgendwann mit ihm in der ersten Liga spiele. Ich bin da nicht hingegangen, weil das Land so schön war. Es war halt auch wieder eine schlechte Entscheidung. Aber ich musste das machen. Ich wollte es später nicht bereuen.“ Trotzdem ist er dort draußen in der Wüste wieder einsam. Er geht zurück an den Ort, an dem für ihn alles neu begann.

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In Nordhausen war es turbulent. (Foto: imago images / Karina Hessland)

„Ich habe gebetet“

In Baku empfangen sie ihn mit offenen Armen. Das Projekt Sabah nimmt weiter Fahrt auf. „Wir hatten auf einmal die besten Trikots der Liga. Wir hatten auf einmal ein richtiges Trainingsgelände, sogar mit einer Sauna. Wir haben einen richtig großen Aufenthaltsraum mit vier oder fünf Playstations drin. Wir sind komplett auf einem anderen Level. Da wurde über Jahre sehr viel investiert“, sagt er über seine Rückkehr. „Wir wurden von Jahr zu Jahr immer besser.“ In der vergangenen Saison werden sie Meister, lösen Qarabag Agdam ab, und im Pokalfinale gegen Zira FK erzielt Mickels in der ersten Minute der Nachspielzeit den Siegtreffer zum 2:1. Da spielt er schon nicht mehr auf dem Flügel, sondern im Sturmzentrum. Seiner neuen Lieblingsposition.

Es folgt die Ochsentour durch die Qualifikation zur Champions League. Als sie sich in den Playoffs mit Hapoel Beer Sheva messen, explodiert das Tofiq-Bahramow-Stadion. Mit 1:2 war das Hinspiel verloren gegangen, im Rückspiel liegen sie bis zur 74. Minute erneut mit 1:2 hinten, nach dem Ausgleich fehlt noch ein Tor. „Ich bin ein sehr gläubiger Mensch und habe irgendwann dazu gegriffen, dass ich gesagt habe: ‚Okay, wenn du, wenn du wirklich da bist, zeig mir, wie groß du bist. Und schenke uns ein Tor.'“ Noch eine Ecke. „Ich habe gebetet.“ Tellur Mütallimov trifft. „Es war so ein Torschrei. So etwas habe ich noch nie gehört. Er war einfach krank.“ In der Verlängerung trifft Sabah noch zweimal, Mickels erzielt das 5:2. Sein viertes Tor insgesamt in der Qualifikation. Sabah steht in der Champions League und somit auch Joy-Lance Mickels.

Einige Wochen später läuft er in Manchester auf. Der Wirbel um seine Person nimmt zu. Die BBC berichtet über ihn, der „Kicker“ veröffentlicht ein großes Porträt, und beim Stand von 0:1 kann er sich bei seinem Traumverein beinahe in die Geschichtsbücher eintragen. Er verpasst die Chance. „Ich war sehr verärgert. Ich meine, Cristiano Ronaldo hat für den Verein in dem Stadion hier seinen ersten Ballon d’Or gewonnen. In dem Stadion vor 75.000 Zuschauern spielen zu dürfen, das war eine sehr große Ehre, ein großes Privileg.“ Das Spiel geht 0:4 verloren, gegen Slavia Prag läuft es besser. Die ersten Punkte sind eingefahren. Die Hymne der Champions League wird er noch häufiger hören, bereits am kommenden Dienstag geht es gegen Borussia Dortmund (21 Uhr/Prime Video und im ntv.de-Liveticker), dann folgen unter anderem Neapel und Barcelona, und zum Abschluss geht es im Januar zu Arsenal. Ein Fiebertraum. „Ich kann es kaum erwarten“, sagt Mickels.

So viel Liebe war noch nie

Denn auf einmal ist er nicht nur Spieler in der Champions League, sondern auch ein Popstar in Ruanda. Die Verbindung zu dem Land entdeckt die Familie über seinen jüngeren Bruder Leroy-Jacques. Der kommt mit einem ruandischen Nationalspieler über die Herkunft seiner Familie ins Gespräch und fragt beim Vater nach. So erfahren die Brüder: Ihre früh verstorbene Großmutter wurde in Ruanda geboren, ihr Vater auf der anderen Seite der Grenze im Kongo. Ruanda wirbt um die Familie Mickels. Heute spielen Joy-Lance, sein Zwillingsbruder Joy-Slayd und Leroy-Jacques gemeinsam für die Nationalmannschaft. In der Qualifikation für den Africa Cup of Nations sieht es nach zwei Spielen und zwei Siegen, unter anderem gegen den WM-Teilnehmer Kap Verde, gut aus.

„Wer hätte nach den Stationen, die ich hatte, gedacht, dass ich irgendwann mal mit meinen Brüdern zusammen für eine Nation spielen darf? Das ist auf jeden Fall sehr groß“, sagt Mickels. „Auf der Straße erkennt dich jeder Mensch. Dieses Gefühl, mal zu erfahren, dass du so ein großer Star bist, ist schon sehr, sehr, sehr geil. Sehr, sehr geil, muss ich sagen. Und ich würde auch sagen, die Liebe, die man dort erfährt und so, ist einfach mal etwas anderes. Ich habe das noch nie so erlebt.“

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So viel Glück. (Foto: IMAGO/Ball Raw Images)

Ein letzter Traum bleibt

Wie hätten sich das die drei Brüder aus Schwalmtal auch ausmalen können? „Wir konnten überall Fußball spielen“, sagt Mickels über seine Kindheit. „Es hat uns immer auf ein Fußballfeld verschlagen. Mein Vater war sehr fußballverrückt. Er hat uns viel mitgegeben. Er hat uns den Zidane-Trick, das Marseille-Roulette, gezeigt, damit wir den Unterschied auf dem Spielfeld machen.“ Das machten sie früh und machten damit auf sich aufmerksam. Als Borussia Mönchengladbach nach einem Probetraining aber nur Joy-Slayd und Leroy-Jacques nehmen will, sagt der Vater: „Die gibt es nur im Dreierpack.“

Mit einem Jahr Verspätung geht es 2005 für alle drei Mickels zum großen Klub, und die Karrieren beginnen. Joy-Slayd spielt heute auf Malta, Leroy-Jacques bei Waldhof Mannheim. Wenn sie spielen, schreiben sie sich in einer Whatsapp-Gruppe. „Wir geben uns Tipps. Auch in der Halbzeit. Ich gucke dann nur kurz aufs Handy und schaue, was sie schreiben. Ich nehme die Tipps mit und versuche, die dann umzusetzen.“ Eine fehlende SIM-Karte ist längst kein Problem mehr. Es bleibt nur noch ein Traum. „Einmal möchte ich im Borussia-Park spielen. Ich habe Champions League gespielt, ich habe eine Liga gewonnen, einen Pokal gewonnen, bin Torschützenkönig geworden. Aber jetzt noch einmal Borussia-Park. Das wäre es.“

Verwendete Quelle: ntv.de

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