Der Führerschein ist für viele junge Menschen der Schlüssel zur Ausbildung, zum ersten Job und zur eigenen Mobilität. Doch in Deutschland wird er zunehmend zum Luxus.
Kurz nach zehn Uhr legt Jessica Köhler die Flex aus der Hand. Seit sechs Uhr morgens arbeitet sie in einem Metallbaubetrieb im sächsischen Meißen. Draußen wartet bereits die Fahrlehrerin. Für ihren Beruf ist der Führerschein unverzichtbar – doch bezahlen könnte sie ihn allein nicht. „4.000 Euro ist schon eine ganz schön große Summe. Das allein hinzubekommen, ist wirklich schwer“, sagt die Auszubildende.
Jessica hat Glück: Ihr Betrieb übernimmt die Kosten. Rund 9.000 Euro investiert das Unternehmen in die Führerscheine seiner beiden Auszubildenden. Ohne Fahrerlaubnis können sie später nicht auf Baustellen und Montagen eingesetzt werden.
Warum der Führerschein immer teurer wird
Die Preise sind in den vergangenen zehn Jahren massiv gestiegen. Kostete die Ausbildung 2015 im Schnitt noch rund 2.100 Euro, liegen die Gesamtkosten heute bei etwa 3.750 Euro – inflationsbereinigt ein Plus von rund 40 Prozent. Deshalb verschieben immer mehr junge Menschen den Führerschein oder verzichten zunächst ganz darauf.
Für den Preisanstieg gibt es Gründe, sagen die Fahrlehrer: steigenden Kosten für Fahrzeuge, Kraftstoff, Versicherungen und Werkstätten. Gleichzeitig fehlen vielerorts Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer. Hinzu kommt: Viele Fahrschüler benötigen heute mehr Fahrstunden als noch vor einigen Jahren. Jede zusätzliche Stunde verteuert die Ausbildung.
Führerscheinerwerb soll einfacher, flexibler und günstiger werden
Die Entwicklung beschäftigt inzwischen auch die Politik. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder will den Führerscheinerwerb einfacher, flexibler und günstiger machen. Geprüft werden digitale Theorieangebote, der stärkere Einsatz von Fahrsimulatoren und Änderungen bei den verpflichtenden Sonderfahrten.
Doch genau hier beginnt der Streit. Während das Ministerium auf Modernisierung setzt, warnen die Fahrlehrerverbände davor, bewährte Ausbildungsstandards aufzuweichen. Die entscheidende Frage lautet: Lässt sich der Führerschein günstiger machen, ohne die Verkehrssicherheit zu gefährden? Die Suche nach Antworten führt nach Frankreich.
Frankreich: Mehr Praxis, weniger Kosten
Paris, 17. Arrondissement. Camille Maillard steuert einen klobigen SUV sicher durch den dichten Stadtverkehr. Neben ihr sitzt ihr Vater Emanuele. Was deutsche Autofahrer überraschen dürfte: Die 17-Jährige besitzt noch gar keinen Führerschein. „Das Fahren mit meinen Eltern hat mir viel mehr Vertrauen gegeben“, sagt sie. „Ich habe viele unterschiedliche Situationen erlebt und bin dadurch besser vorbereitet, später allein zu fahren.“
Was in Deutschland kaum vorstellbar ist, gehört in Frankreich seit Jahrzehnten zum Ausbildungssystem. Beim Modell Conduite accompagnée dürfen Jugendliche bereits ab 15 Jahren nach mindestens 20 Fahrstunden mit einem Fahrlehrer 3.000 Kilometer Fahrpraxis mit einer eingetragenen Begleitperson sammeln.
Weniger Fahrstunden dank Praxiserfahrung
Die zusätzliche Praxis zahlt sich aus: Während in Frankreich insgesamt rund 60 Prozent der Fahrschüler die praktische Prüfung bestehen, steigt die Erfolgsquote beim Begleiteten Fahren auf bis zu 75 Prozent. Gleichzeitig sparen viele Familien teure Fahrstunden, weil ein Teil der Ausbildung privat erfolgt.
Auch Camilles Vater sieht darin einen Sicherheitsgewinn. „Eltern wollen vor allem, dass ihre Kinder sicher unterwegs sind“, sagt Emanuele Maillard. „Deshalb achten wir vielleicht sogar noch stärker auf vorsichtiges Fahren.“ Genau darin liegt der Kern der deutschen Reformdebatte: Kann zusätzliche Fahrpraxis im Familienalltag die klassische Fahrausbildung sinnvoll ergänzen – oder leidet darunter am Ende die Ausbildungsqualität?
Zwischen Reform und Sicherheitsbedenken
Eins steht fest: Die Bundesregierung will die Fahrausbildung modernisieren. Geplant sind mehr digitale Lernangebote, der Einsatz von Fahrsimulatoren und weniger verpflichtende Sonderfahrten. Ziel ist es, den Führerschein flexibler und günstiger zu machen.
Der Fahrlehrerverband sieht die Pläne kritisch. Vorsitzender Jürgen Kopp warnt davor, bewährte Ausbildungsstandards aufzuweichen. Simulatoren seien zwar hilfreich, könnten gefährliche Verkehrssituationen aber nicht realistisch vermitteln. Auch beim begleiteten Fahren mit den Eltern befürchtet der Verband, dass sich Fehler und ungünstige Fahrgewohnheiten verfestigen.
Bundesverkehrsminister Schnieder hält dagegen. Viele Reformen seien in anderen europäischen Ländern längst bewährt. Das Sicherheitsargument dürfe notwendige Veränderungen nicht grundsätzlich verhindern.
Kompromissmodell aus Österreich?
Der Blick nach Frankreich zeigt allerdings ein differenziertes Bild. Junge Autofahrer verunglücken dort häufiger tödlich als in Deutschland. Fachleute führen das jedoch nicht allein auf die Fahrausbildung zurück. Als Ursachen gelten vor allem mehr schwere Landstraßenunfälle, Unterschiede bei Infrastruktur und Verkehrsverhalten sowie der höhere Anteil motorisierter Zweiräder.
Dass günstiger und sicher kein Widerspruch sein müssen, zeigt Österreich. Dort ist begleitetes Fahren eng mit der professionellen Fahrausbildung verzahnt. Jugendliche sammeln zusätzliche Fahrpraxis mit ihren Eltern, bleiben aber regelmäßig an die Fahrschule angebunden. Für viele Fachleute ist das ein gangbarer Kompromiss.
Auch für den Wirtschaftsstandort wichtig
Wie die Reform am Ende aussehen wird, ist offen. Fest steht nur: Der Handlungsdruck wächst. Für viele junge Menschen – vor allem auf dem Land – entscheidet der Führerschein darüber, ob sie eine Ausbildung antreten, einen Job erreichen oder überhaupt mobil sein können.
Wenn der Führerschein für immer mehr Menschen unbezahlbar wird, betrifft das nicht nur Fahrschüler – sondern auch Betriebe und den Wirtschaftsstandort Deutschland. Die Frage ist deshalb mittlerweile nicht mehr, ob die Fahrausbildung reformiert wird, sondern wie viel Veränderung Deutschland zulässt.
