Weltspiegel
Die japanische Mafia, Yakuza genannt, wuchs über Jahrzehnte zu einer mächtigen Schattenwelt heran. Aus dem Innern der Männerbanden erzählt nun ausgerechnet eine Frau – und berichtet, wie sie den Ausstieg schaffte.
Sie streifen sich Warnwesten über, laufen mit Müllzangen die Straßen ab. Den kaum vorhandenen Abfall kratzen sie aus den Ritzen. Es ist eine Geste. Ein Angebot, sich nützlich zu machen. Eine Bitte um Vergebung.
Angeführt werden sie von Mako Nishimura, einer knapp 60 Jahre alten Frau mit bewegter Vergangenheit. In der Großstadt Gifu stand sie früher buchstäblich ihren Mann – mit den Fäusten, und wenn es sein musste, auch mit dem Baseballschläger. Sie war Mitglied der örtlichen Yakuza. So nennen sie in Japan das organisierte Verbrechen. „Ohne diese Ereignisse wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin. Das tut mir leid, aber rückblickend war es vielleicht das Beste so.“
„Ich wollte die Böseste von allen sein“
Heute organisiert Nishimura freiwillige Müllsammel-Aktionen in der Stadt. Es ist eine Art Treffpunkt für Menschen mit ähnlicher Geschichte. Einige haben Jahre oder sogar Jahrzehnte hinter Gittern gesessen. Tätowierungen schauen unter den Hemdsärmeln hervor, auch bei Mako Nishimura. „Ich ließ mich tätowieren, weil ich damals die Böseste von allen sein wollte.“
Sie verbindet eine ähnliche Geschichte: Gemeinsam mit anderen früheren Kriminellen trifft sich Mako Nishimura zu freiwilligen Müllsammel-Aktionen.
Sie dealte mit Drogen, kassierte Schutzgeld
Ein Drache auf der einen Schulter, ein Tiger auf der anderen. Großflächige Motive bedecken Arme, Beine, Hände. Das Erkennungszeichen der Yakuza. Nishimura ist in Japan die einzige bekannte und bekennende Frau, die sich den Gangstern anschloss.
Sie dealte mit Drogen, kassierte Schutzgeld von Bars, löste Meinungsverschiedenheiten durch Zuschlagen. „Das war die Zeit, als ich wie ein Mann auftrat. Ich habe mich voll und ganz darauf konzentriert, ein richtiger Yakuza zu werden.“ Das brachte sie für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.
Nishimura stammt aus einem bürgerlichen Elternhaus. Aber sie suchte früh Anerkennung in der scheinbar coolen Verbrecherwelt. Ihrer Organisation ordnete sie sich bedingungslos unter. Als der Boss es verlangte, bestrafte sie sich sogar selbst. Nach einem Streit um Drogen schnitt sie sich ein Fingerglied ab, in Kreisen der Yakuza eine übliche Form der Sühne, wenn ein Bandenmitglied versagt.
Tätowierungen auf der Hand und ein abgeschnittener Finger zeugen von der kriminellen Vergangenheit von Mako Nishimura.
Wirtschaftskrise – Krise für die Kriminellen
Lange Zeit konnten die kriminellen Netzwerke auf beste Verbindungen zählen, bis in die Politik. Doch als Japan in eine anhaltende Wirtschaftskrise geriet, liefen auch ihre Geschäfte schlechter.
Der Rückhalt in der Gesellschaft schwand. Schärfere Gesetze und der Druck der Polizei drängten die Banden ab den 1990er-Jahren immer mehr in die Defensive. Von einst 180.000 Mitgliedern stürzte ihre Zahl auf heute weniger als 10.000 ab. Moderne Formen der Kriminalität haben den herkömmlichen Banden den Rang abgelaufen.
„Heute können Yakuza nicht einmal mehr Schutzgeld eintreiben“, so Nishimura. „Die Geschäfte gehen pleite. Es gibt keine Arbeit mehr für sie.“ Der Weg zurück ins bürgerliche Leben bleibt meist auch versperrt, wie sie selbst erfuhr. Sie bewarb sich vergeblich als Altenpflegerin. Ihre Tätowierungen verrieten ihr Vorleben.
Mit einer Selbsthilfeorganisation schaffte sie den Ausstieg – und unterstützt jetzt andere Ex-Häftlinge, wieder im Alltag zurechtzukommen.
Tausende Ex-Yakuza am Rande der Gesellschaft
Den Ausstieg schaffte sie im Jahr 2012, mit Unterstützung einer Selbsthilfeorganisation. Das Beispiel anderer ermutigte sie. Heute hilft sie selbst anderen Ex-Häftlingen, wieder auf die Beine zu kommen. Sie arbeitet auf dem Bau und kann anderen kleine Jobs vermitteln. Auch bei der Wohnungssuche unterstützt sie.
Für den Strafrechtler, Professor Masahiro Ohno von der Asahi-Universität in Gifu, ist das ein vorbildhafter Ansatz: „In Japan verurteilen die Menschen Straftaten besonders scharf. Einzelne Wegbereiter müssen erst beweisen, dass eine Resozialisierung von ehemaligen Straftätern möglich ist.“
Der Niedergang der früher einflussreichen Verbrecherbanden hat ihre einstigen Mitglieder nicht aus der Welt verschwinden lassen. Tausende Ex-Yakuza in Japan fristen heute ein Leben am Rande der Gesellschaft – in die Jahre gekommen, mittellos, ausgegrenzt. Um Menschen wie sie kümmert sich Mako Nishimura.
„Natürlich war das, was ich getan habe, falsch“, bilanziert sie heute ihr früheres Leben. „Aber rückblickend nutze ich diese Erfahrung, um andere anzuleiten. Als jemand, der das selbst durchgemacht hat, verstehe ich den Wunsch, sich zu ändern.“
Der Weg in ein Leben ohne Gewalt und Drogen – er führt über das Aufsammeln von Abfall aus dem Rinnstein.

