Jede WM soll ein großes Fußballfest sein. Doch ob sich in den USA Euphorie ausbreiten wird, ist fraglich. Hohe Ticketpreise und scharfe Einreisebestimmungen sind nur zwei Faktoren, die die Laune trüben.
Wer wie in Philadelphia durch die Innenstädte der elf amerikanischen WM-Spielorte läuft, spürt bislang nur begrenzt WM-Euphorie. Fahnen, Fanmeilen oder große Public-Viewing-Zonen sind eher die Ausnahme als die Regel. Fußball wächst zwar seit Jahren in den USA, bleibt aber hinter American Football, Basketball, Baseball und Eishockey zurück.
Die US-Amerikaner sind freundliche und offene Gastgeber. Viele freuen sich auf Besucher aus aller Welt und sehen die WM als Gelegenheit, ihre Städte zu präsentieren. Doch für die meisten Einheimischen steht der Fußball nicht im Mittelpunkt ihres Alltags.
Großes Interesse bei gratis Eintritt
Bei den vorgelagerten Trainingsspielen war das Interesse dennoch groß. Im großen Stadion von Union Philadelphia etwa verfolgten kurz vor dem Turnier noch knapp 20.000 Zuschauer die letzte öffentliche Trainingseinheit der Elfenbeinküste vor Turnierbeginn. „Die Elefanten“, wie das Team genannt wird, haben ihr WM-Quartier in der Geburtsstadt der USA aufgeschlagen.
Der Eintritt zu Trainings- und Freundschaftsspielen war frei – ein wichtiger Grund dafür, dass die Ränge gut gefüllt waren. Denn viele Fans können sich die eigentlichen WM-Tickets nicht leisten.
Kritik an Ticketpreisen: „Das ist doch absurd“
Das von der FIFA eingesetzte dynamische Preissystem gehört zu den größten Streitpunkten rund um das Turnier. Je nach Nachfrage steigen die Preise teils auf mehrere Hundert oder sogar eintausend Dollar. „Ich werde nicht hingehen können. Tausend Dollar für ein Ticket – das ist doch absurd“, sagt etwa John Cieloscik, ein junger Fan der US-Mannschaft.
Auch sein Kumpel Chase Parson kritisiert die Preisgestaltung: „Die Leute werden sich nicht einfach fügen und zahlen, was man ihnen vorschreibt. Sie werden dann nicht kommen, sie können nicht Teil des Turniers werden.“
Hohe Hürden für internationale Fans
Neben den Ticketpreisen sorgt auch die Einreisepolitik der USA für Unmut. Besonders Fans aus Ländern Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas berichten von schwierigen Visa-Verfahren, hohen Kautionsauflagen und langwierigen Kontrollen.
Mehrere Länder stehen auf sogenannten Terrorlisten. Vier der WM-Teilnehmer sind betroffen: Iran, Haiti, Senegal und eben der deutsche Gruppengegner Elfenbeinküste.
Nur eine kleine Gruppe Ivorer lebt in den USA, überwiegend in den Ostküsten-Metropolen. Viele Verwandte und Fans aus dem westafrikanischen Land können kaum anreisen: zu teuer, zu kompliziert oder gar kein Zugang.
Angst vor ICE
Zudem herrscht Unsicherheit wegen der verschärften Maßnahmen der Einwanderungsbehörde ICE. Der oberste US-Grenzschützer Tom Homan kündigte kurz vor Turnierbeginn an, die Präsenz der Beamten an den Spielorten auszuweiten, aber keine öffentlichkeitswirksamen Verhaftungen durchführen zu wollen.
„Es ist eine beängstigende Zeit für jeden, der in die USA kommt. Das ist wirklich paradox. Es fällt schwer, in so einer Situation, bei so einer Stimmung zu feiern“, berichtet Audrey Balsdon in Philadelphias berühmter Markthalle, dem Redding Terminal Market. Die junge Frau denkt dabei an die fußballbegeisterten Latinos in ihrem Bekanntenkreis.
Noch deutlicher wird der Bezirksstaatsanwalt von Philadelphia, Lawrence Krasner: „Wir haben einen schrecklichen Präsidenten, der es den Menschen sehr schwer macht, überhaupt herkommen zu wollen. Er schreckt sie ab.“
Konkurrenz durch ein anderes Großereignis
Gerade in Philadelphia richtet sich der Blick vieler Menschen derzeit auch noch auf ein anderes Großereignis: den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten am 4. Juli. In der Independence Hall im Stadtzentrum wurde einst die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet. Entsprechend präsent sind die Vorbereitungen auf die Jubiläumsfeiern überall in der Stadt.
Die bekannte Lifestyle-Influencerin Tomika Bryant beschreibt die Stimmung in ihrer Heimatstadt als zwiespältig. Viele Einwohner sprächen bereits darüber, Philadelphia während der WM zu verlassen und für einige Tage in andere Regionen zu reisen, weil durch das Turnier vieles teurer werde.
Zwar gebe es durchaus Interesse daran, die besondere Atmosphäre zu genießen und die Spiele zu verfolgen. Gleichzeitig mache die angespannte wirtschaftliche Lage viele Menschen vorsichtig. Zusätzliche Ausgaben für die WM könnten oder wollten sich zahlreiche Familien derzeit nicht leisten.
Preisaufschläge in der Gastronomie
Während die allgemeine Fußballbegeisterung also überschaubar bleibt, hoffen viele Gastronomen auf gute Geschäfte. Bars, Restaurants und Pubs bereiten sich auf internationale Gäste und Public Viewing vor. Im traditionsreichen McGillin’s, eröffnet 1860, als Lincoln zum Präsidenten gewählt wurde, blickt Besitzer Christopher Mullins vorsichtig optimistisch auf die kommenden Wochen.
Wie viele Gastronomen in den USA will aber auch er 20 Prozent Servicegebühr auf alle Rechnungen draufschlagen. Der Grund: Viele Europäer gäben nur sehr knausrig Trinkgeld und die Bedienungen in den USA seien darauf angewiesen.
Hotels warten noch auf den Ansturm
Weniger zuversichtlich zeigt sich dagegen die Hotellerie. Anders als bei früheren Großveranstaltungen blieb der erwartete Buchungsboom bislang aus. Mehrere Hotelbetreiber berichten von freien Kapazitäten und deutlich geringerer Nachfrage als ursprünglich prognostiziert.
Das passt zum Eindruck vieler Beobachter: Die USA verfügen über erstklassige Stadien, eine leistungsfähige Infrastruktur und Millionen potenzieller Besucher. Doch das Turnier entfaltet bislang nicht überall die erhoffte Sogwirkung.
Ob die WM am Ende als großes Fußballfest oder als verpasste Chance in Erinnerung bleibt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Klar ist schon jetzt: Die Fans, die kommen, werden tief in die Tasche greifen müssen.

