Die Wetten stehen schlecht, dass der kleine Inselstaat Kap Verde in seinem ersten WM-K.o.-Spiel den amtierenden Weltmeister Argentinien schlägt. Unabhängig vom Ausgang wird das ganze Land die „Blauhaie“ feiern.
Aus dem Feiern kommt man gar nicht mehr heraus in Kap Verde. Und das dürfe auch nach dem WM-Spiel gegen Argentinien gern so bleiben, findet der kapverdianische Wirtschaftswissenschaftler Elias Mendes Monteiro: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Argentinien gewinnt, liegt bei 90 zu 10, aber unsere Stärke wird sich zeigen. Mal sehen, ob dieses Spiel nicht doch mit einer unglaublichen Geschichte endet.“
Doch selbst im Fall einer Niederlage habe der Inselstaat vor der Küste Westafrikas vom Turnierverlauf bereits jetzt massiv profitiert. Dreimal Unentschieden reichte für den Einzug in die K.o.-Runde – und für reichlich Partystimmung und Umsatz in der Heimat: „Das war doch schon jetzt ein schöner Sommer für unsere Wirtschaft. Aber das wahre Potenzial liegt noch in der Zukunft.“
Kneipen, Klubs und Restaurants hätten schon jetzt Rekordumsätze zu verzeichnen, weil so viele Menschen die Spiele der Blauhaie in Gesellschaft mit anderen verfolgen wollten, meint der Chef der Handelskammer der Region Sotavento in Kap Verde, Marcos Rodrigues.
Das Land wird international sichtbar
Doch den größten Effekt erzeuge die weltweite Sichtbarkeit, die die FIFA-WM Kap Verde beschere: „Viele Leute wissen das nicht, aber Experten können das beziffern: den Wert der Bilder und Artikel in den großen Medien, all das, was in Social Media über Kap Verde verbreitet wird – so viel Geld für Werbung hätten wir niemals, niemals aufbringen können.“
Rodrigues spricht von Milliarden US-Dollar an Werbewert. Nun müsse das Land aus der unverhofften und nahezu kostenlosen Dauer-Publicity nur noch das beste machen, fordert der Soziologe Redy Wilson Lima in Kap Verdes Hauptstadt Praia: „Es ist eine große Chance für die Marke Kap Verde. Denn die gibt es, diese Marke, aber sie ist noch sehr volkstümlich.“
Botschaft an Exilkapverdianer
Bislang sei es vor allem die Musik-Tradition, die Kap Verdes Image definiere, vor allem die der Morna-Sängerin Césaria Évora. Mit dem nun um Fußballruhm erweiterten Image, glaubt Lima, könne man viele Exilkapverdianer der dritten und vierten Generation wieder für die Heimat ihrer Vorfahren begeistern: Man werde Landsleute kennenlernen, von denen zuvor keiner gewusst habe, dass sie aus Kap Verde sind.
Die mehr als eine Million Auswanderer sind extrem wichtig für die Wirtschaft der Heimat. Denn vom Diesel bis zur Dachpfanne, vom Teller bis zur Tomate muss der Inselstaat 80 Prozent des Bedarfs teuer importieren. Trinkwasser kommt aus Entsalzungsanlagen und ist rationiert. Die hohen Zahlungen aus der Diaspora bessern die Zahlungsbilanz auf, ebenso wie die rund 1,2 Millionen Touristen im Jahr.
Kap Verde besitze keinerlei Rohstoffe, bilanzierte die kapverdische Soziologin Roselma Évora einmal, aber, „es ist ein Land, das aus dem wenigen, was es hat, sehr viel macht. Es gibt Dichter, Musiker und verschiedene andere Dinge, die uns stolz machen“.
Die Nationalelf als Botschafter
Dazu zählt nun vor allem die Nationalmannschaft, genannt die Blauhaie, deren Spieler allerdings nahezu alle im Ausland groß wurden. Ihr Beispiel, hofft der Präsident der Fußballschule Maracanã in Praia, Carlos Alberto Tavares, werde Kap Verdes Regierung dazu verleiten, in die marode Sportinfrastruktur des Landes zu investieren, vor allem aber in die Ausbildung junger Spieler: „Man kann ja nicht vom Sport sprechen ohne Training und Ausbildung. Und selbst wenn unsere Sportanlagen heruntergekommen sind, können wir noch Profis heranziehen.“
Inzwischen, berichtet ein Gesprächspartner in Praia, habe man bereits eine ganze Delegation von potenziellen Investoren aus Brasilien in Kap Verde begrüßen können. Sie alle hätten das blaue Trikot der Blauhaie getragen. Manche Bilder aus dem Land in den sozialen Netzwerken vermitteln den Eindruck, dass dort derzeit eigentlich niemand mehr etwas anderes anhat.

