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Politik

Krankschreibungen: Was die Koalition plant und was noch offen ist

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 3, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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FAQ

Stand: 03.07.2026 • 18:55 Uhr

Die geplante Verschärfung bei Krankschreibungen sorgt für Streit. Die Koalition will den Krankenstand senken. Bei Ärzten, Krankenkassen und auch in der SPD gibt es Zweifel am Nutzen der Pläne.

Dietrich Karl Mäurer

„Man sitzt auf der Bettkante und überlegt: Passt das heute?“ Mit diesem Satz beschreibt Unionsfraktionschef Jens Spahn im ARD-Morgenmagazin die Fälle, die die Bundesregierung mit ihren neuen Regeln bei Krankschreibungen verhindern will: Beschäftigte, die nach Spahns Ansicht nicht wirklich krank sind, aber überlegen, ob sie zur Arbeit gehen sollen oder nicht.

Union und SPD haben in ihrem Reformpaket vereinbart, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Zudem soll eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung künftig grundsätzlich schon für den ersten Krankheitstag erforderlich sein. Die Koalition will damit nach eigenen Angaben den hohen Krankenstand senken und die Wirtschaft stärken.

Warum will die Koalition handeln?

Die Union begründet die Pläne mit den hohen Fehlzeiten in Deutschland. Spahn verweist auf rund 18 Krankheitstage pro Arbeitnehmer im Jahr. Die Frage stelle sich, ob die Deutschen tatsächlich „so viel kränker sind“ als die anderen in Europa. Deshalb brauche es Maßnahmen. Aus Sicht des CDU-Politikers könnte die neue Regel dazu führen, dass Beschäftigte, die morgens zwischen Arbeit und Krankmeldung schwanken, sich eher für die Arbeit entscheiden. Das sei „auch fairer gegenüber den Kollegen“.

Auch Bundeskanzler Friedrich Merz verteidigt die Reform. Im ARD-Brennpunkt sagt er: „Wir kehren zu der Regelung zurück, die wir vor Corona hatten.“ Im ZDF ergänzt er: „Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis. Sie müssen vom ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung haben.“

Der Kanzler verweist darauf, dass die telefonische Krankschreibung während der Corona-Pandemie eingeführt wurde. Zudem sollen Unternehmen und Tarifparteien auch künftig von der gesetzlichen Regel abweichen können.

Ist da eine Rückkehr zu den Vor-Corona-Regeln?

Nur teilweise. Schon vor Corona galt die Drei-Tage-Regel. Beschäftigte mussten ein Attest grundsätzlich erst vorlegen, wenn die Erkrankung länger als drei Kalendertage dauerte. Arbeitgeber konnten allerdings auch damals schon eine Bescheinigung ab dem ersten Tag verlangen.

Die Reform geht deshalb über eine bloße Rückkehr zum Zustand vor der Pandemie hinaus. Zwar würde die telefonische Krankschreibung wegfallen. Neu wäre aber, dass das Attest ab dem ersten Krankheitstag zum gesetzlichen Regelfall wird.

Wann müsste man künftig zum Arzt?

Genau das ist bislang offen. Regierungssprecher Stefan Kornelius stellte klar, dass die neue Regel nicht automatisch bedeutet, dass Erkrankte am ersten Tag eine Praxis aufsuchen müssen. Die konkrete Ausgestaltung soll erst im Gesetzgebungsverfahren festgelegt werden.

Fest steht bislang nur: Die Videosprechstunde soll erhalten bleiben. Zudem können Ärzte eine Arbeitsunfähigkeit schon heute in Ausnahmefällen rückwirkend bescheinigen. Deshalb wird auch darüber diskutiert, ob Beschäftigte eine Bescheinigung später nachreichen können.

Wovor warnen Ärzte?

Besonders scharf fällt die Kritik der Ärzteschaft aus. Der Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Markus Blumenthal-Beier, warnt im Interview mit NDR Info: „Es werden in dieser Kombination mehrere Millionen mehr Patientinnen und Patienten in unsere sowieso schon sehr vollen Praxen drängen.“

Viele Menschen würden dann vor allem wegen einer Bescheinigung kommen. „Die Kranken, die uns dringend brauchen, die werden viel länger warten müssen.“

Noch drastischer fällt die Prognose der Kassenärztlichen Bundesvereinigung aus. Sie rechnet mit mindestens 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr. Auch Krankenkassen warnen vor vollen Wartezimmern und zusätzlicher Bürokratie.

Hat die Telefon-Krankschreibung den Krankenstand erhöht?

