Ende Februar begannen die USA und Israel den Krieg gegen Iran. Drei Monate später sehen Experten Iran vor einem Dilemma, US-Präsident Trump in der Falle und Israel im Schwebezustand.
„Ich kam sieben Minuten nach dem Alarm an, nachdem die Rakete eingeschlagen war – um 5:40 Uhr. Alles hat gebrannt. Sehen Sie die verkohlten Überreste der Autos. Sie müssen die Radkappen zählen, damit sie mir glauben, dass das Autos waren. Dann habe ich Schreie gehört“, erzählt Oded Revivi.
Er steht in einem Trümmerfeld. Kaputte Wände lassen erkennen, dass hier Wohnhäuser standen. Vor drei Monaten, zu Beginn des Krieges mit Iran, schlug hier in der israelischen Stadt Bet Shemesh zwischen Tel Aviv und Jerusalem eine Rakete ein – mit einer halben Tonne Sprengstoff. Aus dem Schutt ragen Radkappen und geschmolzenes Metall. Überbleibsel von Autos, die vor einer Synagoge parkten.
Bombe fiel auf Synagoge
Revivi ist Einsatzleiter des israelischen Heimatschutzkommandos. An jenem Tag leitete er den Einsatz. „Der Einschlag der iranischen Rakete direkt auf die Synagoge war so stark, dass sie fast zu Staub zerfallen ist. Das Dach stürzte ein. Alles wurde dem Erdboden gleichgemacht“, berichtet er.
„Die ersten Soldaten, die ankamen, wussten nicht, dass darunter ein Bunker war. Das merkten wir erst, als wir in dem Loch da eine Mutter sahen, die ihr Baby im Arm hielt“, erinnert er sich. Wie durch ein Wunder wurde das Baby gerettet, die Mutter verlor ein Bein. Zwei Menschen starben im Bunker der Synagoge, neun insgesamt an der Einschlagsstelle.
Bereits kurz nach Kriegsbeginn wurde Bet Shemesh am 1. März Ziel eines iranischen Angriffs.
Iran wechselt Strategie und Waffen
Das Horrorszenario lässt Revivi nicht los. Der Vorfall habe gezeigt, dass Iran immer noch Raketen mit hoher Sprengkraft besitze. Sprengstoff, der Wohnblöcke zum Einsturz bringe.
Nachdem Iran zunächst hochexplosive Raketen einsetzte, änderte das Regime im Krieg seine Strategie und setzte Clusterbomben ein, weil die schwerer abzufangen sind, erklärt Yehoshua Kalisky. Er ist Waffenexperte am Institut für Nationale Sicherheitsstudien INSS.
„Wenn sie diese Raketen nicht in der Erdatmosphäre abfangen, explodieren sie in einer Höhe von zehn Kilometern. Dann verteilen sich viele kleine Sprengladungen auf einem Gebiet von bis zu 20 Kilometern. Zwar ist der unmittelbare Schaden kleiner. Aber der Kollateralschaden für Menschen ist größer. Es ist eine Terrorwaffe“, so Kalisky.
Druck auf Weltwirtschaft stärkt Position Irans
Deshalb sei es für Israel wichtig, dass Verhandlungen zwischen den USA und Iran nicht nur ein Ende des Atomprogramms beinhalten, sondern auch des ballistischen Raketenprogramms Irans. Davon war laut Berichten zuletzt keine Rede mehr, warnt auch Meir Litvak. Einen Regimewechsel in Iran hält der Experte für Geschichte des Nahen Ostens an der Tel Aviv Universität auch im Fall einer weiteren Eskalation für unwahrscheinlich.
Iran sei jetzt in einer besseren Verhandlungsposition, weil das Land die Straße von Hormus kontrolliere und damit die Weltwirtschaft unter Druck setze, sagt Litvak und betont: „Auch wenn die USA die iranischen Häfen blockieren, glauben die Iraner, dass sie die Blockade aussitzen können, bis die Weltwirtschaft dem Druck nachgibt – beziehungsweise Trump. Deshalb glaubt Iran, dass Israel und die USA ihr Hauptziel nicht erreichen werden, dass das Regime in Teheran fällt.“
Die Revolutionsgarde Irans hätte Abschussrampen, die im Krieg verschüttet wurden, ausgegraben, sagen beide Experten. Sie schätzen, das Regime verfüge noch über etwa 200 Abschussrampen und mehr als 1.000 ballistische Raketen.
