Im Süden Italiens sind vier ausländische Erntehelfer brutal getötet worden. Die Tat wirft ein Schlaglicht auf die systematische Ausbeutung in Italiens Landwirtschaft
„Es muss nach dieser Tragödie, nach diesem Mord, ein Ruck durch die Gesellschaft gehen“, schreit Maurizio Landini auf der Piazza des kleinen Ortes Amendolara in Kalabrien ins Mikrofon. Er ist der Generalsekretär der CGIL, des größten Gewerkschaftsbundes Italiens.
Es sind etwa 3.000 Leute, die hier für einen Protestmarsch zusammengekommen sind. Die meisten sind Mitglieder der Gewerkschaft oder Mitte-Links-Politiker der Oppositionsparteien. Sie alle sind schockiert über das, was vergangene Woche am helllichten Tag passiert ist.
Ausländische Erntehelfer bei lebendigem Leibe verbrannt
Zwei Männer gossen an einer Tankstelle Benzin ins Innere eines Autos, in dem fünf ausländische Erntehelfer saßen. Sie waren ein Feuerzeug hinein, hielten von außen die Türen zu, solange es ging, und rannten dann weg.
Die Erntehelfer verbrannten bei lebendigem Leib – bis auf einen: Taj Amar, ein 35-jähriger Mann aus Afghanistan. Er und seine Kollegen hätten ihre Vorsteher um Geld gebeten, der Streit sei eskaliert. Seit einem Monat hätten sie kein Gehalt bekommen, aber jeden Tag auf dem Feld gearbeitet.
In Italien nennt man die Vorsteher der Erntehelfer „Caporali“, die in diesem Fall das Auto in Brand gesteckt hatten. Zu ihrem genauen Motiv wird noch ermittelt.
System beutet Erntehelfer in Italien aus
Doch was da in Calabrien passiert ist, ist nur die Spitze des Eisbergs eines ganzen Systems, sagt Fabio Ciconte, Vorsitzender der italienischen Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Terra. „Das sogenannte Caporalato ist ein System, das in Italien seit Jahrzehnten funktioniert“, so Ciconte.
Es basiere auf der Vermittlung zwischen Arbeitsangebot und -nachfrage. Die Landwirte bräuchten eine riesige Menge Arbeiter, wenn sie Orangen, Mandarinen, Avocados, Tomaten oder Erdbeeren ernten müssen. „Und hier kommen die Caporali ins Spiel“, sagt Ciconte.
Sie seien wie eine Agentur, würden den Landwirten billige Arbeitskräfte anbieten, und daran selbst verdienen, indem sie die Menschen, meist Migranten, ausbeuten: „Weil sie ihnen ein erbärmliches Gehalt geben und sie zwingen, in elenden Behausungen zu leben: Wir haben in ganz Italien Ghettos, in denen Tausende Menschen leben.“
Der aktuelle Fall in Kalabrien bestätigt das. Die Unterkunft der getöteten Männer war eine ärmliche Zwei-Zimmer-Wohnung, in der die Arbeiter zu zehnt auf Matratzen schliefen, berichten italienische Medien. Dafür hätten sie pro Person 500 Euro Miete im Monat zahlen müssen.
Kaum Verbesserung trotz strengerer Gesetze
Seit 2016 hat Italien strengere Gesetze, doch Ciconte sagt, auch die würden geschickt umgangen. Mit Arbeitsverträgen, auf denen viel weniger Tage stehen, als die Menschen eigentlich arbeiten. Mit Gehältern, von denen die Arbeiter am Ende nur einen Bruchteil sehen. Zudem fehle es massiv an Kontrollen vor Ort.
„Das Ganze ist Teil eines Mechanismus der Agrar- und Lebensmittelindustrie, in dem Lebensmittel zu viel und doch zu wenig kosten“, erklärt Ciconte. Viele Menschen könnten sich die Lebensmittel im Supermarkt kaum noch leisten. Und doch würde am Ende viel zu wenig für die Landwirte dabei herausspringen.
Das kritisieren seit Jahren nicht nur Hilfsorganisationen wie Oxfam, sondern nun auch die italienische Kartellbehörde, die dazu eine Untersuchung eingeleitet hat. Sie wirft den großen Ketten der Supermarktindustrie vor, ihre Marktmacht zu nutzen, um Erzeuger unter Druck zu setzen. Auch das ist ein Grund, warum das kriminelle System der Erntehelfer weiter Bestand hat.