Genau darüber wird derzeit besonders heftig gestritten. Merz begründet die Abschaffung auch mit gestiegenen Krankschreibungszahlen. Er sagt: „Die telefonische Krankschreibung haben wir gemacht, um die Ansteckungsgefahren zu reduzieren, nicht um die Krankschreibung zu erleichtern.“

Ärzte und Krankenkassen sehen dafür jedoch keinen Beleg. Hausärzteverbands-Chef Blumenthal-Beier widerspricht: „Mit der telefonischen Krankschreibung hat das alles gar nichts zu tun.“

Nach Analysen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung und der Barmer gibt es keine Hinweise darauf, dass die Telefon-Krankschreibung ein wesentlicher Treiber höherer Fehlzeiten ist. Ihr Anteil lag zuletzt lediglich bei 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen.

Sind die Deutschen häufiger krank als früher oder nur häufiger krank gemeldet?

Von Kirsten Girschick, ARD-Hauptstadtstudio
Beides. Laut Daten der Betriebskrankenkassen (BKK) stiegen die gemeldeten Arbeitsunfähigkeitstage (AU-Tage) pro versichertem Beschäftigten von 18 Tagen im Jahr 2016 auf 22 Tage. Ein Teil dieses Anstiegs, Experten schätzen circa 40 bis 60 Prozent, lässt sich darauf zurückführen, dass die eAU, also die elektronische Arbeitsunfähigkeitsmeldung seit 2022 Pflicht ist. Damit werden alle Krankmeldungen automatisch von den Arztpraxen an die Krankenkassen geschickt, früher haben die Versicherten das häufig vergessen.

Der restliche Anstieg lässt sich durch eine tatsächlich höhere Krankheitslast erklären. Krankmeldungen etwa wegen Atemwegserkrankungen stiegen nach 2021 sprunghaft an und verharren seitdem auf hohem Niveau. 2016 waren es noch 2,7 Krankentage pro beschäftigtem Versicherten, 2024 bereits 4,4 Tage. Ein Grund dafür ist Covid-19, eine Krankheit, die es vor 2020 noch nicht gab.

Von den Krankenkassen nicht erfasst werden übrigens alle Krankmeldungen, die nur aus einem Anruf beim Arbeitgeber bestehen. Allerdings: Manche Arbeitgeber verlangen bereits ab dem ersten Krankheitstag eine AU-Bescheinigung. Bei einer Umfrage des IGES-Instituts für die DAK gaben 63 Prozent der Arbeitnehmer im Jahr 2024 an, dass sie sich immer mit einer ärztlichen Bescheinigung krankmelden. 2015 waren es nur 53 Prozent.

Und: Ob ein Arbeitnehmer tatsächlich krank ist, oder nur so tut, fließt in keine offizielle Statistik ein. Bei der oben erwähnten Umfrage gaben 92,2 Prozent der Beschäftigten an, dass sie nie „blaumachen“, 7 Prozent tun es eher selten.

Wie sieht die SPD das?

Die Kritik kommt inzwischen auch aus den eigenen Reihen der Koalition. Der SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis fordert eine wissenschaftliche Grundlage für die geplanten Verschärfungen. „Tiefgreifende Änderungen bei den Regelungen zur Arbeitsunfähigkeit müssen auf einer belastbaren wissenschaftlichen und empirischen Grundlage beruhen.“ Nach seiner Einschätzung fehlen bislang Belege dafür, dass die telefonische Krankschreibung den Krankenstand erhöht habe.

Gleichzeitig macht die SPD deutlich, dass die Regelung für sie Teil eines Kompromisses mit der Union ist. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf und Parteichef Lars Klingbeil verweisen darauf, dass die Union ursprünglich einen Karenztag ohne Lohnfortzahlung gefordert habe. Das habe die SPD abgelehnt. Klingbeil verteidigt den Kompromiss zwar grundsätzlich. Er macht im ZDF aber deutlich, dass die konkrete Umsetzung noch offen ist. „Natürlich müssen wir das jetzt so machen, dass niemand krank zur Arbeit geht.“ Nun müsse man „gute, pragmatische Lösungen finden“.

Was soll sich bei Facharztterminen ändern?

Fast untergegangen ist ein weiterer Punkt des Reformpakets. Union und SPD wollen eine „Termingarantie Fachärzte“ einführen. Hintergrund sind lange Wartezeiten auf Facharzttermine. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse wartet mehr als die Hälfte der gesetzlich Versicherten länger als vier Wochen.

Die Koalition setzt auf ein Primärarztsystem. Hausärzte sollen Patienten gezielter an Fachärzte vermitteln und so Wartezeiten verkürzen. Wie die Termingarantie konkret aussehen soll, ist bislang allerdings offen. Damit gilt für die Facharzttermine wie für die Krankschreibung: Die politische Entscheidung steht, viele Details noch nicht.

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