Wirtschaftlicher Schaden bedeutet für Iran schweres Dilemma
Trotz eines ständigen Wechsels der Angriffsstrategie Irans, sei Israel auf einen weiteren Krieg vorbereitet, fügt Kalisky vom INSS hinzu. Allerdings habe Iran bei einer weiteren Eskalation damit gedroht, die Angriffe erneut auszuweiten, gibt Litvak zu Bedenken. Schwach dagegen sei das iranische Luftverteidigungsystem. Es sei in vorhergehenden Auseinandersetzungen schwer getroffen worden.
Und auch der Schaden für die iranische Wirtschaft sei nicht zu unterschätzen, so Litvak: „Iranischen Angaben zufolge beträgt der wirtschaftliche Schaden für Iran 270 Milliarden Dollar. Inoffiziell dürfte er höher sein.“
Nach dem Krieg stehe das Land deshalb vor einem schweren Dilemma. Soll das Regime die militärische Schlagkraft wieder aufbauen oder die Wirtschaft? Dennoch habe der Krieg bislang die strategischen Ziele aus Sicht der USA und Israels nicht erfüllt. Auch aus diesem Grund hält der Experte eine weitere Angriffsrunde für wahrscheinlich.
Israels aktive Front im Norden
Hinzu komme, dass Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu auf eine erneute Eskalation dränge, um im Wahlkampf punkten zu können. Und so befindet sich Israel weiter im Schwebezustand, sagt Litvak weiter.
Gleichzeitig habe Israel jetzt ein Problem im Libanon. Die mit Iran verbündete Hisbollah-Miliz setze verstärkt Drohnen ein. Litvak betont: „Die sind schwerer und teurer abzufangen. Dagegen hat Israel kein wirksames Mittel. Der verstärkte Militäreinsatz von Israel im Libanon lenkt ab und schwächt das Militär, sollte es zu einer neuen Eskalation mit Iran kommen.“
Gerade erst hat Netanjahu angekündigt, verstärkt militärisch im Libanon vorzugehen. Auch außerhalb des bislang von Israel besetzten Gebietes, der sogenannten Pufferzone, in der zuletzt trotz Waffenruhe wieder gekämpft wurde. Die USA haben israelischen Berichten zufolge dafür grünes Licht gegeben. Allerdings seien Angriffe auf die libanesische Hauptstadt Beirut vorerst tabu, heißt es weiter. Am Mittwochabend griff die israelische Armee die libanesische Hafenstadt Tyrus an.
„Trump sitzt in einer selbstgebauten Falle“
Wie weit die Eskalation geht, sowohl im Libanon als auch mit Iran, hängt aber nicht von Netanjahu ab, sondern ausschließlich von US-Präsident Donald Trump, schätzt Litvak: „Er sitzt in einer selbstgebauten Falle. Einerseits gehen die Iraner nicht auf die Forderungen Trumps ein. Nimmt er die Bedingungen Irans an, der die Spielregeln in der Straße von Hormuz verändert hat, wird er gedemütigt.“
Trump müsse handeln, sagt Litvak und fügt hinzu: „Andererseits steigt der Widerstand gegen den Krieg in den USA sowie der Druck auf die Weltwirtschaft. Also zögert Trump, Iran noch einmal anzugreifen. Es bleibt ihm also Demütigung, wenn er nichts tut oder Risiko, wenn er erneut angreift.“
Wappnen für den erneuten Ernstfall
Am Unglücksort in Bet Shemesh dauern die Aufräumarbeiten auch drei Monate später an. Einsatzleiter Revivi hat gefährliche Abschnitte im Trümmerfeld gekennzeichnet: „Sehen Sie das Schild. Alle Häuser haben eines. Das da ist rot. Das heißt, es ist sehr gefährlich. Es kann jederzeit einstürzen.“
Auch während der Waffenruhe mit Iran übt Revivi regelmäßig mit seinem Team den Ernstfall. „Die Situation kann sich jede Minute ändern. Wir haben gesehen, was hier passiert ist und können uns vorbereiten. Aber wir wissen, der Feind schläft nicht. Er wird sich neue Angriffstechniken ausdenken. Wir können nur hoffen, dass wir schneller sind.“
28 Menschen überlebten im Bunker der Synagoge, weil sie auf Stühlen an der Wand und nicht in der Mitte des Raums saßen, sagt Revivi. Einen Tag nach dem Einschlag habe er ein Überwachungsvideo gesehen, das zeigt, wie Menschen aus dem Bunker klettern. Das helfe ihm dabei, das Ganze zu verarbeiten, sagt Revivi und verlässt den eingezäunten Einschlagsort.

