Endlich vollendetZverev zerschmettert alle Titel-Dämonen
Der ewig Unvollendete krönt sich doch: Alexander Zverev hält bei den French Open dem ganz großen Druck stand und beweist allen Kritikern, dass er ein Champion ist.
Es ist noch gar nicht so lange her, da war Alexander Zverev einfach nicht gut genug für den Grand-Slam-Titel. Das sagte er selbst so. Nach dem verlorenen Endspiel der Australian Open im Januar 2025 gegen Jannik Sinner klagte Zverev zerknirscht: „Ich bin einfach nicht gut genug. So einfach ist das. Ich bin nicht gut genug.“ Er wirkte verzweifelt, fast gebrochen. Es waren harte Worte zu sich selbst.
Später stellte er klar: „Ich möchte meine Karriere nicht als der beste Spieler aller Zeiten beenden, der nie einen Grand Slam gewonnen hat.“ Nun, dieses Ziel hat er erreicht. Anderthalb Jahre später ist die deutsche Nummer eins ganz oben angekommen. Zverev hat Historisches geschafft. Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren stemmte ein deutscher Tennisprofi wieder eine Grand-Slam-Trophäe in die Luft. In Paris muss man nach viel weiter zurückgehen. Bis ins Jahr 1937, als Henner Henkel am Bois de Boulogne gewann.
Zverev, das ewige Talent, verschrien als einer, dem die größte Auszeichnung, die Krönung, verwehrt bleibt. Ja, er ist Olympiasieger von 2021, aber das steht im Tennis hinter einem Grand-Slam-Sieg zurück. Nun hat es also doch geschafft. Im vierten Anlauf klappte es. Zuvor unterlag er Dominic Thiem 2020 bei den US Open nach einer Zweisatz-Führung, Carlos Alcaraz 2024 in einem dramatischen Match in Paris und eben dem überlegenen Sinner 2025 in Australien. Tennis-Legende Boris Becker vermutete, dass Zverev sich wegen der drei Final-Niederlagen bei Grand-Slam-Events lange „als Loser“ gefühlt habe. „Er hat jetzt eine neue Seite in seinem Lebenswerk gefunden“, sagte der dreimalige Wimbledon-Gewinner bei Eurosport.
Immenser Druck bricht Zverev nicht
Es wird Kritiker geben, die einwenden, dass der Weg zum Titel in Paris relativ einfach gewesen sei. Alcaraz? Wegen seiner Handgelenkverletzung gar nicht erst dabei. Djokovic? Früh an Supertalent Joao Fonseca gescheitert. Und Topfavorit Sinner? Scheiterte weniger am Gegner, sondern an der Bruthitze in der ersten Woche der French Open, die ohnehin eine ziemlich verrückte war.
Zverev hat davon auch profitiert, keine Frage. Trotzdem ist es bemerkenswert, wie er dem immer größer werdenden Druck standgehalten hat. Denn es war ja so: Seit dem Aus von Sinner und Djokovic galt Zverev als der große Titelfavorit bei den French Open. Triumph oder Blamage, so lauteten verkürzt die beiden möglichen Optionen für den 29-Jährigen. Kein Tag, keine Pressekonferenz blieb ohne diese Thematik. Damit muss man erstmal zurechtkommen.
Zverev tat es. Er blieb ruhig, zog sich in seinen mentalen Tunnel zurück. Große Titel-Ansagen ließ er beiseite, ließ nach eigener Angabe das Handy aus, konzentrierte sich auf das jeweils kommende Match, den kommenden Gegner. Wie in der bekannten Fußballer-Phrase. Von Match zu Match.
Und er zeigte auf dem Court, warum er zu Recht der Favorit ist. Insgesamt gab er im Turnier nur fünf Sätze ab. Richtig gefordert hat ihn schlussendlich lediglich Flavio Cobolli im Finale, als er über fünf Sätze gehen musste. Und auch nur dann, wenn es Zverev zuließ. Im fünften Satz dann ließ er keine Zweifel mehr aufkommen.
2026 ist das Jahr des Alexander Zverev. Er spielt so gut wie nie, sagte Boris Becker schon vor dem Turnier. Zverev hat sein Spiel etwas umgestellt. Er spielt aggressiver, variabler, streut zum Beispiel mehr Stoppbälle ein und hat seinen Return verbessert.
Ist der Knoten endgültig gelöst?
Die große Frage ist: Geht es nun so weiter? Zverev hat sichtbar Freude und Lust auf noch mehr. Nach dem ein oder anderen Kaltgetränk erklärte er auf der Sieger-Pressekonferenz, dass er „natürlich“ gerne noch ein paar mehr Grand-Slam-Titel gewinnen wolle. „Ich hoffe, dass auch mental bei mir irgendwas aufgeplatzt ist. Das ist schon etwas Besonderes, hier mit so einem Pokal zu sitzen“, sagte der 29-Jährige.
Die nächste Chance bietet sich dann beim Rasen-Klassiker in Wimbledon in drei Wochen. Dann warten wieder die ganz großen Namen, die Chefs auf dem Court: Sinner und Alcaraz. Die bisherigen Endgegner. Zverevs Bilanz in Wimbledon ist ausbaufähig. Während er bei allen anderen Grand-Slam-Turnieren schon das Finale erreicht hat, war in Wimbledon immer spätestens im Achtelfinale Endstation.
Doch selbst wenn in London dann wieder früher Schluss sein sollte, spielt Zverev fortan mit deutlich weniger Last auf den Schultern auf. „Wenn ich jetzt im Finale stehe, werde ich wissen: Auch wenn ich das Finale verliere, bin ich ein Grand-Slam-Champion“, sagte er. Das sei für ihn eine „Erfüllung“ und auch „Erleichterung“. All das geben ihm nun „etwas Freiheit“ und „etwas mehr Ruhe“.
Ein Zustand, den er sich verdient hat. Das sieht auch Boris Becker so. Zverev habe es nun allen gezeigt, so die Tennis-Ikone. „Er ist Grand-Slam-Champion, er ist jetzt in einem ganz besonderen Klub – und das fühlt sich verdammt gut an.“ Man könnte auch einfach sagen: Zverev war 2026 eindeutig gut genug für den Titel.
